Erst Mozart, dann Beatles und De La Soul
Schwarz, rund, 30 Zentimeter Durchmesser, 33 1/3 Umdrehungen pro Minute. Vor 75 Jahren gab es die ersten LPs made in Germany.
Ein vielstimmiges „Ahhh“ und „Ohhh“ muss es damals gegeben haben, auf der Musikmesse in Düsseldorf. Dort stellte die Deutsche Grammophon vor 75 Jahren, am 31. August 1951, die ersten zwölf Langspielplatten in Deutschland vor. Zu Beginn kamen insbesondere Fans von Wolfgang Amadeus Mozart und Co. auf ihre Kosten.
„Vor allem die Veröffentlichung der ‚Kleinen Nachtmusik‘ dokumentierte eindrucksvoll den Wert der neuen 30-cm-Langspielplatte“, heißt es in einer Chronik aus den 60er-Jahren. „Sie konnte ungekürzt auf einer Seite untergebracht werden, während auf der Rückseite ein zweites Werk – ebenfalls ungeteilt – veröffentlicht wurde: die Orchestervariationen über ein Thema von Joseph Haydn op. 56 von Johannes Brahms, die Ferdinand Leitner mit dem Württembergischen Staatsorchester Stuttgart musizierte.“
Weltpremiere bereits 1948
Drei Jahre zuvor hatte der Chef von Columbia Records, Edward Wallerstein, in den USA bereits die allererste Schallplatte aus dem Kunststoff Polyvinylchlorid – PVC – aufgelegt. Auch hier erklang am 21. Juni 1948 Klassisches: Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in e-moll, Opus 46.
Doch die Geschichte der Platten beginnt noch früher. Die ersten schwarzen Scheiben samt dem dazugehörigen Abspielgerät – damals einem Grammophon – hatte schon 1887 der in die USA ausgewanderte gebürtige Hannoveraner Emil Berliner auf den Markt gebracht.
Dafür experimentierte Berliner mit verschiedenen Materialien und landete schließlich bei einem Gemisch auf Basis von Schellack, einer harzigen Substanz aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus. Das Problem: Die zur Wiedergabe von Sprache oder Musik erforderlichen Rillen waren vergleichsweise dick und ließen sich nur mit relativ großen Abständen auf die Schellackplatten pressen. Die Folge: Bei den frühen Exemplaren blieb die Spieldauer auf wenige Minuten beschränkt.
Trotzdem wurde das neue Produkt ein Kassenschlager, wie Historiker Hermann Schäfer schreibt. „Das Hören von Musik war nicht mehr auf den Besuch eines Konzerts begrenzt, was im 19. Jahrhundert bei vor allem klassischer Musik meist nur einem höhergestellten Publikum möglich war.“ Spätestens ab den 1920er-Jahren schnellten die Verkaufszahlen in die Höhe. In den Vereinigten Staaten wurden 1927 bereits 104 Millionen Schallplatten abgesetzt. Und die Deutschen kauften 1925 fast 200.000 Grammophone.
„Wurde vor dem Ersten Weltkrieg überwiegend ‚ernste‘ Musik gepresst, so dominierte 1930 bereits die Unterhaltungsmusik mit Schlagern“, fasst Schäfer die Entwicklung zusammen. Die neuartige LP aus PVC kam nicht nur mit einem frischeren Klang als die Schellackplatte daher. Dank äußerst dünner Rillen hatte sich die Abspieldauer vervielfacht. Das werden auch die Käuferinnen und Käufer der ersten Grammophon-Platten festgestellt haben.
„Jetzt kommt das Wirtschaftswunder / Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder“, sangen Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller in den 50ern. Sich bei Musik und Tanz zu vergnügen galt als Gebot der Stunde. Und die Platten lieferten den Sound dazu.
Legendäre Pop-Alben
Ab den 1960er-Jahren ging es dann richtig rund. Bands wie die Beatles nahmen ihre ersten „Konzeptalben“ auf: wahre Kunstwerke mit teilweise aufwendig gestalteten Plattencovern, etwa „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“. Zu den klingenden Beispielen einer schillernden Ära gehörten auch Genesis mit „A Trick of the Tale“, Pink Floyd mit „The Piper at the Gates of Dawn“ oder das Debüt von Led Zeppelin mit dem brennenden Luftschiff „Hindenburg“ auf dem Cover, damals heftig umstrittenen.
Später wurden die schwarzen Scheiben selber bunt, wie 1989 bei der Picture-LP „3 Feet High & Rising“ der Hip-Hop-Combo De La Soul. Zu diesem Zeitpunkt hatten Kompaktkassetten und die 1981 vorgestellte CD den Schallplatten allerdings den Rang abgelaufen. Inzwischen ist Musik bei Streamingdiensten in unendlicher Vielfalt an praktisch jedem Ort der Welt abruf- und hörbar.
Doch Totgesagte leben länger. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland laut Medienberichten mehr als fünf Millionen Schallplatten verkauft – so viele wie seit 30 Jahren nicht mehr.