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12.07.2026
Zuckerstückchen aus der Sammlung von Karin Rädel. Im Vordergund ist auch ein Exemplar aus Paderborn zu sehen.
Foto / Quelle: Christian Scharf/KNA

Ein Gold-Stück als besonderes Highlight

Carin Rädel sammelt seit mehr als 60 Jahren das, was andere achtlos im Café liegen gelassen haben – Zuckerwürfel.

Bonn

Gemütlich im Café sitzen und fürs Heißgetränk ein Zuckertütchen aufreißen – jeder kennt das. Andere stecken den ungenutzten Süßstoff in die Tasche, vielleicht kann man ihn ja später noch mal brauchen. Nicht so Karin Rädel. Sie hat einen besonderen Blick auf Zuckerwürfel und Co. Seit über 60 Jahren sammelt sie diese kleinen süßen Beigaben, die so unterschiedlich gestaltet sind. „Es gibt wirklich alles auf Zucker“, schwärmt Rädel.

In ihrem Haus im hessischen Seligenstadt bei Hanau hat die 70-Jährige ein eigenes „Zuckerzimmer“. Ringsum an den Wänden befinden sich hohe Regale mit schmalen Schubladen. Sie sind beschriftet nach Sachgebieten wie Ländernamen, Städten, Banken, Gaststätten, Hotels, Fluggesellschaften und Autohersteller.

Über 400.000 Stücke

Zieht man eine der Schubladen heraus, findet man darin – sauber aufgereiht – eingepackte Zuckerstückchen, so wie man sie aus den Lokalen als Beigaben zu Heißgetränken kennt. Es gibt Einzelstücke, aber auch ganze Serien. Gut 400.000 süße Steinchen sind in ihrem Besitz, schätzt sie – das Resultat von über 60 Jahren Sammelleidenschaft. Damit verfügt sie über die größte Zuckerwürfel-Sammlung in Deutschland und wahrscheinlich sogar darüber hinaus. „Aber das könnte ich nicht belegen“, sagt sie lächelnd. „Ich habe nie Rekorde jagen wollen. Wichtig ist der gute Aufbau und der schöne Inhalt einer Sammlung.“

In der Volkswagen-Abteilung zum Beispiel finden sich süße Exponate mit Papieren, die Umrisse von T1, Käfer, Golf und Passat zeigen. Auf den ersten Blick scheint es, dass manche Auto-Zuckerstücke doppelt oder gar dreifach vorhanden sind. Aber Expertin Rädel kennt den feinen Unterschied – etwa Abweichungen in der Beschriftung oder eine andere Farbe. Ein besonderes Schmuckstück ihrer Auto-Schublade ist ein golden verpackter Zuckerwürfel vom 6. August 1955 – zu Ehren des einmillionsten Käfers, der damals vom Band lief.

Anhand der sich wandelnden Zuckergestaltung kann man auch die historische Entwicklung eines Restaurants über ganze Jahrzehnte hinweg nachvollziehen: Namenswechsel, Ausbau, Besitzerwechsel. Auch die Geschichte eines Ortes spiegelt sich in den Zuckerportionen wider: Stadtansichten und Baudenkmäler wie der Kölner Dom sind beliebte Motive.

Karin Rädel mit ihrer Sammlung von Zuckerstückchen in Seligenstadt.
Foto / Quelle: Christian Scharf/KNA

Rädels Expertise ist gefragt. Neulinge beim Sammeln wollten von ihr vor allem wissen, wie sie die Sammlung ordentlich lagern können, „denn Zucker kann natürlich verderben“. Daneben gehe es auch darum, „wie man inhaltlich einen sinnvollen Schwerpunkt setzt“. Aber auch eine durchdachte Struktur sei wichtig, damit man abgelegte Zuckerstücke oder -tütchen überhaupt wiederfinden kann.

Viele Menschen wollen ihre Zuckersammlungen inzwischen aber auch wieder abgeben, beobachtet Karin Rädel. Dass sie eine gute Adresse ist, hat sich offenbar herumgesprochen. Rund zwei Sendungen erhalte sie jede Woche. Meist gehe es Hinterbliebenen von Sammlern darum, „dass die Sammlung in gute Hände kommt und weiterhin wertgeschätzt wird“. Sie ist auch Vorsitzende des Zuckersammler-Clubs Deutschland & Freunde, dem rund 60 aktive Mitglieder angehören.

Internationale Community

Dadurch können sich die Zuckerfreunde mit Gleichgesinnten vernetzen – über Deutschland hinaus. „Wir organisieren Tauschtage, an denen dann oft auch Gäste von weit her zu uns kommen.“ In Italien, Frankreich, Tschechien oder den Niederlanden werde diesem Hobby viel mehr gefrönt.

Für Rädel ist es auch eine gemeinschaftsstiftende Aktivität – von Jung und Alt, Frauen und Männern. Man helfe sich gegenseitig und sei froh, wenn man jemandem ein gesuchtes Exemplar zukommen lassen kann. Die Sammlungen hätten für ihre Besitzer aber rein ideellen Wert, denn „Geld kann man mit diesen Sammelobjekten nicht machen“.

Die Seligenstädterin geht ihrer süßen Leidenschaft bereits seit ihrem achten Lebensjahr nach. Ihr Vater brachte ihr damals aus Cafés und Kantinen jeden Tag ein eingepacktes Zuckerstück mit. Doch statt den süßen Gruß gleich zu verspeisen, landeten die kleinen Schätze in einer kleinen Zigarrenschachtel – der Grundstock für ihre heutige Kollektion war gelegt.

Um die Sache zu begrenzen, sammelt sie inzwischen nur noch Zuckerstücke. Ihre Zuckertütchen hat sie allesamt weitergegeben und an andere Sammler verschenkt – genau so, wie auch sie selbst an die süßen Teile gekommen ist.

KNA
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