Die mit Schild und Harnisch dienten
Die Libori-Gilde richtet traditionsgemäß alljährlich das Paderborner Libori-Mahl – das erstmalig im Jahre 1449 urkundlich erwähnt wurde – im historischen Rathaus zu Paderborn aus. Gildemeister ist der Paderborner Volkswirt Prof. Dr. Johannes Beverungen. Er spricht über die Geschichte und heutige Bedeutung der Gilde.
Herr Professor Beverungen, wie würden Sie die Libori-Gilde jemandem erklären, der Libori nur als Volksfest kennt?
Die Libori-Gilde ist eine Kaufmannsgilde, die im Mittelalter entstanden ist, als die Kaufleute und Handwerker eine zentrale Bedeutung für die Stadt hatten. Mit dem Libori-Mahl wollte die Gilde diejenigen zusammenbringen, die der Stadt Gutes taten, die sich nach heutiger Sichtweise ehrenamtlich für die Bürgerschaft engagierten. In den Statuten hieß das damals, „die der Stadt mit Schild und Harnisch dienten“. Das ist sicherlich eine Metapher in dem Sinne, dass sie sich für die Stadt einsetzten.
Ist es das, was wir heute als „Vernetzung“ bezeichnen?
Das würde ich nicht so sehen. Ich glaube, dass es bis zum heutigen Tag darum geht, denjenigen, die sich für Paderborn einsetzen, Dank und Anerkennung auszusprechen über dieses Mahl. Die Gilde ist kein Zusammenschluss wie zum Beispiel bei Rotary oder Lions Clubs. Das zeigt sich schon an der Zusammensetzung der Teilnehmer am Libori-Mahl: Sie ist zum größten Teil in jedem Jahr unterschiedlich. Es ist eben nicht der Netzwerkcharakter, den man aus anderen Vereinigungen kennt.
Wie funktioniert die Auswahl der Teilnehmer am Libori-Mahl?
Das machen wir als Gilde selbst, indem die Mitglieder überlegen, wen man einladen könnte, vor dem Hintergrund der Frage, wer sich um die Stadt verdient gemacht hat. Das ist ein langwieriger und nicht ganz unkomplizierter Prozess, der bei unseren Treffen eigentlich immer im Mittelpunkt steht. Wobei natürlich einige Teilnehmer durch ihr Amt gesetzt sind. Das dürfte ungefähr ein Viertel der Gäste sein.
Seit wann gibt es die Libori-Gilde und das Libori-Mahl?
Die Ursprünge reichen zurück bis ins Mittelalter. Im Jahr 1449 wurde die Gilde gegründet und erstmals urkundlich erwähnt. Gelebt hat die Tradition besonders durch die Hansestadt Paderborn, denn die Hanse war enorm bedeutend für das Mittelalter. Mit Blick auf das Gründungsjahr liegt es nahe zu sagen, dass die Libori-Gilde sicherlich eine der ältesten Institutionen in Paderborn ist, deren Wesen über die Jahrhunderte hinweg erhalten werden konnte, auch wenn sich sicherlich Umgangsformen immer wieder gewandelt haben. Diese Tradition ist etwas, was für die Authentizität der Gilde steht und was auch die Gäste sehr schätzen.
Daher auch der vorgeschriebene Dresscode für den Abend?
Ja, damit möchten wir unterstreichen, dass das Libori-Mahl eine besondere Veranstaltung mit einer jahrhundertealten Tradition ist.
Diese Tradition zeigt sich auch mit Blick auf die Liste der Festredner; wie schafft es die Gilde, so hochkarätige Festredner nach Paderborn zu holen? Ist die Strahlkraft von Libori so groß?
Dass das Libori-Fest eines der wunderbarsten Volksfeste in Deutschland ist, trägt sicherlich dazu bei! Der ganze Rahmen mit dem Zusammenspiel von Kirche, Kirmes und Kultur sowie der Städtepartnerschaft passt einfach. Natürlich spielt auch die Prominenz der bisherigen Festredner eine Rolle. Hinzu kommt, dass alles sehr authentisch ist, das haben uns Teilnehmer des Kramer-Mahls in Münster oder des Schaffer-Mahls in Bremen bestätigt. Diese Authentizität zeigt sich auch in der Auswahl der Speisen – einfach westfälisch!
Daran würde man auch nicht rütteln, oder?
Ich auf keinen Fall! Das gehört zur Tradition; was für uns als Gilde immer heißt, das zu bewahren, was sich bewährt hat – über Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte!
Trotzdem bleibt es eine Herausforderung, das am Leben zu erhalten.
Traditionen funktionieren nur so lange, wie sie auch gelebt werden. Dazu müssen die Gildemitglieder gemeinsam handeln. Aktuell ist es ein wunderbares Miteinander. Unsere Aufgabe ist die Organisation dieses einen Ereignisses, deshalb handeln alle fokussiert. Diese Konzentration auf ein Ziel ist sehr hilfreich! Natürlich ist das gerade für die fünf Vorstandsmitglieder wirklich viel Arbeit.
Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Libori-Mahl?
Ja, es war etwas ganz Besonderes für mich. Ich finde den Rahmen bis heute sehr stilvoll und würdig, aber nicht übertrieben. Das hat mich beeindruckt und beeindruckt mich bis heute.
Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Zum einen die Erleichterung, nachdem ich meine erste Rede als Gildemeister gehalten habe und der Druck von mir abfiel, und zum anderen ein Moment, als wir zum Ende des Abends gemeinsam die National- und die Europahymne gesungen haben, zusammen mit dem Bundespräsidenten und dem Erzbischof. Das war für mich etwas sehr Besonders.
Sind Sie noch aufgeregt vor einem Libori-Mahl?
Sehr sogar. Die Anspannung ist immer groß, und eine Routine tritt nicht ein. Die Sorge, dass etwas schiefgeht, ist immer da, auch wenn wir als Gilde einen minutiösen Ablaufplan haben und dementsprechend versuchen, nichts dem Zufall zu überlassen. Der schlimmste Fall, der eintreten könnte, wäre der, wenn ein Festredner kurzfristig absagen würde.
Geben Sie den Festrednern ein Thema vor?
Aus der Tradition heraus sagen wir „Europa“. Doch ein festes Thema geben wir nicht vor, denn die Festredner wissen sehr wohl um die Bedeutung von Libori, die Verbindung zur Kirche und die besondere Freundschaft und Städtepartnerschaft mit Le Mans.
Sie sind ebenfalls frei, wie Sie Ihre Rede inhaltlich gestalten?
Ja, aber ich habe es leichter, denn als Gildemeister spricht man über wirtschaftspolitische Themen, und aus meiner Profession heraus liegt mir das.
Eines fällt auf: Das Libori-Mahl ist eine sehr männerlastige Veranstaltung! Woran liegt das?
Wir arbeiten seit Jahren daran, das zu ändern! Natürlich würden wir gern mehr Frauen einladen, aber es gibt eben nicht so viele Unternehmerinnen, und trotz aller Fortschritte ist es für Frauen immer noch schwierig, Familie und Beruf sowie ehrenamtliches Engagement miteinander zu vereinbaren. Da kommen viele Faktoren zusammen; es liegt definitiv nicht an uns als Libori-Gilde! Frauen waren schon vor mehr als 70 Jahren Gäste. Und natürlich gehören auch Frauen zu unserer Gilde.
Was geschieht mit den Spenden der Gäste des Libori-Mahls?
Die werden in vollem Umfang weitergegeben und für wohltätige Zwecke in Paderborn verwendet. Die Frage, wer unterstützt wird, entscheiden wir innerhalb der Gilde.
Wie ist die Gilde selbst zusammengesetzt?
Sie war und ist eine Kaufmannsgilde, die ihren Ursprung in der Tatsache hat, dass Paderborn Hansestadt war. Dass sie immer noch existiert und aktiv ist, hat sie sicherlich nicht zuletzt der großen Bedeutung des Libori-Festes und der Städtepartnerschaft zwischen Paderborn und Le Mans zu verdanken. Bis heute sind die Mitglieder also Paderborner Unternehmerinnen und Unternehmer. Sie müssen in Paderborn leben oder das Unternehmen muss seinen Sitz hier haben.
Kann man sich um die Mitgliedschaft bewerben?
Nein, man wird berufen.
Wie lange sind Sie selbst schon Mitglied der Gilde?
Seit elf Jahren. Über die Anfrage habe ich mich damals sehr gefreut und diese zugleich als Ehre empfunden.
Was bedeutet Ihnen Libori?
Als Paderborner bedeutet mir das Fest sehr viel. Es ist eben die fünfte Jahreszeit. Sie ist wunderbar, gerade durch die einzigartige Kombination aus Kirche, Kirmes und Kultur. Besonders freue ich mich auf das Triduum, das diesem Fest seinen eigentlichen Wert verleiht.
Info
Die Libori-Gilde richtet seit dem Jahr 1449 das Paderborner Libori-Mahl im Rathaus zu Paderborn aus. Mittelpunkt ist die Ansprache eines prominenten Gastes, der sich mit dem Thema Frieden und Freiheit in Europa auseinandersetzt. Festredner in diesem Jahr ist Bundeskanzler Friedrich Merz.