Gefängnisseelsorge in Dortmund

Wie muss man mit Gefangenen sprechen und wie weit reicht Vergebung? Sind alle Menschen potenzielle Straftäter? Alexander Glinka ist katholischer Gefängnisseelsorger in der JVA Dortmund. Ihm stellen sich diese Fragen.

Armaturen für die Justizvollzugsbeamten vor einer Gefängniszelle. Foto: Andreas Wiedenhaus
veröffentlicht am 06.08.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Alexander Glinka ist seit drei Jahren Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dortmund. Was die Menschen, die Hilfe bei ihm suchen, getan haben, möchte der studierte Theologe gar nicht wissen. Er konzentriert sich auf die Person selbst und begleitet sie ein Stück auf ihrem Weg.

Von Wolfgang Maaß

Sie fallen auf, die langen Schlüssel. Alexander Glinka hat sie an seinem Schlüsselbund, hantiert routiniert mit ihnen herum. Damit lassen sich alle Schlösser öffnen, auch zu den Hafträumen, wie die Zellen offiziell genannt werden. Deren Türen bestehen aus dunklem Holz, auf den Fluren riecht es nach Staub, kaltem Zigarettenrauch und irgendwie nach Baustelle.

Glinka, Jahrgang 1988, gefällt das Bild. Der Glaube sei für viele Insassen so etwas wie eine Baustelle, die seit Jahren brachliege. “Hier, in der JVA, entwickelt sich das Gebäude. Den Glauben habe ich in mir, den kann mir niemand nehmen.” Kritische Äußerungen über den Zustand der Kirche habe er “hier drinnen noch nicht gehört”. Sollten diese aufkommen, “spreche ich Missstände offen an”.

40 Personen können derzeit mit dem üblichen Corona-Abstand in der Kapelle der JVA Dortmund Gottesdienst feiern. Er findet immer sonntags simultan, also gleichzeitig evangelisch und katholisch, statt.

Foto: Wolfgang Maas

“Jesus hat den ganzen Menschen gesehen”

Überhaupt ist Offenheit ein großes Thema. Wer im “Lübecker Hof”, wie die Dortmunder das Gefängnis gerne wegen seiner Adresse an der Lübecker Straße nennen, lebt, hat seine Vorgeschichte. Mit der könnte sich Alexander Glinka beschäftigen, er hat einen Zugang zu den – oft sehr detaillierten – Akten. Doch das möchte der Seelsorger nicht, es wäre zu belastend. Und “Jesus hat den ganzen Menschen gesehen”. Da gebe es eben mehr als nur das Verbrechen, das ein Leben prägt.

Das Beichtgeheimnis ist wichtig

Wer zum JVA-­Seelsorger möchte, stellt einen Antrag. Der Vorteil: “Das Beichtgeheimnis gilt auch hier. Dadurch haben wir einen großen Vertrauensvorsprung”, so Glinka, der gemeinsam mit dem katholischen Pfarrer Josef Tyc ein Team bildet.

Seelsorge sei in der JVA “vor allem Biografiearbeit”. Es muss etwas passiert, eine große Grenze überschritten sein. “Aber straffällig kann jeder Mensch werden. Oder besitzen sie keine schwarz gebrannte CD?”, betont Glinka, der zwei Jahre lang in der JVA Werl seine Ausbildung gemacht hat. Die Bandbreite sei eben groß. “Sie können ja auch wegen wiederholtem Schwarzfahren ins Gefängnis kommen, nicht nur für Mord.” Anders ausgedrückt: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

“Insgesamt ist das Gefängnis ein Querschnitt durch die Gesellschaft”, sagt Alexander Glinka. In der JVA Dortmund leben Untersuchungshäftlinge und deutsche Verurteilte bis zu zwei Jahre. Ausländer können bis zu vier Jahre bleiben.

Foto: Wolfgang Maas

Vergebung auch für Hitler und Stalin?

Dennoch beschäftigt Glinka das Thema Gottes Vergebung seit seinem Studium, währenddessen er sich freiwillig für praktische Arbeit in einem Gefängnis gemeldet hatte. “Ein Professor sagte sinngemäß: Wenn Gott den Sündern vergibt, muss man sich an den Gedanken gewöhnen, dass auch Hitler und Stalin im Himmel sein könnten”. Ein heftiger Satz, der mit menschlichen Maßstäben nicht nachvollziehbar scheint. Aber er zeigt: Auch für Strafgefangene, die in der Gesellschaft zu Außenseitern wurden, hat Gott Verständnis – wenn sie aufrichtig bereuen.

Lesen Sie auch unsere Reportage “Nur ein Fenster ohne Gitter” aus dem Dom-Magazin mit dem Thema “Grenzenlos”

Alexander Glinka versucht, Vorurteilen aus dem Weg zu gehen. Er will die Hilfesuchenden ein Stück weit begleiten. Dabei seien Trauer und Angst wichtige Themen, aber eben nicht die Einzigen. “Es wird auch viel gelacht”, sagt der Seelsorger, der ferner für das Personal Ansprechpartner ist.

Es braucht eine einfache Sprache

Prinzipiell tritt Glinka den Menschen freundlich gegenüber – auch denen, die nicht freundlich ihm gegenüber sind, etwa heftige Schimpfworte benutzen. Diesen Umgang musste der studierte Theologe und Erziehungswissenschaftler erst einmal lernen. “Eine einfache Sprache ist wichtig.” Eine krasse Umstellung für jemanden, der frisch von der Uni kam. “Hömma”, “Mach mal” – der typische Ruhrgebietsjargon passe.

Mit der Entlassung endet dann in aller Regel der Kontakt. Nachsorge gehört nicht zu den Aufgaben der JVA-­Seelsorger. „Viele wollen dann auch nichts mehr mit dem Gefängnis zu tun haben.“ Dennoch liegt ein Brief auf Glinkas Schreibtisch. Ein ehemaliger Insasse schreibt ihm noch immer. Aber das sei eine Ausnahme.

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