Die ignorierten Frauen der Bibel
Abteigespräch mit Dr. Annette Jantzen.
Was hat die katholische Leseordnung, also die Vorgabe, welche biblischen Texte in Gottesdiensten gelesen werden, mit Machtstrukturen und Vorentscheidungen in der römisch-katholischen Kirche zu tun? Dieser Frage ging die promovierte Theologin und Seelsorgerin Dr. Annette Jantzen bei einem gut besuchten Abteigespräch in der Abtei Königsmünster nach, bei dem sie ihr neues Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel. Was im Gottesdienst nicht gelesen wird“ vorstellte.
Ein Buch über die katholische Leseordnung? Wer soll das denn lesen? Wen interessiert dieses vermeintlich sehr spezielle Thema? So dachte es sich auch Annette Jantzen, als ihr Lektor ihr dieses Thema zum ersten Mal vorstellte. Aber nach genauerem Hinsehen und auch nach einigem Ärger über getroffene Entscheidungen stellte sie fest, wie sehr die Frage, was im Gottesdienst gelesen – oder auch: nicht gelesen – wird, von Machtfragen beeinflusst ist, und wie sehr starke biblische Frauen dabei übergangen oder so dargestellt werden, dass sie ins gut vertraute Männerbild passen.
Die Kommission zur Einsetzung der neuen Leseordnung im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils, das den Reichtum des ganzen Wortes Gottes wiederentdecken wollte, bestand zum größten Teil aus Männern der etablierten Kirchenhierarchie. Und so nahm die Theologin ihr Publikum mit auf eine spannende Entdeckungsreise durch die Welt vor allem des Ersten Testaments.
Da ist zunächst Hagar, die im Buch Genesis vor allem als Nebenfrau Abrahams und Sklavin bekannt ist. Sie wird aber auch als Frau vorgestellt, die Gottes Namen nennt: „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ (vgl. Gen 16.13). Gerade dieser Vers werde in der offiziellen Leseordnung ausgeklammert – eine bewusste Vorentscheidung, die das Bild Hagars verkürzt. Eine weitere kaum bekannte Frau ist Abigail, deren Geschichte in 1 Sam 25 erzählt wird: Sie wird als kluge Vermittlerin zwischen ihrem Mann Nabal und dem späteren König David dargestellt, die durch ihre kluge Rede ein Blutbad vermeidet.
Interessant sei auch, welche Frauen in der späteren Königszeit Israels in der Bibel vorkommen: es sind hier gerade Frauen, die von frauenkritischen Geschichtsschreibern als „böse“ und machtbesessen dargestellt werden wie Atalja, deren Geschichte in 2 Kön 11 erzählt wird. Positiv besetzte Frauengestalten wie die Prophetin Hulda, die in der Königszeit dem König eine göttliche Prophezeiung übermittelt, werden in der kirchlichen Leseordnung verschwiegen. Noch viele weitere Geschichten von bekannten und unbekannten biblischen Frauengestalten führt Annette Jantzen an und zeigt so auf, welcher große, bisher unentdeckte Reichtum in den biblischen Geschichten liegt – und wie sie patriarchale Machtstrukturen in Frage stellen können.
Wie kirchenpolitisch aktuell und verwoben mit Fragen von Macht in der Kirche die Thematik ist, hat dann die anschließende lebendige Diskussion gezeigt. So hat der Abend einen Bogen zum Abteigespräch mit der Eibinger Benediktinerin Sr. Philippa Rath OSB vor zwei Jahren zum Thema „Frauen in Diensten und Ämtern“ geschlagen, die auch das Vorwort im Buch von Annette Jantzen geschrieben hat.