Leben mit Gott in Waldeck
Der Edersee, schöne Fachwerkhäuser und eine reiche Geschichte – der hessische Teil des Erzbistums Paderborn hat viel zu bieten. Die DOM-Redaktion besuchte das Dekanat Waldeck.
Wo sind wir hier eigentlich? Im Sauerland? Noch nicht im Sauerland? Überhaupt nicht im Sauerland? Pfarrer Edgar Zoor winkt energisch ab. „Wir sind in Waldeck.” Mit dem Land der 1 000 Berge hat der östlichste Teil des Erzbistums nichts zu tun. Überhaupt tritt die Region selbstbewusst auf. Das liegt auch an der langen Historie.
„Man hat ja im Geschichtsunterricht gelernt, dass Deutschland einst aus vielen kleinen Ministaaten bestanden hat. Tatsächlich war das hier auch so”, sagt Zoor, der seit vier Jahren Pfarrer in Bad Wildungen und Waldeck ist. Das heutige Dekanat liegt auf dem Gebiet des ehemaligen Fürstentums Waldeck-Pyrmont. „Das war keine einfache Grafschaft, sondern ein wirklicher Staat. Der Fürst regierte hier. Es gibt auch ein Residenzschloss in Bad Arolsen.” Architektonisches Vorbild war die Barockanlage von Schloss Sanssouci in Potsdam. Entstanden ist „ein komplettes Symetrieschloss”. Und es gibt sogar eine eigene Hymne, das Waldeck-Lied. „Die wird bei jedem Schützenfest und anderen offiziellen Anlässen gesungen.”
Die fürstliche Familie war allerdings protestantisch, weshalb der Katholizismus hier sehr lange keine große Rolle spielte. In diesem Jahr ist es sogar genau 500 Jahre her, dass der evangelische Glaube in der Region gepredigt wurde. Der erste Pfarrer Johann Hefentreger war jemand, der Martin Luther in Erfurt persönlich kennengelernt hatte. Der Fürst holte ihn nach Waldeck und so wurde das Volk nach damaliger Sitte evangelisch.
Durch den Ausbau des Gesundheitswesens in Bad Wildungen sowie verstärkte Baumaßnahmen kamen schließlich immer mehr Katholikinnen und Katholiken in das heutige Dekanat Waldeck. In den Städten bildeten sich die ersten Gemeinden. „Es gab aber eine Gegend, Eppe und Hillershausen, die immer katholisch geblieben war, weil sie früher zum Kurkölnischen Sauerland gehörte”, erklärt Edgar Zoor. Also doch ein wenig Sauerland.
Zum Erzbistum Paderborn gehört Waldeck aus historischen Gründen. „Bad Wildungen ist sehr geprägt durch die Kurbetriebe. Darum haben wir hier auch das katholische Patronat des hl. Liborius, der für Steinleiden zuständig ist”, weiß Pfarrer Zoor. Dennoch habe sich katholisches Leben erst um das Jahr 1900 entwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann einen weiteren Schub, etwa durch die Vertriebenen aus dem Sudentenland. Heute kämen viele Katholiken aus Indien in die Region, die in der Pflege arbeiten.
Die Diaspora-Situation zeige sich an dem unterschiedlichen Umfang von Angeboten in den einzelnen Städten. Die Jugendarbeit laufe dagegen erfolgreich auf Dekanatsebene. Dass durch den Bistumsprozess neue, größere Strukturen entstehen, sei hier weniger problematisch. „Das sind die Jugendlichen gewöhnt. Lange Wege kennen sie bereits”, erklärt Astrid Lessing, Referentin für Jugend und Familie. Treffen der Gruppenleiter oder Pilgerangebote finden immer auf der Dekanatsebene statt. „Die Jugendlichen sind bereit, weit zu fahren. Das haben wir seit Jahren so aufgebaut.” Eine 90-minütige Fahrt mit dem Bus sei nichts Ungewöhnliches. Frust erzeuge das nicht, im Gegenteil: „Die Jugendlichen freuen sich darauf, sich zu treffen. Das läuft.” Vor den Oster- und den Herbstferien gebe es immer Veranstaltungen wie etwa eine Kanu-Tour. Wöchentliche Gruppenstunden werden aufgrund der Entfernungen allerdings nicht angeboten. Jugendarbeit sei projektbezogen.
Für Astrid Lessing ist die Angst vor langen Wegen eher eine Angst von Älteren. Junge Menschen hätten zudem wenig Probleme damit, fremde Leute aus anderen Orten kennenzulernen. Zugegeben gäbe es im Dekanat aufgrund der Diaspora-Situation nicht so viele junge Leute. Doch diejenigen, die mitmachen, gingen diesen Weg mit – auch, wenn er aus der Not geboren wurde. Denn um Jugendarbeit überall vor Ort anzubieten, fehle das Personal. Nicht alle Stellen für Hauptamtler seien besetzt.
Für die Dekanatsreferentin Leonie Jedicke ist die Transformation ebenfalls kein Grund zur Sorge. Das liege auch am Selbstverständnis. „Die Identität von Waldeck ist etwas, was es den Menschen erleichtert, in der Dimension Seelsorgeraum zu denken. Ein Beispiel ist, dass wir den Immobilienprozess auf Dekanatsebene denken. Das ist ein Novum im Erzbistum Paderborn.” Es gebe auch Wallfahrten auf dieser Ebene sowie ein aktives Dekanatsbildungswerk, das von Interessierten aus allen Orten besucht werde. „Ich glaube, dass sich Waldeck gar nicht so schwer damit tut, die Identität als Seelsorgeraum aufzubauen”, so Leonie Jedicke. Zumal bereits jetzt die Gottesdienstzeiten so festgelegt sind, dass flächendeckend Angebote am Wochenende gemacht werden.
Aktivitäten selbst planen
Dabei dürfe man allerdings nicht diejenigen vergessen, die nicht mehr uneingeschränkt mobil sind. Wenn diese Personengruppe befürchtet, dass Angebote wegbrechen, könne man das verstehen. „Vielen Menschen fehlt noch die Vorstellung, wie diese verlässlichen Orte zukünftig gestaltet werden”, so die Dekanatsreferentin. Allerdings haben die Menschen auch „Ermöglichungspastoral” kennengelernt, durch die sie Aktivitäten mit großen Freiheiten selbst planen konnten. Das finde an vielen Orten statt.
Ein großes Leuchtturmprojekt trägt den Titel „Leben mit Gott in Waldeck”. Dahinter verbirgt sich ein Selbstversorgerhaus der besonderen Art für maximal acht Personen mit Blick auf das Schloss und den Edersee. Die Planungen laufen und die Finanzierung ist von Seiten des Dekanats gesichert. Das Haus soll einen Zugang zum Tabernakel haben, sodass man mit dem Allerheiligsten unter einem Dach wohnt. Pfarrer Edgar Zoor kann sich vorstellen, dass hier beispielsweise Familien mit wenig Geld erholsame Tage verbringen können oder Feiern stattfinden. Es solle auch spirituelle Angebote wie Impulse oder geistliche Begleitung geben. Eine Pflicht, diese Angebote zu nutzen, sei allerdings nicht geplant. Wer will, kann sich darauf einlassen und auch spirituell auftanken – oder eben nicht.
Zudem liege ein „großer karitativer Schwerpunkt in Bad Arolsen”, betont Dekanatsreferentin Jedicke. So werden trauernde Kinder in einer eigenen Gruppe begleitet und Sprachpaten kümmern sich um Menschen mit Migrationshintergrund. Und aus der Kleiderkammer habe sich das Projekt „Findling”, ein Fair-Kaufhaus, entwickelt, das zu 100 Prozent von Ehrenamtlern getragen werde. Dabei werde auch auf Inklusion von Menschen mit Behinderung gesetzt. Allerdings gebe es keine Caritaskonferenz mehr in Bad Arolsen. Das Mitwirken an konkreten Projekten sei wichtiger als die klassische Verbandsarbeit.
Bei Touristen ist die Region vor allem für den Edersee bekannt. Den Ausblick auf den See kann man besonders gut vom Schloss Waldeck aus genießen. Das Anwesen, das aus dem 11. Jahrhundert stammt, thront 120 Meter über dem See und beherbergt heute ein Museum, ein Hotel sowie Gastronomie. Auf dem Rückweg machen wir noch einen letzten Stopp in Bad Wildungen. Die Innenstadt hat viel Fachwerk zu bieten. Und in der evangelischen Stadtkirche kann man ein beeindruckendes Kunstwerk genießen – den Wildunger Altar. Conrad von Soest erschuf das Kunstwerk um das Jahr 1403.
Hintergrund
Das Dekanat Waldeck besteht aus drei pastoralen Räumen, gehört politisch zum Bundesland Hessen und liegt rund 60 Kilometer von Marburg und ebenso weit von Kassel entfernt. Es besteht aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg, den Städten Bad Arolsen, Bad Wildungen, Diemelstadt, Korbach, Lichtenfels, Waldeck und aus Teilen von Volkmarsen sowie den Gemeinden Diemelsee, Edertal, Twistetal und Willingen (Upland). Aktuell leben rund 12 500 Katholikinnen und Katholiken in der Region. Zum ersten Advent dieses Jahres startet der neue Seelsorgeraum, der dem heutigen Dekanat entspricht. Waldeck ist ferner das einzige Dekanat, das einen Nationalpark hat.