"Militäreinsatz hochgradig unverantwortlich"
Erzbischof Bentz fordert einen sofortigen Stopp der Kampfhandlungen im Iran. Er hält den Einsatz weder für rechtmäßig noch für wirksam.
Der Militäreinsatz im Iran wird nach Ansicht des Paderborner Erzbischofs Dr. Udo Markus Bentz weder zu einem Regimewechsel noch zu Frieden in der Region führen. Vielmehr sei das genaue Gegenteil zu erwarten. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) blickt der Vorsitzende der Deutschen Kommission Justitia et Pax kritisch auf die Folgen von US-Präsident Donald Trumps Umgang mit dem Völkerrecht. Auch die gezielte Tötung der iranischen Führung sei nicht zu rechtfertigen. Bentz, der auch Vorsitzender der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Deutschen Bischofskonferenz ist, befürchtet nachhaltig negative Folgen für die gesamte Region.
Herr Erzbischof Bentz, Völkerrechtsexperten sind sich recht einig, dass der Angriff auf den Iran nicht im Einklang mit dem Völkerrecht steht. Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht dar?
Ja, das ist mittlerweile von vielen so beurteilt worden. So wie die Dinge liegen, ist das Argument einer vorauseilenden Selbstverteidigung nicht stabil. Ohne Zweifel: Der Iran ist eines der aggressivsten und gefährlichsten Regime der Region und die wiederholt gegen Israel ausgesprochene Vernichtungsdrohung ist ernst zu nehmen. Aber es ist nicht erkennbar, dass der Iran kurz vor einem solchen Angriff stand oder kurz davor, die Mittel zu einem solchen vernichtenden Angriff zu erhalten. Die Geringschätzung des Völkerrechts, die in diesem Angriff zum Ausdruck kommt, ist in hohem Maße beunruhigend.
Wäre aus Ihrer Sicht ein Militäreinsatz von außen gerechtfertigt, wenn darin die einzige Chance für einen erfolgreichen Volksaufstand gegen das Regime läge?
So wie es aussieht, ist man einem konstruktiven Regimewechsel durch den militärischen Angriff nicht wirklich nähergekommen. Stattdessen müssen wir eine weitere Destabilisierung des gesamten Mittleren Ostens durch diesen Militäreinsatz konstatieren: Die Golfstaaten, der Libanon, der Irak sind mitbetroffen. Ich halte dies für hochgradig unverantwortlich und das dadurch provozierte Risiko weiterer Eskalationen aus der Sicht der christlichen Friedensethik nicht ansatzweise für vertretbar.
Israel und die USA bezeichnen ihren Angriff als notwendigen Präventivkrieg, um den Iran von der Atombombe fernzuhalten und die Region sicherer zu machen. Glauben Sie diesem Motiv, oder sehen Sie vor allem macht- und ressourcenpolitische Ziele hinter dem Angriff?
Dass von dem Iran eine Bedrohung für die Region und insbesondere für Israel ausgeht, ist unbestritten. Fakt ist aber auch, dass die Sicherheit in der Region durch diesen Krieg nicht erhöht wird. Der kurzfristigen Einschränkung der iranischen Handlungsfähigkeit stehen mittelfristige Radikalisierung und Destabilisierung gegenüber. Was die komplexen Motivlagen für diesen Krieg betrifft, so liegen sicherlich verschiedene, nicht zuletzt auch geopolitische Motive zugrunde. Die Tatsache, dass derzeit kein politisch strategischer Plan erkennbar ist, macht es noch schwieriger. Die politische Kommunikation der USA ist alles andere als klar und eindeutig. Hinzu kommt, dass die Glaubwürdigkeit der US-Erklärungen unter Donald Trump massiv gelitten hat. Ich bin daher zurückhaltend mit einer abschließenden Bewertung der Kriegsgründe.
Angenommen, der Iran stünde tatsächlich kurz vor einer eigenen Atombombe – wäre ein Angriff zu deren Verhinderung dann aus Sicht von Justitia et Pax gerechtfertigt gewesen?
Es war viele Jahre lang das Ziel der internationalen Gemeinschaft und konkret des Westens, den Iran davon abzuhalten, atomwaffenfähig zu werden. Das Atomabkommen mit dem Iran war 2015 ein großer Erfolg der Diplomatie. Der Ausstieg der USA 2018 aus diesem Abkommen hat wesentlich zur Wiederaufnahme der iranischen Bemühungen um Atomwaffen beigetragen. Die jetzigen Angriffe sind aber keineswegs zentral auf die Atomanlagen des Iran gerichtet. Sie sind viel umfassender. Ich denke: Viel wichtiger als zu fragen „Was wenn?“ ist zu fragen „Was jetzt?“.
Wie beurteilen Sie das Vorgehen, die iranische Führungsriege durch gezielte Tötungen auszuschalten?
Wie gesagt: Dieser Angriff auf den Iran ist ethisch nicht vertretbar und daher lässt sich auch die gezielte Tötung der iranischen Führung nicht rechtfertigen. Ich bin erschrocken über die anwachsende Gewöhnung an den Gebrauch dieser tödlichen Gewaltmittel.
Wie sollte sich die Bundesregierung jetzt verhalten?
Ich bin nicht in der Rolle, den politisch Verantwortlichen Ratschläge zu erteilen. Außerdem sind von außen in einem sich dynamisch entwickelnden Lagebild Empfehlungen immer tricky. Was heute richtig ist, kann morgen schon halbfalsch sein. Aber wir sollen als Christen unsere friedensethischen Maßstäbe bei den politischen Verantwortlichen und in der öffentlichen Diskussion deutlich benennen. Das heißt hier: Die Illusion, dass sich mit entschiedener Gewalt Probleme nachhaltig lösen ließen, darf sich nicht in unserem Denken breitmachen. Waffen sind, wenn überhaupt, absolute ultima ratio einer Verteidigung. Sie können nie Mittel für politische Lösungen sein. Wir sollten daher sehr klar für die Einhaltung der völkerrechtlichen Standards eintreten und einen entschiedenen Kurs der Rückkehr zu Verhandlungen und der Einstellung der Kampfhandlungen fahren.
Wie realistisch ist es, dass dieser Krieg der Region tatsächlich nachhaltigen Frieden bringt?
Ich habe keinen Grund zur Annahme, dass dieser Krieg die Region einem nachhaltigen Frieden näherbringt. Was ich sehe, ist massenhaftes Leid für die Menschen, neue Fluchtbewegungen, Unsicherheit, Angst, wachsendes Misstrauen. Kurzum: eine weitere politisch-kulturelle Vergiftung der Region. Diese Lage führt bei vielen zu Resignation und Hoffnungslosigkeit. Umso wichtiger ist jetzt das christliche Zeugnis, das darauf baut, dass die Gewalt der Welt nicht das letzte Wort haben wird und dass die Saat der vom Geist getragenen Transformation zu einer friedlicheren Welt auch jetzt ausgebracht wird. Es beginnt damit, dass wir zwar mit der Gewalt rechnen, aber nicht im Letzten auf sie bauen.
Papst Leo XIV. hat den Angriff auf den Iran bisher nicht strikt verurteilt. Wünschen Sie sich deutlichere Worte von ihm? Oder auch ein Angebot des Vatikans zur Vermittlung wie damals im Ukrainekrieg?
Der Papst hat sich in umsichtiger und kluger Weise zu diesem Krieg geäußert. Dabei ist deutlich geworden, dass er ihn ablehnt. Die Wirkmächtigkeit der vatikanischen Diplomatie beruht auch darauf, dass man manche Vermittlung diskret und nicht unbedingt vor den Augen der Öffentlichkeit leistet. Ich habe vollstes Vertrauen, dass der Papst seine Instrumente im Dienst der Gewalteindämmung und des Friedens weiterhin klug und umsichtig einsetzt.
KNA