Von Wesel in die weite Welt
Legte ein Dealmaker vor 400 Jahren den Grundstein für New York? Peter Minuit ist schwer zu fassen.
„Hooghe Moghende Heeren“. Als ein gewisser Pieter Jansz Schaghen Anfang November 1626 seinen Brief an die niederländische Regierung schrieb, war die Messe offenbar schon gelesen. Der Kaufmann informierte die „hochwohlmögenden Herren“ über die jüngsten Ereignisse in der wenige Jahre zuvor gegründeten Kolonie Nieuw Nederland.
„Es wird berichtet, dass es unseren Leuten dort gut geht und sie in Frieden leben“, so Schaghen. „Außerdem haben ihre Frauen dort Kinder zur Welt gebracht.“ Und dann dies: „Sie haben die Insel Manhattes von den Ureinwohnern für Waren im Wert von 60 Gulden erworben. Sie ist 11.000 Morgen groß.“
Begehrte Insellage
Nieuw Nederland? Manhattes? Da muss Google Maps passen. Wobei: Eine Spur aus der Vergangenheit hat sich bis in unsere Tage an der Ostküste der heutigen USA erhalten. Die Insel Manhattes heißt immer noch so – fast. Als Manhattan bildet sie das Herzstück von New York. Central Park, Broadway und Empire State Building – das alles und noch viel mehr ist Manhattan.
Vor 400 Jahren lagen die Dinge freilich noch ganz anders. In Europa sagte sich 1581 der protestantische Norden der Niederlande vom katholischen Süden los, der weiter von den Spaniern dominiert wurde. Die neu entstandene Republik der Vereinigten Niederlande sorgte bald schon für Furore auf den Weltmeeren.
Seefahrer und Händler der Niederländischen Ostindien-Kompanie VOC und in ihrem Kielwasser die Niederländische Westindien-Kompanie WIC errichteten Stützpunkte quasi rund um den Globus. Im Dienst der VOC erkundete der Engländer Henry Hudson 1609 die Gegend um Manhattan. Nach ihm ist der Hudson River benannt.
Natürlich hatten die dort lebenden Indigenen den Fluss längst getauft: „Mahicannituck“ – „Wasser, das immer fließt“. Aber das perlte an den Neuankömmlingen aus Europa ab – übrigens nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal in der Kolonialgeschichte. Weitaus dramatischere Folgen als diese Umbenennung hatten für die Indigenen die von den Eindringlingen eingeschleppten Krankheiten. Als die WIC 1621 schließlich ihre Kolonie Nieuw Nederland errichtete, lebten dort deutlich weniger Menschen als vor der Ankunft Hudsons.
Stattdessen setzten sich die Europäer an der nordamerikanischen Küste fest. Hauptort der Neuniederlande wurde ein kleiner Flecken namens Nieuw-Amsterdam an der Südspitze von Manhattan. Und damit war die Bühne für Peter Minuit bereitet.
Peter Minuit tritt in Erscheinung
Der sollte ab 1626 als Gouverneur die Kolonie zu einer profitablen Außenstelle der Westindien-Kompanie ausbauen. Angeblich sicherte er sich am 4. Mai 1626 den Zugriff auf die gesamte Insel durch den Deal, den Pieter Jansz Schaghen in seinem Brief an die Regierung der Niederlande beschreibt.
Die Vizepräsidentin der New Amsterdam History Center in New York, Vanessa Bezemer Sellers, schüttelt über diese Anekdote nur den Kopf. Von einem Kauf Manhattans sei zumindest eine der beiden beteiligten Parteien niemals ausgegangen.
„Die europäischen Rechtskonzepte des ausschließlichen Landbesitzes standen im Widerspruch zum Verständnis der indigenen Völker, für die Land im Allgemeinen nicht als etwas angesehen wurde, das dauerhaft gekauft, verkauft oder ‚besessen‘ werden konnte“, sagt sie. Besser sei es daher, die Transaktion als „Entschädigung für gemeinsame Nutzungs- oder Zugangsrechte“ zu verstehen.
Ein konkretes Datum nennt Schaghen in seinem Brief nicht. Und dass Peter Minuit mit der Aktion den Grundstein für die Millionenmetropole New York legte, weisen Fachleute ebenfalls zurück. Die Keimzelle Nieuw-Amsterdam existierte schon vor Minuits Amtsantritt als Gouverneur. Außerdem, erläutert Sellers, betrieben die Niederländer seinerzeit keine Stadtentwicklung, sondern wollten lediglich einen sicheren Stützpunkt für den Pelzhandel errichten.
In der Hinsicht lieferte Minuit offenbar, folgt man dem Schreiben von Schaghen. Allein an Bord eines einzigen Schiffes befanden sich demnach 7.246 Biberfelle und weitere Pelze. Die Lebensbedingungen in der Kolonie waren hart; letztlich überlebten die weniger als 300 Europäer nur dank der Hilfe der Lenape, denen Minuit Manhattan abgeluchst hatte. Der musste bereits 1632 seine Segel wieder streichen. Gegen ihn waren Vorwürfe von Verschwendung und Zuhälterei laut geworden, möglicherweise Folge von Intrigen unter den Siedlern.
Peter Minuit wechselt den Arbeitgeber
Der geschasste Gouverneur ließ sich vorübergehend wieder in seiner Geburtsstadt Wesel nieder. Dorthin hatte es seinen Vater verschlagen, einen Calvinisten, der vor der Verfolgung der Protestanten in den Spanischen Niederlanden an den Niederrhein geflohen war. Hier herrschte laut Stadtarchivar Christoph Moß ein deutlich toleranteres Klima.
Lange blieb Peter Minuit jedoch nicht in der Heimat. 1637 segelte er ein weiteres Mal über den Atlantik – diesmal im Auftrag Schwedens. An der Mündung des Delawareflusses baute er die Kolonie „Nova-Suedia“ (Neu-Schweden) auf, nicht weit entfernt von seiner alten Wirkungsstätte Nieuw Nederland.
Aus dem Stützpunkt Fort Christina wurde später Wilmington im heutigen US-Bundesstaat Delaware. „Wilmington kann also mit mehr Recht als New York als eine Gründung Minuits angesehen werden“, bilanziert Historiker Tobias Arand. Lange genießen konnte Minuit seinen Erfolg allerdings nicht: 1638 starb er, als sein Schiff in einen Hurrikan geriet.
Auch wenn er sich um ein vergleichsweise friedliches Auskommen mit den Indigenen bemüht habe, „sollte nicht übersehen werden, dass er dabei vor allem als gewinnorientierter Geschäftsmann handelte“, urteilt Arand. Zum angeblichen Jahrestag des „Kaufs“ von Manhattan sind dem Vernehmen nach keine größeren Feierlichkeiten geplant – weder in Wesel noch in New York.
In den Vereinigten Staaten haben sie ohnehin längst Kurs auf ein anderes Jubiläum genommen: die Gründung der USA vor 250 Jahren. Dabei segelt ein ganz anderer – selbst ernannter – Dealmaker aus New York vorneweg: Donald Trump.
KNA