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27.04.2026
Eine neue Studie beschäftigt sich mit Diagnosen, die für junge Menschen attraktiv erscheinen (Symbolbild).
Foto / Quelle: Julia Steinbrecht/KNA

Junge Patienten kommen mit vorgefertigten Selbstdiagnosen

ADHS und Autismus sind als Diagnose geradezu begehrt. Eine Forscherin hat sich mit besonderen Erwartungen junger Patientinnen beschäftigt.

München

Gerade junge Menschen kommen immer häufiger mit einer selbst gestellten psychologischen Diagnose in Praxen und suchen dort vor allem Bestätigung: Das ist der Befund einer Studie, über die die „Süddeutsche Zeitung“ am Montag berichtet. Unter dem Titel „Ich möchte diese Diagnose“ befragte sie Gloria Mittmann, deren Forschungseinheit die Untersuchung im „International Journal of Clinical and Health Psychology“ publizierte.

Demnach sind ADHS und Autismus als Diagnose geradezu begehrt. Grund sei, dass diese auf Social Media und in den Medien am häufigsten präsent seien und am positivsten dargestellt würden. „Autismus wird zum Beispiel oft mit besonderen Begabungen in Verbindung gebracht, ADHS mit Kreativität“, so Mittmann. So hatte kürzlich das Ex-Model Heidi Klum mitgeteilt, ADHS sei ihre „Superkraft“, wegen der sie 1.000 Dinge gleichzeitig machen könne. Solche Lifestyle-Verharmlosung gebe es etwa für Depressionen oder Schizophrenie nicht.

Boom durch Social-Media-Videos

In den vergangenen Jahren habe es etwa mit Social-Media-Videos einen enormen Anstieg an Beiträgen über psychische Gesundheit gegeben, sagte Mittmann. Das habe auch positive Seiten; Menschen erführen so erst, dass es solche Störungen gibt.

Allerdings schilderten solche Beiträge Symptome „oft auf eine Weise, dass man sie leicht auf sich selbst bezieht“, so die Forscherin. Dadurch sei eben auch die Zahl der Selbst- und Wunschdiagnosen stark gestiegen. Oft wirkten psychische Diagnosen wie ein Statussymbol; Patienten kämen „mit einer Idee in die Praxis, ohne das volle Bild einer psychischen Störung zu kennen“.

Die Studie zeige, so Mittmann, dass sich mehrheitlich gut gebildete Frauen mit hohem Social-Media-Konsum intensiv mit dem Thema beschäftigten. Eine entsprechende Diagnose fördere dann „das Gefühl von Erleichterung, Erklärung und Entschuldigung“. Denn mit dem lebenslangen Befund Autismus oder ADHS lasse sich erklären, „warum manches nicht so funktioniert, wie ich es wünsche, oder weshalb ich (…) andere soziale Schwierigkeiten habe“. Es gehe also weniger um den Wunsch, über Therapie Hilfe zu bekommen, als darum, ein Label zu erhalten.

Als einen wichtigen Punkt macht die Forscherin den Lebensabschnitt aus. Junge Erwachsene stünden vor dem Übergang ins Erwachsenenleben; „Studium, erster Job, plötzlich ist alles stressig“. Da sei eine Erklärung oder Entschuldigung verlockend. Ein zweiter Punkt sei Identität. Online-Communitys um Autismus und ADHS könnten ein Ort sein, wo man sich verstanden, zugehörig und unterstützt fühlt.

"Diagnose-Shopping"

Eine Reaktion von Patienten auf eine Ablehnung ihrer Selbstdiagnose könne natürlich Freude sein, beschreibt Mittmann. Häufiger gebe es aber Frustration und Trauer. Manchmal komme es dann zu „Diagnose-Shopping“, also der Hoffnung, beim nächsten Arzt das gewünschte Ergebnis zu bekommen.

Für die Studie befragten die Forscher der österreichischen Karl-Landsteiner-Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems an der Donau 93 klinische Psychologinnen und Psychologen.

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