Hospizarbeit zwischen Ideal und Wirklichkeit
Diözesane Arbeitsgemeinschaft Hospizbewegung diskutiert über Frustration im Alltag – Palliativexpertin Martina Kern fordert neue Wege in der Begleitung schwerstkranker Menschen.
Zeitdruck, Personalmangel und steigende Erwartungen stellen die Hospizarbeit und Palliativversorgung vor wachsende Herausforderungen. Wie können schwerstkranke und sterbende Menschen weiterhin individuell und würdevoll begleitet werden, wenn die verfügbaren Ressourcen begrenzt sind? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Mitgliederversammlung der Diözesanen Arbeitsgemeinschaft Hospizbewegung im Erzbistum Paderborn (DiAG Hospiz). Im Haus Maria Immaculata in Paderborn diskutierten die Teilnehmer mit der Palliativexpertin Martina Kern über das Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zudem wurde ein neuer Vorstand gewählt.
„Frustration im Alltag“ lautete das Thema des Vortrags von Martina Kern, Leiterin der Landesberatungsstelle ALPHA Rheinland und langjährige Leiterin des Zentrums für Palliativmedizin am Helios Klinikum Bonn/Rhein-Sieg. Seit 1989 ist die erfahrene Pflegefachkraft in der Hospiz- und Palliativversorgung tätig. Ihre Ausbildung führte sie unter anderem zu Cicely Saunders, einer Wegbereiterin der modernen Hospizbewegung in England.
Die Hospizbewegung sei ursprünglich als Gegenentwurf zu einem zunehmend beschleunigten Gesundheitswesen entstanden, erinnerte Kern. Ihr Ziel sei es gewesen, Menschen am Lebensende Zeit, Zuwendung und eine Begleitung auf Augenhöhe zu ermöglichen. Inzwischen sei die Hospiz- und Palliativversorgung fest im Gesundheitswesen verankert. Doch mit der Professionalisierung seien auch neue Abhängigkeiten, wirtschaftliche Interessen und bürokratische Anforderungen entstanden.
Spannungsfeld und Perspektivwechsel
Besonders deutlich werde das Spannungsfeld im Umgang mit den Wünschen schwerkranker Menschen. Anhand eines Praxisbeispiels schilderte Kern die Begleitung einer unheilbar erkrankten Frau, die trotz erheblicher gesundheitlicher Probleme unbedingt zu Hause bleiben wollte. Für das Behandlungsteam entstand ein Konflikt zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Patientin, medizinischen Standards und der Fürsorgepflicht. Erst ein Perspektivwechsel habe eine Lösung ermöglicht: Statt die Frau als schwierige Patientin zu betrachten, habe das Team ihre Widerstandskraft als hilfreiche Ressource erkannt. Schließlich sei es gelungen, sie bis zu ihrem Tod zu Hause zu begleiten.
Auch neue Krankheitsbilder und längere Krankheitsverläufe verlangten ein Umdenken, sagte Martina Kern. Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen oder neurologischen Erkrankungen benötigten teilweise über lange Zeit Unterstützung. Die Hospizdienste müssten deshalb neue Konzepte entwickeln, die stärker auf Selbstwirksamkeit, Beratung und die Vernetzung mit anderen Hilfsangeboten setzten.
Kern warnte zugleich vor einer Überforderung der haupt- und ehrenamtlichen Begleiter. Wer ständig versuche, steigende Anforderungen durch noch mehr persönlichen Einsatz auszugleichen, riskiere Erschöpfung und den Verlust der eigenen Motivation. Wichtig seien deshalb funktionierende Teams, gegenseitige Unterstützung und die Fähigkeit, eigene Grenzen anzuerkennen.
Dabei gehe es nicht darum, die ursprünglichen Ideale der Hospizbewegung aufzugeben. Vielmehr müssten die Beteiligten lernen, Widersprüche auszuhalten und gemeinsam nach neuen Lösungen zu suchen. Als Orientierung nannte Kern Achtsamkeit gegenüber Belastungen, die Balance zwischen Engagement und Selbstfürsorge sowie die Verbindung zu sich selbst, zu den begleiteten Menschen und zum Team. „Die Anforderungen werden nicht weniger“, betonte sie. Umso wichtiger sei es, in gemeinschaftliche Sorge zu investieren.
Neuer Vorstand gewählt
Bei der anschließenden Mitgliederversammlung wurde der Vorstand der DiAG Hospiz neu gewählt. Ihm gehören Ulla Funke (Paderborn; teilstationäre Hospize), Gerd Eisenberg (Balve; Hospizinitiativen und -gruppen), Ramona Klemm (Paderborn; ambulante Hospizdienste), Dr. Susanne Lindner (Dortmund; Palliativstationen), Mareike Sorgatz (Unna; stationäre Hospize) und Frank Decker (Attendorn; ambulante Palliativpflege) an.
Die DiAG Hospiz vernetzt die unterschiedlichen Bereiche der Hospizarbeit und Palliativversorgung im Erzbistum Paderborn und setzt sich für die Interessen schwerstkranker und sterbender Menschen sowie ihrer Angehörigen ein.