Erinnerung, Verantwortung und Menschlichkeit
Eva Szepesi, Auschwitz-Überlebende, sprach in Detmold mit Louis Pawellek.
Dieser Abend hat viele Besucher tief bewegt. Rund 360 Menschen kamen in die Detmolder Stadthalle, um der Holocaust-Überlebenden Eva Szepesi zuzuhören. Unter dem Titel „Auschwitz – Ich überlebte die Todeshölle!“ sprach die 93-Jährige mit Moderator Louis Pawellek über ihre Kindheit, das Grauen des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und ihre lebenslange Aufgabe, gegen das Vergessen zu kämpfen. Alle erhoben sich und applaudierten, als Eva Szepesi und ihre jüngste Tochter Anita Schwarz, auf die Bühne kamen. Corinna Peter-Werner, erste stellvertretende Bürgermeisterin Detmolds, betonte in ihrem Grußwort, wie wichtig es sei, besonders jungen Menschen vom Holocaust zu erzählen. „Nie wieder ist jetzt“, sagte sie. Auch Louis Pawellek zeigte sich erfreut über die vielen jungen Zuhörer.
In ruhigen, eindringlichen Worten schilderte Szepesi, wie sie als zwölfjähriges Mädchen nach Auschwitz deportiert wurde, ihre Familie verlor und nur durch glückliche Umstände überlebte. Pawellek ergänzte ihre Erinnerungen mit historischen Fotos, die auf die Leinwand projiziert wurden.
Juden und Christen lebten miteinander
Geboren 1932 als Eva Diamant in Budapest, erinnerte sich Szepesi zunächst an eine glückliche Kindheit. Juden und Christen lebten selbstverständlich miteinander. Zu Weihnachten und dem jüdischen Chanukka-Fest wurde sich gegenseitig eingeladen. Ihre Mutter sei eine gute Sängerin gewesen und sie liebte es, im Chor zu singen. Ein bewegender Moment entstand, als Eva ein ungarisches Lied anstimmte, dessen Botschaft lautete: „Lasst uns einander lieben, Kinder, das Leben ist zu kurz, um es mit Streit zu vergeuden.“ Das Publikum spendete dafür viel Applaus.
Sie berichtete auch von ihrem Besuch in Budapest im vergangenen Jahr, als vor dem ehemaligen Wohnhaus ihrer Familie Stolpersteine verlegt wurden. Die Initiative dazu war von Schülern ausgegangen, die Geld gesammelt hatten. „Ich hatte eine Lesung an einer Schule, daraufhin haben die Schüler diese Idee entwickelt.“ Eigentlich existiert eine lange Warteliste. Die Schüler ließen nicht locker und baten: „Eva ist so alt und soll die Verlegung unbedingt noch erleben.“ Daraufhin wurde die Verlegung vorgezogen.
Mit den Rassegesetzen ab 1938 endete ihre unbeschwerte Kindheit. Die Familie durfte weder das Schwimmbad noch Kino besuchen, musste ihr Radio abgeben und erlebte zunehmende Ausgrenzung. Selbst das Chorsingen wurde ihr verboten. Besonders schmerzte sie, dass ihre besten Freundinnen schwiegen, als sie von Mitschülern mit einem Stück blutigem Schweinefleisch verspottet wurde.
Anschaulich schilderte Szepesi ihre Flucht über die Slowakei und die Deportation im letzten Viehwaggon nach Auschwitz-Birkenau. Im Lager half ihr die Mitgefangene Stella, deren Tochter vor ihren Augen erschossen wurde. Der Rat, sich bei der Selektion als 16-Jährige auszugeben, rettete ihr das Leben. Nur deshalb galt sie als arbeitsfähig und wurde nicht gleich in die Gaskammer geführt. Ihre Häftlingsnummer A26877 trägt sie bis heute am Arm.
Auch die letzten Tage vor der Befreiung schilderte sie eindringlich. Bereits für tot gehalten, überlebte sie schwer krank zwischen Leichen, bis Soldaten der Roten Armee Auschwitz am 27. Januar 1945 befreiten. Ein sowjetischer Soldat gab ihr Schnee gegen das hohe Fieber, was ihr das Leben rettete.
„Schindlers Liste“ als Auslöser
Erst fünfzig Jahre später begann Szepesi öffentlich über ihre Erlebnisse zu sprechen. Ausgelöst wurde dieser Schritt durch den Film „Schindlers Liste“ und eine Reise nach Auschwitz zum 50. Jahrestag der Befreiung. Dort erfuhr sie auch, dass ihre Mutter Valéria und ihr Bruder Tamas im Juli 1944 in Auschwitz ermordet wurden. Seitdem besucht sie Schulen und Gedenkstätten und wirbt für Demokratie und Menschlichkeit.
Mit Blick auf den zunehmenden Antisemitismus erinnerte sie an ihre Worte im Bundestag, wo sie 2024 eine Rede hielt: „Es schmerzt mich, wenn Schüler in Deutschland wieder Angst haben, in die Schule zu gehen, nur weil sie Juden sind.“ Ihre Botschaft an die Jugend lautet: „Ihr habt keine Schuld, tragt aber Verantwortung für die Zukunft, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.“ Nach fast zwei Stunden erhoben sich alle Besucher von den Plätzen und dankten Eva Szepesi mit langanhaltendem Applaus.
Hintergrund
Der Abend wurde von der Lippischen Landeskirche, der Lippischen Landes-Zeitung, der Buchhandlung Kafka & Co., der Stadt Detmold, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit sowie dem Forum Offenes Detmold unterstützt.