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29.06.2026
Abkühlung am Canal Saint Martin in Paris.
Foto / Quelle: Corinne Simon/KNA

Europa ächzt unter beispielloser Hitzewelle

Im Kanzleramt wird geschwitzt – Kirchen werden zu Zufluchtsorten.

Bonn

Am bislang heißesten Tag des Jahres in Deutschland wartete die ARD mit einem „Brennpunkt“ auf. „Rekordhitze in Deutschland“ lautete das erwartbare Thema der Sondersendung am Samstagabend. Da war das Thermometer in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt auf 41,5 Grad gestiegen. Und die wärmste Nacht des Jahres – 29,4 Grad im ostsächsischen Kubschütz – stand den Bundesbürgern noch bevor.

Temperaturrekorde wurden auch in anderen Ländern aufgestellt. Dänemark etwa meldete mit 37 Grad am Samstag in Odum nördlich der Stadt Aarhus wie auch am Flughafen H.C. Andersen, der nördlich von Odense auf der Insel Fünen liegt, den heißesten Tag des Jahres.

Briten buchen Hotelzimmer

Unterdessen suchen in Großbritannien offenbar immer mehr Menschen in klimatisierten Hotelzimmern Schutz vor der Hitze. Laut „The Guardian“ verdreifachte sich auf der Buchungsplattform Booking.com die Suchanfrage für Hotelzimmer in Großbritannien mit dem Filter „Klimaanlage“ seit dem 1. Juni.

Besonders leiden die Nachbarn in Frankreich. Ende Mai gab es dort zum ersten Mal in diesem Jahr eine Hitzewelle; nun folgte die zweite. Auch wenn Météo France am Sonntag vorläufige Entwarnung gab: Die Bilanz von Santé publique France fällt beunruhigend aus. Seit Mittwoch (24. Juni) beobachtete die Gesundheitsbehörde einen signifikanten Anstieg der Todesfälle um mindestens 1.000 im Vergleich zu den sonst üblichen Werten. Wahrscheinlich liege die tatsächliche Zahl noch höher.

Mit Wucht meldet sich der Klimawandel in den Schlagzeilen zurück. Und einmal mehr zeigt sich, dass Europa auf die jetzt schon spürbaren Folgen dieses Wandels – Hitze, Starkregen, Dürren – nicht ausreichend vorbereitet ist. Dämmung von Gebäuden, Grünflächen in Innenstädten oder ein Ausbau von Radwegen und Nahverkehrsangeboten: Das alles gibt es punktuell, aber eben noch nicht flächendeckend.

„In Paris werden von 60 Prozent der Bewohner Besorgungen zu Fuß gemacht, in Berlin sind es 14 Prozent“, sagt Klaus Schäfer, Professor für Architektur und Stadtbau in Berlin. Auch Kopenhagen habe bereits vor Jahren die Umkehr zur Fahrradstadt beschlossen. Das seien bewusste, nachhaltige Konzepte, die zudem eine soziale Komponente enthielten. Denn auf dem Fahrrad komme man mit seinen Mitmenschen in Kontakt. Beim Spaziergang ebenfalls.

Lange Schlangen vor den Freibädern am Wochenende.
Foto / Quelle: Harald Oppitz/KNA

Insgesamt geht nach Ansicht von Experten der Umbau in eine klimafreundlichere Wirtschafts- und Lebensweise viel zu langsam voran. „Der Rückgang klimaschädlicher Emissionen in Deutschland hat sich verlangsamt“, teilte etwa das Umweltbundesamt bereits im März mit. Klimaschutz brauche einen neuen Schub.

Als Klimakanzler ist Friedrich Merz bisher nicht in Erscheinung getreten. Aber auch er dürfte in den vergangenen Tagen gewisse Versäumnisse der Vergangenheit bemerkt haben. „Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und seine Mitarbeiter müssen in diesen heißen Tagen auch im Kanzleramt schwitzen“, meldete am Wochenende die „Rheinische Post“ und zitierte einen Regierungssprecher: „Das Bundeskanzleramt verfügt über keine flächendeckende Klimaanlage.“

Knapp zwei Kilometer entfernt wollte Fridays for Future für mehr Klimaschutz demonstrieren. Am Sonntagabend um 21.00 Uhr – davor sei es zu heiß, so die Aktivisten. Die Bevölkerung in Deutschland und den Nachbarländern suchte unterdessen Abkühlung in Freibädern, Badeseen, Flüssen und an den Küsten.

"Oasen der Frische"

Kein News-Ticker kam am Wochenende ohne Bilder von langen Schlangen vor Badeanstalten oder überfüllten Flussufern und Stränden aus. Zugleich stieg die Zahl von Badeunfällen, teils mit tödlichem Ausgang. Rettungskräfte waren im Dauereinsatz. Nicht nur an Flüssen und Seen sondern auch, um etwa Senioren aus Altenheimen zu evakuieren, in denen es zum Teil 50 Grad heiß war.

Irgendwo Schatten finden: So lautete das Gebot der Stunde. Vielerorts standen deswegen Kirchen plötzlich hoch im Kurs. Wegen der auch für Italien ungewöhnlich hohen Juni-Temperaturen kündigte beispielsweise das Erzbistum Neapel die durchgehende Öffnung einiger großer Gotteshäuser an: „In schwierigen Momenten wie diesen sind die Kirchen nicht nur Ort des Gebets, sondern auch Oasen der Frische und der Nächstenliebe“, hieß es.

KNA
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