Wie aus Steffi mit Mitte 50 "Schwester Theodora" wurde
Zwischen Kinderwunsch und der Sehnsucht nach Gottes Nähe: Schwester Theodora hat nach einem oft schmerzhaften Weg beides verwirklicht.
Wie kommt eine Mutter von zwei erwachsenen Kindern dazu, in einen Orden einzutreten? Schwester Theodora (57) atmet tief durch – und blickt zurück auf ein halbes Jahrhundert voller Sehnsucht und Umbrüche: Schon als Grundschulkind in Bayern habe sie das Klosterleben fasziniert, erzählt die große, schlanke Frau im weißen Ordenskleid und dunklen Barfußschuhen. In einem der ruhigen Innenhöfe des Dominikanerinnenklosters Arenberg erinnert sie sich: Ihre Eltern waren zwar „irgendwie gläubig“, aber keine Kirchgänger, so dass sie selbst nicht viele Berührungspunkte mit der Kirche hatte. Trotzdem wurde sie mit 13 Jahren gefirmt. „Da hat mich dann der Blitz getroffen“, sagt Schwester Theodora. „Da wusste ich, Gott gibt es wirklich, er macht Ernst.“
Rund ums Abitur fuhr sie ins 40 Kilometer entfernte Benediktinerinnenkloster zum Abendgebet – jeden Abend, ohne dass ihre Eltern davon mitbekamen. „Ich hab alle möglichen Ausreden erfunden“, sagt sie. „Ich habe gehofft, dass mich nach der Vesper mal eine Schwester anspricht“ – doch das geschah nie. Vielleicht wäre ihr Lebensweg sonst anders verlaufen.
Die Erwartungen der Anderen
„Das Klosterleben hat mich angezogen, aber ich konnte mir kein Leben ohne eigene Kinder vorstellen“, sagt Theodora. Die Eltern wünschten sich Enkel von ihrer einzigen Tochter und hätten ihre Entscheidung für ein Ordensleben nicht nachvollziehen können. Ihr damaliger Freund und ihre besten Freundinnen kannten zwar ihren geheimen Wunsch, aber Mut und Gelegenheit, um es einfach auszuprobieren, fehlten. Letztlich entschied sie sich für die Ehe. „Ich habe Gott in einen Schrank gesperrt, weil ich gemerkt habe: Das halte ich sonst nicht aus.“
Im „Schrank“ hielt der sich eine Weile zurück – bis zur Erstkommunion ihrer Tochter: Von erneuter Begeisterung für den Glauben erfasst, engagierte sie sich als Katechetin, Lektorin, Kommunionhelferin. Eines Tages gestand Steffis Mann ihr, dass er homosexuell ist. Eine Welt brach für die junge Mutter zusammen. Und doch: „Das Geständnis hat an unserem Eheversprechen ja nichts geändert“, sagt Theodora. Ihr Eheleben wurde zur WG. Sieben Jahre lebten sie mit dem Geheimnis.
Bis ihr Mann ihr von seinem festen Freund berichtete. „Wie lange muss es dir noch die Luft abdrücken, bis du erstickst?“, fragte ihre geistliche Begleiterin, mit der sie über ihre Lebenssituation sprach. Nach 17 Jahren Ehe trennte sie sich dann im April 2013 von ihrem Ehemann. „Ich glaube, ich habe die Erlaubnis von einem Mitglied der katholischen Kirche gebraucht“, sagt Theodora heute.
"Unschönes" Annullierungsverfahren
Damit war der Weg für einen Ordenseintritt allerdings noch lange nicht frei. Ihre Kinder waren 14 und 10 Jahre alt, lebten bei ihr und waren auf sie angewiesen. Und, kirchlich betrachtet, galt ihr Ehebund schließlich immer noch – „bis dass der Tod euch scheidet“. Doch ihr Ex-Mann wollte, dass auch sie glücklich werden konnte. „Er hat alles mitgemacht, was nötig war, um die Ehe in einem unschönen Verfahren vor dem Kirchengericht zu annullieren.“ Dafür unterschrieb er sogar einen Vorwurf, den sie ihm nie gemacht hätte: den der arglistigen Täuschung – durch Nicht-Information seiner Braut über seine Homosexualität zum Zeitpunkt der Hochzeit.
Die Annullierung ging durch und schaffte Raum für andere Fragen: Steffi war absolut „kein Gruppenmensch“, ging als junge Mutter nicht mal in eine Stillgruppe oder Ähnliches und hatte als Grundschullehrerin eigentlich genug von relativ homogenen Frauengruppen wie ihrem Kollegium. Wäre da das Leben in der Gemeinschaft eines Klosters überhaupt etwas für sie?
Das neu eingerichtete Ordensjahr war für sie die Chance, die sie ergreifen musste. Steffi beantragte ein Sabbatjahr und machte sich auf die Suche nach einem passenden Orden – gerne ein sehr alter und definitiv einer mit Habitpflicht: Nach den vielen Umbrüchen in ihrem Leben wollte sie nicht miterleben, wie sich ihr Orden einmal auflöst.
Die Chance auf Fortbestand des Ordens über ihre Lebenszeit hinaus schien ihr bei einem alten Orden eher gegeben als bei einer Neugründung. Und der Habit? „Ich finde es so schade, dass man im Straßenbild keine Ordensschwestern mehr wahrnimmt“, sagt Theodora. Sie wolle mit ihrem Ordenskleid Erkennbarkeit und Ansprechbarkeit signalisieren.
Schon 2011 und 2012 war sie zu kurzen Gastaufenthalten im Kloster Arenberg gewesen. Trotzdem brauchte es erst mehrere Hinweise von ganz verschiedenen Seiten und ein Kennenlernen der Schwestern, bis sie ein Leben hier für sich in Betracht zog.
"Heftiges Ordensjahr"
Als das langersehnte Sabbatjahr 2024 begann, waren Steffis Kinder 22 und 26 Jahre alt – endlich aus dem Gröbsten raus. Trotzdem fanden ihre Eltern schon die Idee, sie könne ein Ordensjahr machen, unmöglich und verantwortungslos. Beide waren selbst Klosterschüler gewesen, die ein großes Misstrauen gegenüber allen Ordensangehörigen behalten hatten.
So startete Steffi in ein „sehr heftiges Ordensjahr“. Im begleitenden Berufungscoaching des Bistums Trier bescheinigte man ihr schon früh, dass sie ihren Weg doch längst kenne. Steffi sah das ganz anders: „Mein Herz wusste vorher, dass ich hier bleibe. Mein Verstand meinte, hoffentlich kommt dabei heraus, dass das nur ein rosaroter Kindheitstraum war. Der wünschte sich die einfache Lösung: Jetzt hast du es endlich mal ausprobiert, kannst das Thema abhaken und dein normales Leben weiterleben.“ Doch nach hartem Ringen musste der Verstand seine Pläne aufgeben – und ihrem Herzen folgen.
„Die Sonne ging auf in mir“, als der Entschluss gefasst war, erinnert sich Theodora. Sie hatte ihren Verstand vom Loslassen überzeugt und erkannt: „Ich habe nicht das gelebt, was Gott mir zur vollen Entfaltung zugedacht hat.“ Das sollte sich jetzt ändern.
Steffi machte Ernst. Erstmals verließ sie ihren Wohnort, an dem sie seit ihrer Geburt gelebt hatte. Anderthalb Stunden Fahrtzeit sind es bis zum Kloster Arenberg. Hier gilt während des Noviziats die Ansage, dass Kontakte zum alten Leben reduziert werden sollen, um in das neue hineinzufinden. Die Novizenmeisterin muss ihre Erlaubnis geben, dass ihre Kinder zu Besuch kommen dürfen. Smartphonenutzung ist erlaubt, aber „es wird darauf vertraut, dass wir nicht ständig über Whatsapp mit Familie und Freunden kommunizieren, sondern das Smartphone verantwortungsvoll nutzen“, sagt Theodora.
Die finale Entscheidung für den Ordenseintritt nahm ihr Sohn gefasst auf. Ihre Tochter habe zwar schon lange gespürt, was ansteht, doch es ausgesprochen zu hören, sei etwas anderes. Sie habe der Mutter sehr nah gestanden – und fürchtete die schon allein räumlich viel größere Distanz.
Keine Pläne für die Zukunft
Und damit hatte sie Recht: Mit ihrer Familie wird Theodora nicht mehr zusammen Weihnachten oder Ostern feiern, „denn dann bin ich natürlich bei meinen Mitschwestern“, erklärt die Novizin. Nach ihrer Ersten Profess in zwei Jahren hat sie 28 Urlaubstage und natürlich besteht auch am Wochenende die Klosterstruktur fort. „Ich kann nicht einfach über Nacht die Gemeinschaft verlassen“, berichtet sie. Sie könne zwar besucht werden, aber das sei etwas anderes.
So wurde aus Steffi Schwester Theodora. Am Anfang haderte sie ein wenig mit den Gebetszeiten, weil sie ihr Zeitmanagement anpassen musste. Während des Noviziats backt sie als Aufgabe für die Gemeinschaft Kuchen und Kekse für das Gästehaus und je nach Anlass auch für die Schwestern. Da fiel es ihr zunächst schwer, im strikten Zeitplan der Gebetszeiten fertig zu werden.
In welchem Bereich sie nach Ende des Noviziats einmal eingesetzt werden wird, steht noch nicht fest. Doch habe sie gelernt, dass sie mit den Plänen Gottes meist besser fahre als mit ihren eigenen: „Ich überlege nicht, was es einmal wird, weil ich in den letzten 40 Jahren gesehen habe, dass sich alles wunderbar regelt – und zwar so, wie ich es selber nie geplant hätte.“