Peripher und mittendrin
LWL veröffentlicht Band über OWL von den 1950ern bis heute.
Hermann, Luise, Kaiser und Kultplätze: In Ostwestfalen-Lippe (OWL) findet sich vielerorts die Idee einer schönen, alten Vergangenheit. Doch auch die jüngere Geschichte der Region lohnt einen genaueren Blick: „Peripherie als Perspektive. Ostwestfalen-Lippe seit den 1950er Jahren“ heisst der neue Sammelband, den der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) jetzt veröffentlicht hat. Dr. Matthias Frese und Dr. Christoph Lorke vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte haben gemeinsam mit Prof. Dr. Peter Fäßler (Unversität Paderborn) 15 Beiträge zum Thema zusammengestellt.
„OWL hat es im Zeitraum unserer Untersuchung geschafft, sich selbst als Marke zu entwickeln: von einer sehr defizitären Erzählung als randständig, also quasi als Durchfahrtsregion, hin zu einer wirtschaftlich erfolgreichen, touristisch attraktiven Gegend“, so Herausgeber Frese.
Die Historiker betrachten Ostwestfalen-Lippe dabei nicht nur als Region, die sich gängigen Erzählungen von Aufschwung oder Niedergang entzieht. Vielmehr sehen sie in ihr ein beispielhaftes Untersuchungsfeld für die Spannungen zwischen Zentrum und Peripherie. Denn wenn etwas in der Peripherie passiert, dann sind die Erklärungen schnell vom Zentrum aus gegeben – defizitär, erstaunt oder gar herablassend.
Zeit also für einen Perspektivwechsel. Die drei Herausgeber gehen dabei nicht davon aus, „dass die Peripherie zwangsläufig das Gegenteil des Zentrums ist oder dessen defizitäres Abbild“, wie sie in der Einleitung schreiben. Stattdessen fragen sie: „welche eigenen Logiken, welche spezifischen Ressourcen, welche Resilienz und welche besonderen Verwundbarkeiten und zugleich welche Elastizitäten und Anpassungsfähigkeiten periphere Regionen kennzeichnen.“ Wie ticken also jene Regionen, die räumlich abseits des Fokus liegen und somit vielfach unter dem Radar bleiben? Wie tickte OWL in den letzten gut 70 Jahren?
Das loten 15 Autorinnen und Autoren in Ihren Beiträgen aus. Dabei findet sich politische Geschichte (politisches Personal, Regionalförderung, kommunale Gebietsreform, „Collegium Humanum“ in Vlotho) ebenso wie wirtschaftliche bzw. infrastrukturelle Themen (Nixdorf als Informatiker und die Nixdorf AG als Medizindienstleister, Tourismus, Abwasserbeseitigung). Migration ist ein wesentliches Thema im Band, sowohl unter Aspekten der Wohnsituation oder der politischen Beteiligung als auch in Einzelstudien wie die der Geschichte der „Boat People“ in Paderborn oder zur Migration in Bielefeld. Zuletzt widmen sich drei Beiträge den „Auf- und Umbrüchen“, und zwar aus religiöser, stadtplanerischer und wirtschaftlicher Perspektive.
Das Buch kostet 69 Euro und kann über den Buchhandel bezogen werden.