Eulen brauchen zum Überleben mehr als dunkle Nächte
Man sieht sie kaum, dennoch faszinieren die meist nachtaktiven Eulen Menschen seit jeher. Doch ihr Lebensraum ist hierzulande bedroht.
Was ist wichtiger? Neuer Wohnraum für Menschen auf ehemaligen Streuobstwiesen am Ortsrand oder der Erhalt von Lebensraum für Eulen? Auch am Beispiel der Nachtvögel wird der Interessenkonflikt von Mensch und Wildtier deutlich. Experten beobachten, dass Eulen hierzulande keine große Lobby haben.
Die zehn in Deutschland lebenden Eulenarten seien durch zahlreiche Faktoren bedroht, erklärt Wilhelm Breuer, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen (EGE). Hierzu zählten unter anderem intensive Landnutzung, „nur unzureichend an die Anforderungen des Naturschutzes angepasste Land- und Forstwirtschaft“ sowie zunehmende Verstädterung.
Diese Gefährdungsfaktoren dringen laut Breuer in die Lebensräume der Tiere vor und „durchkreuzen die Lebensbedingungen der Eulen“. Die Nachtvögel bräuchten deshalb mehr als den Erhalt der Dunkelheit.
Streuobstwiesen und alte Bäume
Vor allem der Raufußkauz und die Arten der offenen Kulturlandschaft – wie Schleiereule und Steinkauz – haben laut Christiane Geidel wichtige Lebensräume wie Streuobstwiesen und alte Bäume verloren. Dadurch fehlten ihnen geeignete Jagdflächen und Nistmöglichkeiten, erklärt die Biologin vom Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern. Auch sie sieht den Menschen als Hauptgrund für sinkende Bestände.
Ohnehin sei die Eulenpopulation nur schwer zu erfassen, sagt Geidel. Aufgrund der „nachtaktiven und heimlichen Lebensweise“ dieser Tiere könnten zu den allermeisten Arten nur Schätzwerte ermittelt werden.
Sie verweist auf den Dachverband Deutscher Avifaunisten, der das Vorkommen von Vogelarten erfasst. Selbst dieser bleibt vage bei Angaben zum Vorkommen einzelner Eulenarten: Beim Waldkauz etwa wird demnach von 42.000 bis 74.000 Revieren ausgegangen, bei der Waldohreule sind es 23.000 bis 38.000 Reviere und beim Uhu etwa 4.000 bis 4.600.
Eulen-Fachmann Breuer sieht vor allem die Politik in der Pflicht. Die notwendige Wohnungsbauoffensive bedrohe verbliebene Streuobstwiesen am Rand von Ortschaften. Diese Bereiche seien Lebensraum einiger tausend Steinkauzpaare und gewissermaßen Bauerwartungsland.
Der Bundestag entkerne „derzeit die vor genau 50 Jahren zum Schutz dieser und anderer Lebensräume geschaffenen Vorschriften des Bundesnaturschutzgesetzes“, was er scharf kritisiert. Dies geschehe „zugunsten eines totalen Vorranges für zahlreiche Infrastrukturvorhaben vom Wind- und Solarpark, von der Stromtrasse und Autobahn bis zum Neubaugebiet auf der grünen Wiese“.
Durch solche Eingriffe in die Natur verknappen sich laut Breuer die Nahrungstiere der Eulen. „Dabei dreht sich im Leben der Eulen fast alles um die Maus.“ Deshalb sei die Lage für eine ganze Reihe der in Deutschland heimischen Eulenarten prekär.
Schuld sei daran aber nicht der Klimawandel, betont Breuer. Gefährlich sei vielmehr jener „Klimawandel, der sich in den Herzen und Hirnen der Menschen, insbesondere der Abgeordneten der Parlamente, gegen den Naturschutz vollzieht, und die gesetzgeberischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte auf dem Gebiet des Naturschutzes zerstört“.
Doch so selten man die überwiegenden Nachttiere auch zu Gesicht bekommt – bisweilen leben sie nicht nur in Wäldern, sondern auch „ganz nahe bei den Menschen“, erklärt Breuer. Waldohreulen sind demnach in mit alten Bäumen bestandenen Stadtvierteln, Schleiereulen in Kirchtürmen oder Uhus in Domen zu finden, „wie zuletzt in Hildesheim zur Freude der Dombesucher“.
Nähe durch Webcams bei Uhu-Brutplätzen
Deshalb können Interessierte über die Homepage der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen via Webcams Uhu-Brutplätze beobachten. Dadurch gelinge es, „Menschen für Eulen und ihren Schutz zu gewinnen“, freut sich Breuer. „Der Zuschauerzuspruch ist enorm, und daraus erwächst bei vielen Menschen auch ein Engagement für den Naturschutz.“
Eulen seien „geheimnisvolle und faszinierende Geschöpfe“ und „ausgestattet mit Supersinnen für das Leben in der Nacht“, sagt Breuer. Für Biologin Geidel liegt der Reiz von Eulen „im Unbekannten, Mystischen, Sagenumwobenen, das die Fantasie anregt“. Zum anderen erfüllten Eulen mit ihrer optischen Erscheinung – runder Kopf, vergleichsweise große, nach vorne gerichtete Augen – „das perfekte Kindchenschema, was sie per se ’niedlich‘ wirken lässt“. Das mache auch Deko-Eulen beliebt.
Die Tiere sind für Breuer gute „Sympathieträger für die Sache des Naturschutzes – mehr, als dies Naturschützer selbst je sein könnten“. Mit Eulen ließen sich auch Menschen für den Naturschutz gewinnen, die diesem sonst eher mit Distanz begegneten. Für den Katholiken ist Naturschutz ohnehin ein „Dienst an der Schöpfung“.