4 Min.
22.10.2026
Besucher unter Bäumen mit herbstlichem Laub am 18. Oktober 2025 auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris (Frankreich).
Foto / Quelle: KNA

Zu den Stars auf dem Künstlerfriedhof Père-Lachaise

Der berühmte Künstlerfriedhof Père-Lachaise im Osten von Paris – Flaneure suchen hier die Nähe zum Heiligen – und zu den Stars

Paris

Zugegeben – man braucht sie nicht zwingend, die herrlichen Buttercroissants von dem arabischen Bäckerpaar am Boulevard de Ménilmontant, um eine schöne Stunde auf dem Père Lachaise verbringen zu können. Aber es ist dann einfach noch mal schöner.

Wer hier liegt, hat’s buchstäblich geschafft. Im 20. Arrondissement von Paris, schon ein Stück im Osten der Stadt, befindet sich der berühmte Künstlerfriedhof Père-Lachaise. Hier finden sie endlich Ruhe – und was für eine! Fast 70.000 Grabstätten auf 430.000 Quadratmetern: der größte Friedhof von Paris, angelegt wie ein englischer Landschaftsgarten. Im Herbst ist es hier am schönsten, wenn die Blätter von über 5.000 Bäumen wild über die Wege tanzen.

„Friedhof“. Sprachlich geht der Begriff auf „Freithof“ zurück, also: umfriedeter Ort. Die landläufige Assoziation von „Frieden finden“ entstand erst später. Begrifflich unterscheidet man das neuzeitliche Areal des „Friedhofs“ vom Kirchhof: der im Mittelalter gängigen Form der Begräbnisstätte rund um eine Kirche.

Die Träger des Totenkultes

War in der Antike vor allem die Familie Trägerin des Totenkultes, so übernahm in der Alten Kirche zunehmend die christliche Gemeinde als Kollektiv diese Funktion. Aus der ursprünglich fürsorglichen Idee, die auch Armen und Alleinstehenden ein angemessenes Begräbnis ermöglichte, entstand im Mittelalter ein kirchliches Begräbnismonopol, das erst allmählich wieder zu einem Teil durch säkularere Konzepte und Vorschriften abgelöst wurde.

Vor allem hygienische, später auch zunehmend gestalterische Erwägungen führten von der reinen Zweckeinrichtung des Mittelalters zur Anlage von außerhalb gelegenen, großzügigen Arealen, etwa Park- oder Waldfriedhöfen. Parallel wurde der Friedhof zu einer „Bauaufgabe der bürgerlichen Gesellschaft“.

Père-Lachaise, das ist der schönste, der romantischste von allen Pariser Friedhöfen. Pläne, die engen und ungesunden Stadtfriedhöfe durch weitläufige vor den Mauern zu ersetzen, gab es schon seit der Aufklärung. Napoléons Stadtpräfekt Nicolas Frochot nutzte nach den Wirren der Revolution die Gelegenheit, dieses Großprojekt in die Tat umzusetzen.

Vom Beichtvater des "Sonnenkönigs“

1803 wurde ein 60 Fußballfelder großes Areal gekauft, das einst der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. seinem Beichtvater, dem Jesuiten François d’Aix, Seigneur de La Chaise (1624-1709), vermacht hatte. Schon im Folgejahr, am 21. Mai 1804, wurde der Cimetière du Père-Lachaise vom Parkarchitekten Théodore Brongniart eröffnet, damals noch weit vor den Toren der Stadt. Seitdem wurden hier rund eine Million Menschen bestattet; ein Treffpunkt auch der Reichen und die Schönen – wenn sie gestorben sind.

Denn zu allen Zeiten waren Bestattungen auch Spiegelbilder der herrschenden Sozialstrukturen. Das Grabmonument dokumentiert den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Status des Verstorbenen, im Glanz wie im Elend. Durch technische Innovationen und maschinelle Massenfertigung ermöglichte eine neue „Grabmalindustrie“ im 19. Jahrhundert zwar auch immer mehr „kleineren Leuten“ ihr bescheidenes Prachtmonument. Den Großen aber ermöglichte sie immer Größeres.

Der Père-Lachaise ist ein Friedhof der Künstler, gestaltet von den Künstlern ihrer Zeit. Antike Tempel, ägyptische Pyramiden und Obelisken prägen das Bild; vermeintliche Bollwerke gegen die Vergänglichkeit. Riesige Katafalke, zarte Jugendstil-Gespinste: Die Grabkünstler haben dem Pathos oft freien Lauf gelassen.

Trübsal und Gram, Lethargie und Stolz

Dort versammeln sich düstere, mönchsartige Gestalten. Hier singen Engel. Anderswo scheint ein junges Mädchen, neben einer abgebrochenen Säule hockend, traurig über das Vergehen zu sinnieren. Trübsal, Gram, Lethargie, aber auch Stolz über das im Diesseits Geleistete zeigen sich auf den Gesichtern.

Wie viele Prominente warten hier, in Pracht-Alleen und Winkelgassen, hinter Marmor aufs Jüngste Gericht? Balzac, Chopin, Delacroix; Modigliani, Molière und Montand; Pissarro, Piaf und Proust – wer will die komplette Liste aufsagen? Am meisten ziehen natürlich, heute mehr noch als gestern, die Enfants terribles.

Abaelard und Heloise etwa, das rätselhafte Liebespaar des Mittelalters. Und erst recht Jim Morrison. Einige Wochen vor seinem frühen Tod mit 27 hatte der Sänger der US-Band The Doors 1971 den Père-Lachaise besucht – und war von dessen Ruhe und Schönheit fasziniert. Heute, 55 Jahre danach, pilgern noch immer täglich Hunderte Verehrer seines selbstzerstörerischen Lebensstils zu dem unscheinbaren Grab.

Kolumbarium, oberirdische Urnenstätte, am Krematorium des Friedhofs Père Lachaise in Paris (Frankreich) am 18. Oktober 2025.
Grab von Frédéric Chopin, französisch-polnischer Komponist und Pianist, auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris (Frankreich) am 18. Oktober 2025.
Besucher unter Bäumen mit herbstlichem Laub am 18. Oktober 2025 auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris (Frankreich).
Grab von Honoré de Balzac, Schriftsteller, Verleger und Literaturkritiker, auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris (Frankreich) am 17. Oktober 2025.
Fotos und Schmuck von Fans liegen auf dem Grab von Edith Piaf, Sängerin, Komponistin und Schauspielerin, auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris (Frankreich) am 17. Oktober 2025.
Grabstätte des irischen Schriftstellers Oscar Wilde mit der Skulptur einer geflügelten Sphinx, geschaffen vom Bildhauer Jacob Epstein, am 18. Oktober 2025 auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris (Frankreich).
Grab von Jim Morrison, Sänger und Songwriter der Band The Doors, auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris (Frankreich) am 17. Oktober 2025.

Selbstzerstörung und Selbstinszenierung

Immer neue Maßnahmen musste die Friedhofsverwaltung gegen Vandalen und Randalierer treffen. 1991, zu Morrisons 20. Todestag, musste sogar die Französische Nationalgarde eingreifen. Das Grab wird inzwischen videoüberwacht – und das Anbringen von Graffiti mit empfindlichen Geldstrafen geahndet. Die Inschrift auf seinem Grabstein spielt auf die griechische Mythologie und auf die Selbstinszenierung des Rockstars als wiedergekehrter Dionysos an. „Kata Ton Daimona Eaytoy“ steht dort: „gemäß seinem eigenen Geist“.

Im November 1900 starb der irische Dichter Oscar Wilde mit 46 Jahren; natürlich in Paris. Seine letzte Ruhestätte mit einer geflügelten Kalkstein-Sphinx wurde 2011 restauriert – und mit hohen Glasscheiben versehen. Zu viele Lippenstift-Abdrücke hatten das Grabmal in Mitleidenschaft gezogen. Doch Fans finden Alternativen; neben Blumen und Briefen stehen mitunter auch Absinth-Fläschchen.

Melancholie und Monument

Auch abseits von all den monumentalen Aufbauten, Sensenmännern und Trompeten von Jericho: Der Herbst ist nun wieder die hohe Zeit der Friedhöfe. Im goldenen Oktober, im grauen November gibt man sich gerne flanierend der Melancholie hin. Das muss keineswegs „schrecklich“ sein, wie viele Sonnenanbeter des Sommers meinen.

Die Nähe zu den Heiligen suchen – und zu den Stars – ist ein Grund zum Pilgern auch für viele Menschen, die auf dem Friedhof keinen Angehörigen besuchen. Für manchen gehören Friedhofsspaziergänge zu den Höhepunkten des Jahres – auch wenn man noch lange nicht von einem Haus an der Ewigen Schlossallee träumt.

KNA

0 Kommentare
Älteste
Neuste