Ein Organist nur für den Notfall
Markus Stein bietet eine technische Lösung an für Gemeinden, die keinen oder nur wenige Musikerinnen und Musiker haben, aber dennoch nicht auf das Orgelspiel verzichten wollen. Die Idee stammt von Diakon Heinrich Bittner und entstand bereits in der 1980er-Jahren.
Ein ruheloser Musikus, der mit Blaulicht und wehender Mähne überall dort auftaucht, wo es keinen Organisten oder keine Organistin gibt? Kann man sich so einen „Notfall-Organisten“ vorstellen? Markus Stein schüttelt den Kopf und öffnet seinen Metallkoffer. Daraus holt er eine schwarze Kiste. Ist er das, der „Notfall-Organist“? Fast, denn die Box – ein kabelloser Bluetooth-Lautsprecher – gehört dazu.
„Was ich anbiete, ist vielmehr eine Datenbank“, sagt Stein. Ihn selbst habe die Orgel als Instrument als Zehnjähriger gepackt und nicht mehr losgelassen. Umso mehr macht es den studierten Diplom-Designer traurig, wenn irgendwo das Instrument still bleiben muss, weil es niemand vor Ort spielen kann.
Im Gottesdienst ist der „Notfall-Organist“ in Form eines Lautsprechers sowie eines Smartphones „anwesend“. Man benötige auch keine Internetverbindung, da Geistliche oder Leitende von Wort-Gottes-Feiern die Orgelstücke im Vorfeld herunterladen können. Markus Stein sagt, dass die Handhabung der App intuitiv möglich beziehungsweise schnell erlernbar sei.
Innerhalb von wenigen Sekunden hat der Entwickler eine Playlist auf seinem Handy zusammengestellt. Auch Pausen hat er zwischen den einzelnen Stücken einprogrammiert. Dann geht es los. Aus der schwarzen Box ertönt – Orgelmusik. Die Höhen sind nicht schrill, die Bässe kommen durch. Fast automatisch schaut man zur Orgel hinauf, doch da ist niemand.
Der Designer schnappt sich den Lautsprecher und stellt ihn in die hinterste Reihe. Schnell wird klar, wie sich der Klang verändert. Ohne großen Aufwand können die akustischen Vorteile eines jeden Gotteshauses genutzt werden. Auch Cantus-Firmus-Versionen für den Fall, dass nur wenige Gläubige den Gottesdienst besuchen, bietet die Datenbank.
Natürlich könne man auch ein Orgelstück von einer CD abspielen, gibt Stein zu, der seinen „Notfall-Organisten“ als Abo oder gegen eine einmalige Zahlung anbietet. Doch der Organist sei eben kein Techniker, der eine App programmieren wollte. „Ich bin Musiker“, betont Stein. Deshalb sollten die Stücke, die er selbst auf einem digitalen Replikat einer bekannten Barockorgel aufwendig eingespielt hat, möglichst so klingen, als würde wirklich eine Orgel live gespielt. Künstliche Intelligenz habe er bewusst nicht verwendet.
Wichtig ist Markus Stein zudem, dass sein System wirklich nur im Notfall eingesetzt wird. Musikerinnen und Musiker sollen auf keinen Fall ersetzt werden. Vielmehr wolle der Organist „meine eigene Zunft unterstützen“.
Gerade ist der „Notfall-Organist“ in der Kirche St. Johannes Evangelist in Stockkämpen im Kreis Gütersloh im Einsatz. Das Gotteshaus liegt romantisch im Wald – aber eben auch recht abseits. In der ersten Reihe sitzt Heinrich Bittner. Der blinde Diakon wiegt seinen Kopf zu den Orgelklängen und lächelt. Denn ursprünglich war der „Notfall-Organist“ seine Idee.
Bittner war seit den frühen 1980er-Jahren als Gefängnisseelsorger in den Außenstellen der heutigen JVA Bielefeld-Senne. „Wir hatten keinen Organisten. Manchmal gab es einen im offenen Vollzug“, erinnert sich der Diakon. Notgedrungen arbeiteten die Geistlichen mit Tonbandaufnahmen, von denen es nicht viele gab. „Ich ging damals mit dem Pfarrer mit und hatte nichts anderes zu tun, als das Tonband anzustellen.“ Das störte den Diplom-Theologen. Dann traf er einen Gefangenen, der Lieder auf der Orgel spielen konnte. „Er hat im Kinderheim das Orgelspiel von den Ordensschwestern gelernt, ohne Noten lesen zu können“, so Bittner. Auch das Instrument, das zur Verfügung stand, war nicht das Optimum. Doch es reichte für brauchbare Aufnahmen.
Um die abzuspielen, wollte Heinrich Bittner eine Stereoanlage vom Generalvikariat in Paderborn bekommen. Doch das lehnte man damals, im Jahr 1988, strikt ab. „Digital kannte man im Generalvikariat nicht.“ Das habe sich inzwischen geändert, weiß Markus Stein. Drei Pastoralverbünde im Erzbistum Paderborn nutzen den „Notfall-Organisten“. Es gab zudem bereits Gespräche mit den Bistümern Osnabrück und Münster.
Markus Stein möchte seinen „Notfall-Organisten“, den er seit Herbst 2025 anbietet, jetzt bundesweit vermarkten. Sein Ziel ist es, einen authentischen und möglichst perfekten Klang überall bieten zu können. Allerdings soll die technische Lösung immer nur eine Ausnahme sein, niemals die Regel. Deshalb sollen nicht alle Lieder des Gotteslobes angeboten werden, Stein selbst nennt das die „Top 100 aus dem Gotteslob“. Für Anregungen ist der Entwickler aber dennoch dankbar. „Viele Priester sind sehr musikaffin.“
Heinrich Bittner jedenfalls ist sehr zufrieden mit dem „Notfall-Organisten“, den er als Blinder problemlos bedienen könne. Eine solche Lösung wäre damals, in den 1980er-Jahren, sicherlich eine gute Hilfe gewesen.
Info
Eine ausführliche Beschreibung dessen, was der „Notfall-Organist“ leisten kann (und was nicht) gibt es im Internet (www.notfall-organist.de). Dort ist auch ein Klangbeispiel hinterlegt. Zudem werden die beiden Bezahlmodelle vorgestellt.