Ein gutes Leben für alle

Im Kreis Paderborn gründet sich eine neue Regionalgruppe der Gemeinwohl-Ökonomie

Das Bruttosozialprodukt ist nicht ausschlaggebend für eine gute Wirtschaft und das gute Leben der Menschen. Diese Überzeugung prägt auch den Popsong „Bruttosozialprodukt“. Die „GWÖ-Combo“ sorgte mit dem Lied bei der Gründungsveranstaltung der GWÖ-Regionalgruppe für gute Stimmung. (Foto von links: Uli Kloppenburg, Klaus Schüssler und Hans-Werner Hüwel)Foto: Christoph Brockmeyer
veröffentlicht am 06.05.2021
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

Kreis Paderborn. Die Organisatoren hatten den Termin für ihre Gründungsveranstaltung nicht zufällig auf den 22.April gelegt. Der Tag gilt weltweit als „Earth Day“. Wie bei diesem weltweiten Umwelttag geht es der neuen Regionalgruppe der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) in Paderborn um Nachhaltigkeit, Ökologie, aber auch um soziale Gerechtigkeit. Sogar das Motto hätte die GWÖ-Regionalgruppe vom „Earth Day“ übernehmen können: „Denke global, handle lokal“.

von Karl-Martin Flüter

Die neue Regionalgruppe will Unternehmen und Institutionen dazu gewinnen, sich mit der Gemeinwohl-Bilanzierung zu beschäftigen. Erfolgreiche Vorbilder gibt es längst, etwa die Sparda-Bank oder das Unternehmen „Vaude“. Ein Einstieg könnte zuerst bei Unternehmen gelingen, die sich in kommunaler Trägerschaft befinden, sind die Gründer der Regionalgruppe überzeugt.

Ein konkretes Projekt der Gemeinwohl-Ökonomie ist in Paderborn die gemeinwohl-orientierte Quartiersentwicklung in der ehemaligen Dempsey-Kaserne in Schloß Neuhaus.

Als zentrales Instrument der GWÖ gilt die Gemeinwohl-Bilanzierung. Sie bewertet den Beitrag von Unternehmen und Institutionen mit Blick auf Werte wie Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit oder demokratische Mitbestimmung. Gemeinwohl-Ökonomie stärkt und stützt Regionen, Städte und Dörfer, weil sie daran arbeitet, Natur, Konsum und soziale Gerechtigkeit in ein Gleichgewicht zu bringen.

Das sind Langzeitziele. Zurzeit leidet die Regionalgruppe wie alle unter der Pandemie. Auch die Gründungsveranstaltung musste digital stattfinden, was der Aufbruchstimmung nicht schadete. Die Organisatoren hatten ein musikalisches Trio zusammengestellt, das die Teilnehmer der Veranstaltung mit ihrer Version des Songs „Bruttosozialprodukt“ überzeugte.

Ermutigung kam von den Gästen, die der neuen Paderborner Gruppe Ideen und Ratschläge auf den Weg gaben. Christian Felber, Gründer der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung in Deutschland, war mit einem Video zugeschaltet. Er betonte den lokalen Charakter der Bewegung. Die Umorientierung vom reinen Profit- und Wachstumsdenken hin zu dem Ziel eines „guten Lebens für alle“ entspreche den ethischen Überzeugungen der Mehrheit der Menschen und der Unternehmen, betonte Felber.

Einer der regionalen Pioniere für die Gemeinwohl-Ökonomie ist Albrecht Binder, Apotheker aus Steinheim. Er hat zuerst sein Unternehmen nach den Regeln der Gemeinwohl-Ökonomie zertifiziert und dann den Anstoß zu einer flächendeckenden Entwicklung im Nachbarkreis gegeben. Mittlerweile gibt es die Gemeinwohl-Ökonomie-Stadt Steinheim und die Gemeinwohl-Ökonomie-Region Höxter.

Der Kreis Paderborn kann vom Kreis Höxter in dieser Beziehung noch viel lernen. Dass es auch westlich der Egge Ansatzpunkte für eine andere Wirtschafts- und Sozialethik gibt, erläuterte René Fahr, Wirtschaftsprofessor an der Uni Paderborn. Studierende sind an dem Projekt in der Dempsey-Kaserne beteiligt. Fahr will die Zusammenarbeit von Uni und Stadt ausweiten.

Eigeninitiative zählt, wenn Veränderungsprozesse sich durchsetzen sollen. Die Unternehmerin Petra Kaiser berichtete über die Zertifizierung ihrer „Linsen-Manufaktur“ nach den GWÖ-Richtlinien. Sie lud die Teilnehmer der Gründungsfeier zur Linsen-Aussaat nach Schloss Hamborn ein. Auch in diesem Punkt schloss sich an diesem Abend ein Kreis. Regionaler ökologischer Anbau als Basis für nachhaltige und gesunde Lebensmittel: Das ist ganz im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie.

Info

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) versteht sich als liberale und ethische Marktwirtschaft, die nicht auf Gewinnstreben und Konkurrenz beruht, sondern das Streben nach Gemeinwohl und Kooperation in den Fokus rückt. Die Idee stammt ursprünglich von dem österreichischen Publizisten Christian Felber. Die GWÖ wurde 2010 in Österreich gegründet. Weltweit zählt die GWÖ etwa 11000 Unterstützer (Stand 2020). Grundsätzlich können sich Unternehmen, Verbände und Vereine, Kommunen, aber auch Privatpersonen im Rahmen der Gemeinwohl-Ökonomie engagieren. Zentrales Instrument der GWÖ ist die Gemeinwohl-Bilanz, die die Beiträge von Unternehmen und Institutionen zum Gemeinwohl erfasst.

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