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30.01.2026
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Zielgruppe Mensch – Katholisch in Bielefeld

Ein guter Ort für alle Menschen in der Großstadt Bielefeld: Diesen Anspruch hat das 2007 gegründete CityKloster. Es liegt mitten in der Stadt, wo schon vor 500 Jahren die Franziskaner wirkten. Der „Klosterladen“ ist oft die erste Anlaufstelle.

Von Wolfgang Maas, Andreas Wiedenhaus, ­Christina Frampton und Patrick Kleibold
Bielefeld

Eine Baustelle direkt vor der Tür: Ein Lkw wird mit einem Kran abgeladen, ein Teil der Straße ist gesperrt, Bauarbeiter werfen Pflastersteine in eine Mulde. Motoren laufen, es kracht und scheppert. Die Umgestaltung des Klosterplatzes in der Bielefelder Innenstadt hat in diesem Monat begonnen, direkt vor der Tür des „Klosterladens“. Bis Ende nächsten Jahres soll alles fertig und der Platz noch attraktiver sein.

Das, was woanders immer wieder für Ärger und Unmut sorgt, sehen Susanne Kochannek und Bärbel Lödige vom CityKloster in Bielefeld eher positiv: „Die Innenstadt verändert sich, es bewegt sich etwas, und wir sind direkt dabei.“ Im Herzen einer Großstadt als Kirche „mittendrin“ und ansprechbar zu sein – an dieser Idee hat sich seit der Gründung des City­Klosters im Jahr 2007 nichts geändert. Dort, wo vor 500 Jahren Franziskaner ihre Seelsorge in Bielefeld begannen, sollte es wieder klösterliches Leben geben: zeitgemäß und zugewandt – für alle Menschen in der Stadt.

Die Räume des CityKlosters liegen im historischen Klostergebäude direkt an der St.-Jodokus-­Kirche, erste Anlaufstelle ist oft aber der „Klosterladen“ ein paar Meter entfernt „an der Ecke“. Hier findet man neben Büchern, Kerzen, fair gehandeltem Kaffee oder religiöser Kunst auch immer jemanden, der Zeit für ein Gespräch hat. „Es gibt die Laufkundschaft, diejenigen, die regelmäßig kommen, und wieder andere, die einmal da waren und vielleicht nach langer Zeit wiederkommen“, sagt Bärbel Lödige. Gemeinsam mit Susanne Kochannek war sie schon an der Ausarbeitung des CityKloster-­Konzeptes beteiligt. Beide gehören seit der Gründung zum Team. „In unseren Laden kommen auch diejenigen, die nicht unbedingt in eine Kirche gehen würden“, erklärt Susanne Kochannek. Das mache es leichter, für wirklich alle Menschen ansprechbar zu sein und damit keine Ansprüche oder Verpflichtungen zu verknüpfen. Der Wunsch, auch mit denen in Kontakt zu kommen, die Kirche sonst nicht (mehr) erreicht, spiegelt sich in allen Angeboten des CityKlosters wider: vom Mittagsgebet über spirituelle Nachmittage oder Trauerbegleitung bis zu seelsorglichen Gesprächen oder Segensfeiern für Schwangere.

Bärbel Lödige hat mit Susanne Kochannek und anderen das Konzept erarbeitet.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Umsetzbar ist das nur mit einem großen Team, das CityKloster kann auf viele Ehrenamtliche zählen. Für Bärbel Lödige ist diese Gruppe „mehr als ein Team“: „Wir bilden so etwas wie eine geistliche Gemeinschaft.“ Um dann gleich hinzuzusetzen: „Aber wir sind keine geschlossene Gesellschaft, sondern offen für alle, die neu zu uns stoßen.“ Offenheit ist auch das Prinzip, wenn es um Ideen geht, die von außen an das CityKloster he­rangetragen werden: „Wir erleben es immer wieder, dass Menschen etwas umsetzen möchten und fragen, ob sie das bei uns machen können.“ Aktuell nennen die beiden Gemeindereferentinnen das „Alltags- und Wochenendpilgern“: „Dass immer wieder neue Projekte unter dem Dach des CityKlosters stattfinden können, ist einer der Grundpfeiler unseres Konzeptes.“

Mit der Kirchenbank in die Fußgängerzone

Bei aller Dynamik hat sich eine Idee bis heute gehalten: In der warmen Jahreszeit wird die „mobile Kirchenbank“ in die Fußgängerzone gerollt und jemand vom CityKloster nimmt darauf Platz. Susanne Kochan­nek: „Immer wieder spannend, wenn man außerhalb des geschützten Kirchenraumes in die Öffentlichkeit geht.“ Ebenso wie Bärbel Lödige berichtet sie von vielen Begegnungen und positiven Erfahrungen: „Manchmal ist es nur ein kurzer Satz im Vorbeigehen, manchmal geht es um durchaus herausfordernde Themen und ab und zu setzt sich jemand aus einem der umliegenden Geschäfte dazu, um sich einfach nur kurz zu unterhalten.“ He­rausfinden, was Menschen bewegt und entsprechende Angebote machen: Wer in einer Großstadt wie Bielefeld, wo die katholische Kirche nur ein Akteur von vielen im öffentlichen Leben ist, relevant sein will, muss nicht nur ständig auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Er muss auch Partner finden und Netzwerke knüpfen.

Wie ein solches Netzwerk aussehen kann, zeigt sich vor der evangelischen Pauluskirche. Susanne Kochannek und Bärbel Lödige kommen gemeinsam mit Hanna Hartmann, Referentin bei der Katholischen Hochschulgemeinde Bielefeld, an. Zwei weitere Frauen warten bereits. „Ihr kennt euch?“ „Noch nicht“, sagt Hanna Hartmann, doch das ändert sich schnell. Die Frauen geben sich die Hand, sind schnell per Du, dann geht es zur Besprechung.

Ist ebenfalls seit der CityKloster-­Gründung dabei: Susanne Kochannek.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Die Gruppe möchte die Ausstellung „Escaping Death“ des Fotojournalisten Felix Kleymann nach Bielefeld holen. Auf großen Lkw-­Planen sind dort Bilder von Flüchtlingen zu sehen, von den oft gefährlichen Routen. „Felix war mit den Menschen unterwegs“, erklärt Susanne Kochannek. Das mache die Fotos so eindringlich, dass die Frauen sie während der Bielefelder „Aktionswoche gegen Rassismus“ im April zeigen wollen. „Es gibt Themen, die uns alle angehen, wie den Frieden“, betont Susanne Kochannek. Hier wolle die Gruppe ihren Beitrag leisten.

Und im Groben steht die Planung bereits. Zentral vor der evangelischen Altstädter Nicolaikirche sollen die Banner zum Nachdenken anregen. Doch das genügt dem Vorbereitungsteam, zu dem auch Karin Boye Toledo vom AWO-­Frauenhaus Bielefeld, Jennifer Kubatzki (Deutsches Rotes Kreuz) und Vikarin Ulrike La Gro gehören, nicht. „Wenn man es in ein anderes Land geschafft hat, sind die Probleme nicht gelöst“, sind sich die Organisatorinnen sicher. Für Jennifer Kubatzki ist es Alltag, mit Menschen aus verschiedenen Religionsgemeinschaften und kulturellem Hintergrund zu tun zu haben. „Wir sprechen über den Glauben. Die Stadtteilmütter sind interessiert an christlichen Feiertagen oder der Fastenzeit.“ Für die Jungen und Mädchen der DRK-­Kindertagesstätten organisierte sie zum Beispiel Besuche in unterschiedlichen Gotteshäusern.

Verschieden mit vielen Gemeinsamkeiten

Durch dieses Engagement kam die Idee auf: Wie wäre es, wenn man die Seiten tauscht? Denn allein die Sprache und die Schrift sind für Menschen etwa aus dem arabischen Kulturkreis eine große Herausforderung. Während der Ausstellung sollen Passantinnen und Passanten das nachempfinden können. Die Frauen des Vorbereitungsteams können sich eine Art Unterricht in einer fremden Sprache vorstellen. Dazu brauchen sie Muttersprachlerinnen und Muttersprachler. Jennifer Kubatzki überlegt nicht lange. Vor ihrem geistigen Auge erscheinen Personen, die sie gewinnen möchte. Die wiederum machen die Ausstellungen als Multiplikatoren weiter bekannt. Anderes Beispiel: Es soll auch ein interreligiöses Gebet während der Aktionswoche stattfinden. Hier kommt die Katholische Hochschulgemeinde ins Spiel. „Wir haben gute Verbindungen zur Muslimischen Studierendenvereinigung“, sagt Hanna Hartmann. Ein weiterer Kontakt ist geknüpft. Auch ganz praktische handwerkliche Fragen können mithilfe des Netzwerkes schnell geklärt werden. Hausmeister stehen bereit, sie müssen nur wissen, was von ihnen erwartet wird. Am Ende der erstaunlich kurzen Besprechung sind Aufträge verteilt und der Antrag zumindest grob ausgefüllt. Alle Beteiligten gehen zufrieden auseinander.

Direkt an der Jodokus-­Kirche ist der Eingang zu den Räumen des Klosters.
Foto / Quelle: Christina Frampton

Diese Zusammenarbeit sei möglich, weil unterschiedliche Menschen das gleiche Ziel haben. Für die Gruppe steht fest: „Wir müssen auf die Gemeinsamkeiten blicken.“ Das gelte auch für den Glauben. Verschiedene Religionen sollten nicht trennen, sondern verbinden. „Alle Projekte, an denen ich beteiligt bin, sind ökumenisch“, betont Ulrike La Gro. Das sei selbstverständlich. Karin Boye Toledo ergänzt: „Was wir tun, tun wir aus dem Glauben heraus.“ Sie genieße es, mit anderen gläubigen Menschen zu sprechen. Das sei die Verbindung. Wie genau der Glaube aussehe, welche Rituale oder Gebete es gibt – das sei nicht entscheidend.

Dass dieser Netzwerk-­Arbeit die Aktiven ausgehen, glaubt Bärbel Lödige nicht. „Wer von Gott berührt ist, der findet den Weg zu uns.“ Das habe in den vergangenen knapp 20 Jahren immer funktioniert.

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