Seite an Seite für den Frieden
Mitten im Kalten Krieg ging Papst Johannes Paul II. in die spirituelle Offensive: Er lud Vertreter aller Weltreligionen dazu ein, für den Frieden zu beten. Eine Initiative, die auch 40 Jahre später bitter nötig scheint.
Vor genau 40 Jahren setzte Papst Johannes Paul II. ein aufsehenerregendes Zeichen gegen Krieg, nukleare Bedrohung und Rüstungswettlauf: Am 27. Oktober 1986 lud er die Oberhäupter der großen Weltreligionen ins mittelitalienische Assisi ein, um für den Frieden zu beten. „Das war ein Novum in der Geschichte“, so der Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio, Andrea Riccardi (76), der das ungewöhnliche Treffen mitorganisierte.
Die Initiatoren hätten damals geglaubt, mit dem Treffen in der Stadt des heiligen Franz von Assisi, Symbolfigur des Friedens und des interreligiösen Dialogs, die Welt verändern zu können. „Heute ist der Krieg wieder salonfähig geworden“, so Riccardis bittere Bestandsaufnahme gegenüber der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“.
Neues Friedensmanifest
Dennoch, oder vielleicht erst recht, wird das Jubiläum vom 25. bis 27. Oktober in der umbrischen Stadt mit vielen Veranstaltungen gefeiert. Als Höhepunkt werden am Dienstag Papst Leo XIV. und rund 80 Vertreter von Religionen und Kirchen ein neues Friedensmanifest verkünden.
Ursprünglich war die persönliche Anwesenheit von Leo XIV. vorgesehen. Nach einer Lungenoperation vor knapp zwei Wochen rieten die Ärzte jedoch am Freitag von dem geplanten Helikopterflug nach Assisi ab, um den, wie es hieß, ausgezeichneten Verlauf der Genesung nicht zu gefährden. Nun will der Papst von Rom aus eine Botschaft an das Treffen senden.
Frieden als Baustelle für alle
Riccardis Nachfolger als Sant’Egidio-Präsident, Marco Impagliazzo, erinnerte an die Ursprünge des historischen Ereignisses: „Zum ersten Mal in der Weltgeschichte rief ein Papst die Religionen zusammen, um für den Frieden zu beten: nicht mehr gegeneinander, sondern Seite an Seite.“ Der polnische Papst habe den Tag mit einer Ansprache beendet, die als Weckruf zu verstehen sei: „Er sagte, der Frieden sei eine Baustelle, die allen offenstehe – nicht nur den Fachleuten.“
So werden zu den Feiern in der Heimat des Franz von Assisi (um 1182-1226) rund 5.000 Menschen erwartet, darunter etwa 380 Persönlichkeiten aus Religion, Kultur und Politik aus 53 Ländern. Viele von ihnen werden am Montag an Foren zu aktuellen Themen teilnehmen, darunter Migration, Armut, die Situation der Jugend und Schutz der Menschenwürde in Zeiten technischen Fortschritts. Ebenso werden Gefahren durch Atomkriege, wachsenden Nationalismus und den Klimawandel auf den Podien besprochen.
Gebet von Religionsführern
Laut Programm wird das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, Patriarch Bartholomaios I., mit Vertretern weiterer Kirchen ein Gebet in der Franziskus-Basilika halten. Für Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten und andere Religionen seien 13 Orte in Assisi vorgesehen, wo sie nach der je eigenen Tradition beten können.
Damit bestehe nicht die Gefahr des „Synkretismus“, also der Gleichmacherei oder Vereinnahmung durch andere Religionen, zerstreuen die Veranstalter eine Sorge, die unter anderen bereits Kardinal Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XIV. geäußert habe.
In der Unterkirche der Basilika sollen Meditationen zum Thema Frieden aus christlicher Perspektive gehalten werden. Zudem werden die Namen der Länder verlesen, in denen Krieg herrscht. Anschließend war geplant, dass Leo XIV. vor der Basilika eine Ansprache hält und gemeinsam mit anderen Religionsführern einen Friedensappell unterzeichnet. Der genaue Ablauf ist nun nach der Absage des Papstes offen. Das dreitägige Treffen steht unter dem von Leo XIV. inspirierten Motto „Pace disarmata e disarmante“ („Entwaffneter und entwaffnender Frieden“).
Spektakel ohne tieferen Wert?
Dass die Friedensgebete der Weltreligionen seit 1986 regelmäßig stattfinden, und zwar in vielen Städten Europas, war laut Impagliazzo damals nicht vorgesehen. Eigentlich sollte es ein einmaliges Ereignis bleiben „wie eine große, schöne und positive Ikone, die jedoch für sich stehen musste“.
Mancher befürchtete, eine Fortsetzung würde die Gefahr einer „Inszenierung“ oder eines Spektakels ohne tieferen Wert handeln. „Aber Johannes Paul II. hat uns ermutigt, und wir haben diesen Weg bis heute fortgesetzt“, sagt Impagliazzo.
KNA