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24.04.2024
Matthias Rüenauver reinigt ein kleines Gemälde von Verschmutzungen. Der Unterschied zeigt sich an der Linie, die mitten über das Bild läuft.
Foto / Quelle: Karl-Martin Flüter

Arbeit für die Nachwelt

Matthias Rüenauver weiß, dass es ohne die generationenübergreifende Pflege von historischen Bau- und Kunstwerken nicht geht. Nichts hält ewig, nicht mal Beton.

Karl-Martin Flüter

Lydia Kayß bemalt vorsichtig den Arm der Skulptur in Indigorot. Die Jahrespraktikantin der Restaurierungsfirma „ars colendi“ hat den Grundstoff für die Farbe aus einem kleinen Glas genommen, das mit vielen anderen Gläsern in einem Wandregal der Werkstatt steht und einem Gewürzregal in der Küche ähnelt.

Dort leuchten Zinnober, Malachit und Azurit, Neapel­gelb und Lapis Lazuli: Wer heute alte Werke restaurieren will, muss diese Farben kennen, die aus zerriebenen Steinen und Pflanzen entstanden sind. Mit diesen Farben haben Künstler immer gearbeitet, bis im 19. Jahrhundert neue, künstliche Farbmischungen möglich waren. Nur wer mit den alten, natürlichen Farbpigmenten arbeitet, kann historische Kunst vor dem Industriezeitalter wirklich originalgetreu restaurieren.

Matthias Rüenauver gründete mit Norbert Assmuth 2003 in Paderborn „ars colendi“, eine Fachwerkstatt für Bau- und Kunstdenkmalpflege. Seitdem sind die beiden Männer Geschäftsführer des Unternehmens. Kirchen und der Staat sind die Hauptkunden.

Rüenauver hat in den 1980er-­Jahren Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften in Köln studiert. Damals vollzog sich eine große Änderung hin zur nachhaltigen Restaurierung. Das Prinzip, dass Restaurierungen reversibel, zurücknehmbar, sein müssen, setzte sich durch.

Lydia Kayß beim Griff in das Farbregal. Hier stehen Farbpigmente wie Zinnober, Malachit und Azurit, Neapelgelb und Lapis Lazuli.
Foto / Quelle: Karl-Martin Flüter

Bei den Farbstoffen, die in Laboren entwickelt wurden, war das nicht so. Schon nach wenigen Jahrzehnten machten sich Folgeschäden bemerkbar. Die Farben griffen die Untergründe von Bildern an, der moderne Zement das alte Mauerwerk. Die historischen Farben aus Pflanzen- und Gesteinspigmenten schonen dagegen die alten Untergründe.

Corvey ist ein Beispiel. Vor etwa 60 Jahren erhielten die Wandmalereien im Westwerk des Weltkulturerbes eine Schutzschicht, die sich mit den Farben der Fresken verband. Die Spätfolgen sind dramatisch. Eingriffe an den Wandgemälden können nicht vorgenommen werden und wer die Schicht entfernen will, zerstört das Kunstwerk.

„Ewig“ ist ein schwieriges Adjektiv

Es sind nicht nur veraltete Restaurierungsmethoden und sich dramatisch verändernde Umwelteinflüsse, die Kunst- und Bauwerke in ihrer Substanz beeinträchtigen. Es ist auch das Konsumdenken, das dazu beiträgt. „Wir wollen es warm und trocken in der Kirche haben“, sagt Matthias Rüenauver, „aber die Kirchen waren im Originalzustand zugig und kalt.“ Es gab damals keine Feuchtigkeit, die sich an den Wänden absetzte. Heizungen, isolierte Fenster und dicht schließende Kirchentüren erhöhen die Bequemlichkeit, sind jedoch schlecht für das Bauwerk und die Innenausstattung.

Sogar der Beton, der lange Zeit als ewig galt, beugt sich dem Diktat der Zeit und der Umwelteinflüsse. Das betrifft Kirchen genauso wie Brücken, die seit den 1960er-­Jahren entstanden sind. Die Armierungen in den Wänden und Pfeilern rosten.

Restauratoren sind ohnehin der Meinung, dass nichts für immer hält. „Ewig“ ist ein schwieriges Adjektiv, glaubt Matthias Rüenauver: „Die Ewigkeit stellt sich anders an, als wir annehmen.“

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