Mehr gesellschaftlichen Druck bitte!

Experten diskutieren über die Zukunft der Landwirtschaft – Landwirte im Dilemma

Große Maschinen prägen das Bild heutiger Landwirtschaft. Foto: Pixabay
Große Maschinen prägen das Bild heutiger Landwirtschaft. Foto: Pixabay
veröffentlicht am 23.06.2021
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Paderborn (Mid). Unter dem Titel „Zukunft der Landwirtschaft“ haben die Universität Paderborn und die Theologische Fakultät Paderborn, im Rahmen ihrer Kooperation, das sogenannte „2.Forum Wirtschaftsethik“ abgehalten. Dazu referierte der Agrarökonom Prof.Dr.Alois Heißenhuber im Audimax der Fakultät. Die Veranstaltung konnte auch online verfolgt werden. Anschließend wurde die Thematik von einer Expertenrunde diskutiert. Zuschauer konnten sich vor Ort sowie online beteiligen.

Prof.Dr.Alois Heißenhuber war bis 2013 Inhaber des heutigen Lehrstuhles für Produktions- und Ressourcenökonomie an der Technischen Universität München-Weihenstephan. Heute ist er unter anderem Mitglied in der Kommission Landwirtschaft (KLU) am Umweltbundesamt Dessau-Berlin. In seinem Vortrag zeichnete er wesentliche Entwicklungen der Landwirtschaft sowie der Agrarpolitik, ausgehend von den 1950er-Jahren bis heute, nach. Flurbereinigungen, größere Flächen, weniger vielfältige Fruchtfolgen, dazu eine beträchtliche Steigerung der Produktivität durch den Einsatz von Technik und die Spezialisierung der Betriebe. Das sind die Schlagworte der Entwicklung. Für die Agrarpolitik sprach Heißenhuber über die Gestaltung von Zöllen und Subventionen.

Das Dilemma, in dem in erster Linie Landwirte stecken, skizzierte Heißenhuber so: „Wenn die Landwirte so produzieren, wie es sich die Bevölkerung vorstellt, dann haben sie am Markt schlechte Chancen. Wenn sie so produzieren, wie es der Markt verlangt, dann verlieren sie die Akzeptanz der Bevölkerung.“ Dass die Landwirtschaft vor Problemen steht, ist nicht neu. Proteste von Landwirten mit Traktoren oder die „Wir-haben-es-satt-Bewegung“ machen immer wieder darauf aufmerksam. 

Prof. Dr. Günter Wilhelms, Sozialethiker an der Katholischen Fakultät, ist einer der beiden Initiatoren des Forums. Im Nachgang der Veranstaltung betont er  gegenüber dem Dom: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir uns wirklich fragen müssen: Was stellen wir uns eigentlich unter einer gelungenen Landwirtschaft für die Zukunft vor? Was soll das sein?“ Das derzeitige System beinhalte eine große Bandbreite von sich auch widersprechenden Konzeptionen, von bäuerlichen Betrieben bis hin zu industrieähnlichen Formen der Produktion. Dieses System könne als Ganzes nicht weitergeführt werden. „Ich glaube nicht, dass wir weiterkommen, wenn wir an den bestehenden Strukturen andocken“, so Wilhelms.

Damit trifft er im Grundsatz den Konsens aller Diskussionsteilnehmer, die zumindest bekundeten, dass es so wie bisher nicht weitergehe. So forderte Heißenhuber in seinem Vortrag, es müsse einen Gesellschaftsvertrag Landwirtschaft geben. Er appellierte an alle Beteiligten, sich zusammenzusetzen und gemeinsam eine Lösung für die Problemfelder der Landwirtschaft zu entwickeln. 

Der Weg eines solchen Gesellschaftsvertrages würde bereits beschritten, meinte der Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V., Georg Janssen. Er sprach von der „Zukunftskommission Landwirtschaft“, die seit Juli 2020 in Berlin tätig ist. Sie war nach Protesten von Landwirten durch Bundeskanzlerin Angela Merkel eingesetzt worden. Die Kommission soll „Empfehlungen und Vorschläge für die Ziele der Landwirtschaft in Deutschland erarbeiten, die ökonomisch, ökologisch und sozial tragfähig und gesellschaftlich akzeptiert sind“, so das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf seiner Homepage. Vertreten darin sind 31 Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Gruppierungen. Verbände von Landwirten sitzen hier neben Vertretern der Agrar- und Ernährungsindustrie sowie Umweltschützern und Wissenschaftlern. 

Letztlich fragt man sich aber doch, wer muss jetzt was wie anpacken. Prof.Wilhelms dazu: „Gesellschaftsvertrag ja, Dialog ja, was soll man dagegen einwenden? Das setzt aber voraus, dass die Politik, die in erster Linie verantwortlich ist, Druck auf die großen Player, Handel und Industrie, ausübt. Den sehe ich derzeit nicht. Alternativ müsste gesellschaftlicher Druck da sein, so wie das beim Kohle- oder dem Atomausstieg der Fall war.“

Doch warum befasst sich gerade das Forum Wirtschaftsethik mit diesem Thema? Dazu Prof.Wilhelms: „Das ergibt sich aus der Natur der Sache. Wir wollen alle möglichen Felder, die von wirtschaftsethischem Interesse sind, anschauen. Die Landwirtschaft ist nicht nur ein Wirtschafts-, sondern auch ein Lebensbereich, welcher uns alle betrifft. Von daher gehört sie selbstverständlich dazu.“ Er fügt an: „Der christliche Glaube, wenn er glaubwürdig sein und der Botschaft Jesu entsprechen will, dann muss er sich mitverantwortlich fühlen für das Zusammenleben der Menschen.“ Gottes- und Nächstenliebe seien nicht zu trennen und die Nächstenliebe höre eben nicht beim Nächsten auf, sondern müsse ausgreifen auf die Bedingungen, unter denen der Nächste lebt. „Es nützt nichts, wenn ich dem Bettler ein Stück Brot gebe, aber die Bedingungen, die ihn arm machen, sind mir egal.“

Die Aufzeichnung des „2.Forums Wirtschaftsethik“ kann unter dem folgenden Link angesehen werden:
https://www.hni.uni-paderborn.de/bee/forum-wirtschaftsethik

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