Wie der Staubsauger uns lehrte, was Sauberkeit ist
Teppiche ohne Staub: Der Staubsauger macht es möglich. Das war nicht immer so. Noch bis in die 1960er Jahre wurden Teppiche geklopft.
Frank Trentmann kann sich noch an die eiserne Teppichstange seiner Kindheit erinnern, damals zu Hause in Hamburg. „Ich weiß noch genau, wie Teppiche rausgetragen und dann an der Teppichstange geklopft wurden“, sagt Trentmann, der 1965 geboren wurde. Und auch ihren Wandel hat er miterlebt: „Schon bald haben wir Kinder sie zum Fußballtor umfunktioniert.“
Teppiche über eine Stange legen und mit Körperkraft und Klopfer Staub und Schmutz herausschlagen – das war in Deutschland noch bis in die 1960er sehr üblich, erklärt der Historiker, der seit mehr als 40 Jahren in Großbritannien lebt und am Birkbeck College der Universität London und in Helsinki zur Geschichte des Konsums lehrt. Dazu hat er vor ein paar Jahren auch ein Buch geschrieben: „Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute“.
Vom Staubsauger bis zum Airfryer
„Der Staubsauger und andere Haushaltsgeräte revolutionierten im Verlauf des 20. Jahrhunderts Alltag, Freizeit und die Hausarbeit“, sagt Trentmann. „Sie sind der Vorläufer der vielen Maschinen, die wir heute in der Wohnung haben“ – von der Eismaschine bis zum Airfryer.
Das erste staubsaugerähnliche Gerät gibt es bereits seit 150 Jahren: Am 19. September 1876 wurde dem US-Amerikaner Melville Bissell das Patent für einen „Carpet sweeper“ erteilt – eine Maschine, die den Dreck vom Teppich wegschiebt, um genau zu sein, nicht etwa aufsaugt.
Die Bissells besaßen einen Geschirrladen, in dem Staub und Brüche an der Tagesordnung waren. Um ihn immer sauber und ordentlich zu halten, entwickelte Bissell eine Teppichkehrmaschine. Bald verkauften er und seine Frau Anna mehr Teppichkehrmaschinen als Tassen und Untertassen. Die britische Königin Victoria soll der größte Fan gewesen sein, heißt es auf der Website des bis heute bestehenden Unternehmens. So ordnete sie demnach an, dass alle königlichen Paläste jede Woche „bisselled“ wurden.
"Puffing Billy" für die Krönungsfeier
Schmutz regelrecht einsaugen – das konnte dann erst ein paar Jahre später eine Erfindung des Engländers Cecil Booth. Der Ingenieur testete demnach das Prinzip persönlich, indem er mit dem Mund über die Oberfläche seines Sessels saugte – und an den eingeatmeten Partikeln fast erstickte. Schließlich kam er auf die Idee, eine mit einem Staubfilter versehene und durch einen Benzinmotor betriebene Vakuumpumpe zu konstruieren. Vor 125 Jahren, am 30. August 1901, erhielt er das Patent für den ersten Staubsauger der Welt, den „Puffing Billy“. Einer seiner ersten Aufträge war es, im Jahr darauf in Westminster Abbey den Teppich für die Krönungsfeier Edwards VII. zu reinigen.
Von dem Staubsauger, den sich jeder leisten kann und der heute wohl Bestandteil fast jedes Haushalts ist, war auch dieses Gerät noch weit entfernt. In Deutschland hatte zu Beginn des Wirtschaftswunders in den 1950er Jahren nur jede vierte Haushalt einen Staubsauger. „Erst in den frühen 60er Jahren besaß mehr als die Hälfte einen elektrischen Staubsauger“, erklärt Trentmann. „Die Elektrifizierung des Haushalts hierzulande hinkte den USA eine Generation hinterher.“
Grundsätzlich verband man damit das große Versprechen, dass Staubsauger, Waschmaschine und Co den Hausfrauen das Leben erleichtern würden, so dass mehr Zeit für andere Dinge bleibe.
In der Realität spielte sich das allerdings anders ab, so Trentmann. Er verweist auf Studien, die zeigten, dass die Hausfrau ohne Staubsauger genauso viel Zeit zum Entfernen von Bodenschmutz aufwendet wie die Hausfrau, die auf einmal den Staubsauger hat – einfach weil sie öfter saugt.
Neue Kultur von Sauberkeit
Dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diese Haushaltsgeräte Einzug in die meisten Haushalte hielten, führte zu einer neuen Kultur der Sauberkeit. „Das heißt, es wird öfter sauber gemacht, wenn die Maschinen erstmal da sind. Dadurch veränderten sich die Standards von Sauberkeit. Der Anspruch, eine saubere Wohnung zu haben, schnellte in die Höhe.“
Was sauber ist und was als sauber zählt, wird ständig in die Höhe geschraubt. „Das führt dazu, dass die Menschen nicht nur sich selber häufiger waschen, sondern auch ihre Kleidung“, so der Forscher. „Noch in den 1970er Jahren zeigten Umfragen, dass deutsche Männer ihre Unterwäsche nur alle zwei, drei Tage wechselten. Das ist heute unvorstellbar.“ Besonders junge Menschen stopfen heutzutage manchmal bereits nach einmaligem Tragen ihre Jeans in die Waschmaschine.
Entsprechend zeigten auch Statistiken der letzten hundert Jahre, „dass wir immer mehr materielle Ressourcen verbrauchen, obgleich Dinge nachhaltiger, also mit weniger Ressourcenaufwand, produziert werden und sie effizienter sind“, stellt Trentmann fest.
Reflexion des Lebensstils
Bei ihm persönlich habe die berufliche Erforschung des Konsums zu einer Reflexion des eigenen Lebensstils geführt. „Ich versuche, Lebensgewohnheiten zu verändern. Wir haben seit 25 Jahren kein Auto. Gelegentlich tut es auch eine kalte Dusche. Und ich glaube, ich habe keinen besonders hohen Sauberkeitsstandard. Ich muss nicht jeden Tag meine Hose waschen und auch nicht jeden Tag staubsaugen – obwohl unser Hund extrem haart.“
Fragt man die KI nach dem heutigen Sinn von Teppichklopfern und -stangen, findet sie durchaus eine Reihe Gründe, warum sie immer noch genutzt werden könnten: Sie entfernten festsitzenden Staub und Sand oft besser als ein Staubsauger. Zudem sei das Ausklopfen schonender für die Fasern von empfindlichen Perserteppichen. Und: Sie sei stromlos und entsprechend umweltfreundlicher.
Trotzdem sind Staubsauger und Co. wohl nicht mehr wegzudenken aus dem Haushalt. Oder wie viele Menschen kennen Sie, die keinen Staubsauger besitzen?