Im Beiruter Stadtteil Burj Hammoud leben viele verarmte Familien, denen das Team von Schwester Annie hilft.
Foto / Quelle: Markus Jonas

Im Einsatz für die Ärmsten im Nahen Osten

Hilfsprojekte von Schwester Annie Demerjian und ihren Teams im Libanon und in Syrien besuchen – das war das Anliegen der Caritas im Erzbistum Paderborn.

von Markus Jonas
Beirut

Ein sonniger Morgen in Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Es ist Samstag, der 28. Februar. Domkapitular Dr. Thomas Witt und Markus Jonas vom Caritasverband für das Erzbistum Paderborn machen sich auf den Weg zum Frühstück in einem Kloster in den Bergen über der Stadt. Durch die Fenster des Speisesaals fällt der Blick auf die Innenstadt von Beirut, die idyllisch direkt am Mittelmeer liegt. Dann vibriert das Handy. Eilmeldung: Israel und die USA haben den Iran angegriffen. Die beiden schauen sich an: „Ob unser Rückflug am Montag wohl trotzdem startet?“

Die Woche zuvor hat die kleine Delegation zahlreiche Hilfsprojekte besucht, die die Teams von Schwester Annie Demerjian zur Unterstützung der Ärmsten im Libanon und in Syrien ins Leben gerufen haben. Schon seit rund zehn Jahren unterstützt der Caritasverband für das Erzbistum Paderborn diese Arbeit – insgesamt sind etwa 1,2 Millionen Euro in den Nahen Osten geflossen. Thomas Witt selbst hatte als Vorsitzender des Diözesan-­Caritasverbandes den Kontakt zu Schwester Annie hergestellt. „Ihr Engagement und ihr Einfühlungsvermögen in die Not der Menschen haben uns damals überzeugt“, sagt er.

Schwester Helen und Annie mit dem Erzbischof von Homs, Jacques Mourad (v. l.)
Foto / Quelle: Markus Jonas

Wie das konkret aussieht, erleben die beiden Besucher auf einer Tour durch Burj Hammoud, einem dicht besiedelten Stadtteil im Zentrum von Beirut. Enge, staubige Gassen führen zwischen den vier- bis fünfstöckigen Häusern hindurch zu Menschen, die zu den Verlierern der desaströsen wirtschaftlichen Lage im Libanon gehören. Kabel hängen in dichten Bündeln über den Straßen, Stromgeneratoren brummen – die staatliche Stromversorgung funktioniert nur wenige Stunden am Tag.

Rima Abi Karam, Projektkoordinatorin der Schwestern von Jesus und Maria, geht voran in ein schmales, dunkles Treppenhaus. Oben öffnet Lena die Tür, begrüßt die Gäste freundlich und führt sie in ihr kleines Wohnzimmer. Der 15-­jährige Enkel Emilio berichtet von jenem schrecklichen Tag im August 2020. Damals explodierten im Hafen von Beirut 2 750 Tonnen unsachgemäß gelagertes Ammoniumnitrat – mit der Sprengkraft eines Zehntels der Hiroshima-­Atombombe. Mindestens 200 Menschen starben, auch eine Freundin von Lena, Tausende wurden verletzt. Zu ihnen gehörten Lena und Emilio. „Bei der Explosion wurde ich aus dem Gebäude hinausgeschleudert. Ich weiß nicht, wie, aber ich landete draußen vor dem Gebäude“, sagt Emilio. Er überstand die Explosion wie durch ein Wunder nur leicht verletzt, seine Großmutter wurde schwer am Auge verletzt, bis heute leidet sie unter den Folgen. Das Haus der Familie wurde unbewohnbar. Viele Menschen in der Umgebung verloren ihre Lebensgrundlage.

Das Team von Schwester Annie half den Menschen, auch mit Geldern der Caritas aus Paderborn. Seitdem unterstützt das Team Lena, Emilio und viele andere mit Gutscheinen oder Bargeld, mit Lebensmitteln und Medikamenten. Denn als Reinigungskraft kann Lena kaum genug für sich und ihren Enkel verdienen. Auch das Haus von Helferin Rima wurde bei der Explosion zerstört. „Wir sind im Krieg aufgewachsen, aber so etwas haben wir noch nie erlebt. Unsere Eingangstür lag im Badezimmer.“ Die ohnehin angeschlagene libanesische Wirtschaft hat sich bis heute nicht erholt. Die Inflation von 90 Prozent hat ganze Existenzen vernichtet. Und staatliche Unterstützung gibt es nicht.

Blick Richtung Hafen.
Foto / Quelle: Markus Jonas

Rima geht voran in den vierten Stock eines Hauses. Joseph sitzt in seinem Rollstuhl, seine Katze Prince neben sich. Er freut sich auf die Gäste aus Deutschland. Dort trinke man ja lieber Bier als Wasser, sagt er und lacht. Als Seemann ist er schon in Hamburg gewesen. Doch dann kam Corona. Einen Monat lag er im Koma. Anschließend geriet seine Diabetes außer Kontrolle, sein rechter Unterschenkel musste amputiert werden. Seitdem kann er seine Wohnung nicht mehr verlassen. „Besuch bekomme ich von niemandem mehr“, sagt er mit Tränen in den Augen. Dann hellt sich sein Gesicht auf: „Bis auf Houda und Rima.“ Die beiden Helferinnen besuchen ihn regelmäßig, bringen ihm Medikamente und Lebensmittel und hören ihm zu.

Ausgangspunkt der Besuche ist ein Büro der Schwestern mitten in Beirut, in Burj Hammoud. Es dient auch als Ort der Begegnung. Menschen kommen vorbei, setzen sich, erzählen ihre Geschichten und erhalten Hilfe. Aktuell stapeln sich in dem Raum Hilfsgüter, die die Schwestern an Flüchtlinge aus dem Süden des Libanon verteilen. Neben Familien sind den Schwestern besonders Hilfen für Kinder und Jugendliche ein Anliegen. In einem Musik- und Kunstprojekt der Schwestern lernen diese Instrumente, Theater und Tanz. Viele von ihnen wachsen in schwierigen Verhältnissen auf. Die kreativen Angebote helfen ihnen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und Selbstvertrauen zu entwickeln.

Mitten in der Reise fahren Witt und Jonas mit Schwester Annie für zwei Tage ins nahe Syrien. In Damaskus erwartet sie ein besonderes Erlebnis: ein Konzert in der Musikschule der Schwestern. Rund ein Dutzend Kinder und Jugendliche zeigen an Gitarre, Piano, Schlagzeug oder Geige, was sie gelernt haben. „Wir möchten die vom syrischen Bürgerkrieg traumatisierten Kinder und Jugendlichen unterstützen, wieder Fuß im Leben zu fassen“, erklärt Roula Hannoun, Projektkoordinatorin der Schwestern in Damaskus. Im Stadtteil Dwela, wo viele verarmte christliche Familien leben, hat der Orden mit Unterstützung des Paderborner Diözesan-­Caritasverbandes eine Etage eines sechsstöckigen Neubaus erworben. 15 Lehrer kümmern sich um rund 200 Kinder und Jugendliche. „Der Krieg hat so viel Schaden bei den Kindern hinterlassen“, erklärt Roula. „Wir helfen ihnen, Hoffnung für die Zukunft zu entwickeln.“

Alltag trotz des Krieges.
Foto / Quelle: Markus Jonas

80 Prozent der einheimischen Christen haben Syrien verlassen, die Zukunft unter der aktuellen Regierung, die von ehemaligen islamistischen Kämpfern geführt wird, ist ungewiss. In Homs treffen die Besucher den syrisch-­katholischen Erzbischof Jacques Mourad. Er spricht offen über die Situation der Christen und die fehlenden Perspektiven. An einem Dialog seien weder die Regierung noch die muslimischen Führer interessiert. Bischof Jacques, der 2015 fast fünf Monate in Geiselhaft des „Islamischen Staates“ saß und gefoltert wurde, setzt sich dennoch für Dialog und Zusammenhalt ein (mehr von Bischof Jacques in einem Interview in der nächsten DOM-­Ausgabe). Gemeinsam mit den Schwestern plant er nun den Aufbau eines pastoralen Zentrums in Homs. Eine Wohnung dafür konnte bereits mit Unterstützung des Erzbistums Paderborn erworben werden. Zurück in Beirut spitzt sich die Lage weiter zu.

Der Rückflug der Paderborner wird gestrichen, das Auswärtige Amt fordert deutsche Staatsbürger zur Ausreise auf. Mithilfe eines Mitarbeiters von Sr. Annie gelingt es schließlich, kurzfristig am nächsten Morgen Plätze für einen Flug zu bekommen. Weniger als 24 Stunden nach der Abreise – noch bevor der abgesagte Rückflug gestartet wäre – beginnen die ersten Bombardierungen. Die Erleichterung weicht dem Gedanken an die im Libanon lebenden Menschen: „Wir sind sehr besorgt um die Schwestern und ihr Team“, sagt Domkapitular Witt. Doch diese machen sich gleich an die Arbeit: Flüchtlinge, die aus dem Süden des Libanons nach Beirut strömen, versorgen sie mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Decken, gefördert mit einer Soforthilfe der Caritas von 25 000 Euro.

Am Telefon berichtet Rima Abi Karam von der Situation: „Nachts kann man wegen der Explosionen kaum schlafen.“ Zwar würden vor allem Hisbollah-­Stellungen im schiitischen Süden angegriffen, zunehmend jedoch auch einzelne Hisbollah-­Mitglieder, die sich überall in der Stadt verstecken. „Alle haben Angst, dass sich neben ihnen jemand von der Hisbollah aufhalten könnte“, sagt sie. Dem Engagement tut das keinen Abbruch: „Wir helfen so gut wir können.“

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