Die schöne Helena, Homer und die Hautfarbe
Zum Kinostart: Die Frage, welche Hautfarbe Homers Heldin hatte, führt zu einem überraschenden Befund über die antike Welt.
Als bekannt wurde, dass Oscarpreisträgerin Lupita Nyong’o in Christopher Nolans Verfilmung der Odyssee die Helena spielen würde, ließ Kritik nicht lange auf sich warten. In Sozialen Netzwerken hieß es, diese Besetzung sei historisch unzutreffend. Helena von Troja, auch bekannt als die schöne Helena, sei schließlich weiß gewesen. Wer machte sich zum Multiplikator dieser Proteste auf X? Tech-Unternehmer Elon Musk, dem die Plattform gehört.
Der rechtsgerichtete Kommentator Matt Walsh behauptete in einem Beitrag auf X, dass „kein einziger Mensch auf diesem Planeten tatsächlich glaubt, dass Lupita Nyong’o ‚die schönste Frau der Welt‘ ist“, und fügte hinzu: „Christopher Nolan weiß, dass man ihn als Rassisten bezeichnen würde, wenn er die Rolle der ’schönsten Frau‘ einer weißen Frau geben würde.“ Elon Musk repostete das mit der Bemerkung: Wie wahr.
Was steckt dahinter? Offenbar die Vorstellung, dass Hautfarbe schon in der Antike ein entscheidendes Merkmal menschlicher Identität gewesen sei. Doch genau das bestreiten Althistoriker seit Jahren.
Menschen nach Herkunft beurteilt
Die homerischen Epen, also die Ilias und die Odyssee, verraten wenig über das Aussehen ihrer Hauptfiguren. Helena wird zwar mehrfach als außergewöhnlich schön beschrieben. Doch eine eindeutige Aussage über ihre Hautfarbe findet sich nicht. Für die Griechen war Helena die schönste Frau der Welt – nicht die Vertreterin einer bestimmten Ethnie.
Überhaupt dachte man in der Antike anders über menschliche Unterschiede als in der Neuzeit. Menschen wurden nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern in erster Linie nach ihrer Herkunft unterschieden. Die Griechen etwa differenzierten zwischen Griechen und „Barbaren“, Römer zwischen Bürgern und Nichtbürgern, Freien und Sklaven. Sprache, Kultur, politische Zugehörigkeit und sozialer Rang waren die entscheidenden Kategorien.
Das heißt allerdings nicht, dass die Antike frei von Fremdenfeindlichkeit gewesen wäre. Griechen verspotteten Perser als verweichlicht, beschrieben Thraker als trinkfest oder Gallier als wild und unbeherrscht. Römer entwickelten ähnliche Klischees über die Völker ihres Reiches. Doch diese Zuschreibungen richteten sich gegen Herkunft, Sprache, Sitten oder politische Loyalität, aber nicht gegen eine angeblich biologische Zugehörigkeit.
Hinzu kommt, dass antike Gelehrte das Aussehen von Menschen anders erklärten, als es heute der Fall ist. Der Arzt Hippokrates führte Unterschiede auf Klima, Wasser und Landschaft zurück. Menschen in heißen Regionen hätten dunklere Haut entwickelt, Menschen im Norden eine hellere. Solche Merkmale galten als Folge der Umwelt, nicht als Ausdruck einer unveränderlichen Natur. Die Vorstellung biologisch festgelegter „Menschenrassen“ war der Antike fremd.
Rassen wurden erst in der Neuzeit erfunden
Neuere Forschungen zeichnen deshalb das Bild eines sehr vielfältigen Mittelmeerraums. In den Häfen von Alexandria, Athen oder Rom begegneten sich Menschen aus Europa, Nordafrika und Vorderasien. Das Römische Reich war eines der mobilsten Gemeinwesen der Antike. Archäologische Funde und genetische Untersuchungen zeigen, dass Migration und kulturelle Vermischung eher die Regel als die Ausnahme waren.
Die Vorstellung, Menschen anhand ihrer Hautfarbe in klar voneinander getrennte, gar unterschiedlich wertvolle Gruppen einzuteilen, entstand erst deutlich später. Historiker verorten den entscheidenden Wandel zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert. Im Zuge von Kolonialismus, transatlantischem Sklavenhandel und europäischer Expansion entwickelte sich schrittweise die Idee biologisch definierter „Rassen“.
Im 18. Jahrhundert versuchten Naturforscher wie Carl von Linné und Johann Friedrich Blumenbach, die Menschheit in vermeintlich natürliche Gruppen zu ordnen. Im 19. Jahrhundert kam es zur pseudowissenschaftlichen Einteilung von Menschen in „Rassen“, die einherging mit einer rassistischen Politik. Der Gedanke, Hautfarbe bestimme den Wert eines Menschen, ist daher keine antike Konstruktion – sondern eine der europäischen Moderne.