Neue Studie zu geistlichem Missbrauch
Katholiken, die ihren Glauben intensiver leben möchten, tun dies oft in Geistlichen Gemeinschaften.
Mit der geistlichen Begleitung von Menschen hat die katholische Kirche Jahrhunderte Erfahrung. Trotzdem kam es in den vergangenen Jahrzehnten in neuen Geistlichen Gemeinschaften teils zu massiven Fällen spirituellen Missbrauchs, wie eine aktuelle Studie der Universität Münster ergeben hat. Am Montag nun haben in Münster die Auftraggeber der Studie – die Bistümer Münster, Osnabrück, Bischofskonferenz und ein Orden – erste Reaktionen und Schlüsse vorgestellt.
So wollen sich die Bischöfe von Münster und Osnabrück, Heiner Wilmer und Dominicus Meier, für die kirchenrechtliche Strafbarkeit dieser Art von Missbrauch einsetzen. Auch sollen bereits bestehende Hilfsangebote für Betroffene wie auch Prävention und Kontrolle Geistlicher Gemeinschaften ausgebaut werden. Für die Bischofskonferenz werde sich eine Arbeitsgruppe mit Befund und Folgen der Studie befassen, kündigte Generalsekretärin Beate Gilles an. Geplant sei auch eine bundesweit zentrale Anlaufstelle für Betroffene spirituellen oder sexuellen Missbrauchs.
Zwei problematische Gemeinschaften untersucht
Die Studie unter Leitung der Theologin Judith Könemann und des Historikers Thomas Frings hatte erstmals das Phänomen spirituellen Missbrauchs untersucht. Sie taten dies anhand der 2021 verbotenen Gemeinschaft „Totus tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster und der inzwischen aufgelösten, aber offiziell nie anerkannten „Christusgemeinschaft“ in Osnabrück, entstanden im Umfeld des Ordens der Thuiner Franziskanerinnen.
In diesen Bewegungen, so die Studie, hätten charismatische Führungspersönlichkeiten spirituelle und andere persönliche Bedürfnisse von Gläubigen sowie ihre eigene Autorität benutzt, um Menschen von sich abhängig zu machen und bestimmte Normvorstellungen durchzusetzen. Dies wurde als gottgewollt verbrämt.
Erfolgt sei Missbrauch über Beschämung, Demütigung, Bloßstellen, Druck, Liebesentzug, Kontaktabbruch, Willkür und andere Verhaltensweisen. Den Bistumsleitungen hatten die Autoren der Studie vorgeworfen, bei Anzeichen für Fehlentwicklungen oft nicht eingeschritten oder nur inkonsequent oder spät reagiert zu haben.
Als Ordensmann sprachlos
Der Osnabrücker Bischof Meier sagte, ihn „als Ordensmann und damit als Mitglied einer Geistlichen Gemeinschaft“ habe die Studie „sprachlos gemacht“. Er räumte ein, solche Bewegungen hätten über Jahrzehnte als „eine Art ‚Rettung'“ gegolten; Schattenseiten seien so übersehen worden.
Inzwischen sei das Thema aber fester Gegenstand von Personalgesprächen und Visitationen, so Meier. Bei Gemeinschaften päpstlichen Rechts, über die er keine Aufsicht habe, stehe er aber in regelmäßigem Kontakt mit der zuständigen Vatikanbehörde.
Auch in Münster will Bischof Wilmer sowohl bestehende Maßnahmen und Schutzmaßnahmen ausbauen und präzisieren sowie Standards für geistliche und seelsorgliche Begleitung verbessern. Er verwies auch auf eine Disziplinarordnung für Kleriker, die noch sein Vorgänger Felix Genn erlassen hatte.
Balance zwischen Freiheit und Kontrolle
Die Bischofskonferenz-Generalsekretärin Gilles verwies auf das Selbstbestimmungsrecht katholischer Gemeinschaften und deren Freiheit auch gegenüber bischöflicher Bevormundung. Daher seien Aufsicht und Kontrolle ein Balanceakt. Bischof Meier betonte daher: „Jede geistliche Gemeinschaft muss diese Studie aus Eigeninteresse lesen und darf nicht auf den Bischof oder jemand anderen warten.“ Eigene Regeln seien zu überprüfen und das Thema an alle Mitglieder zu kommunizieren.
Die Generaloberin der Thuiner Franziskanerinnen, Maria Cordis Reiker, räumte ein, ihre Vorgängerinnen hätten trotz Hinweisen zu lange gezögert, die damals verantwortliche Schwester mit starker charismatischer Persönlichkeit aus der Begleitung junger Menschen herauszunehmen. Die Lage damals sei sehr komplex und verworren gewesen. Seit den heftigen Konflikten auch innerhalb der Gemeinschaft habe der Orden das Thema Nähe und Distanz aber konstant im Blick. Die neue Studie werde genauer ausgewertet.