„Die Kirche muss den Dialog nicht scheuen“
Der interreligiöse Dialog ist ein langwieriger Prozess, doch er lohnt sich. Davon ist Prof. Aaron Langenfeld überzeugt.
Wenn Sie die Gottesvorstellungen der großen Religionen vergleichen, gibt es eine gemeinsame Kernbotschaft?
Es ist schwierig, davon zu sprechen, dass es eine gemeinsame theologische Kernbotschaft der großen Religionen gibt. Soweit wir das in der Forschung beurteilen können, gibt es in allen großen religiösen Traditionen eine Vielfalt von unterschiedlichen Vorstellungen von Gott – und das gilt auch in den Traditionen, die sich auf EINEN Gott beziehen. Allerdings gibt es insbesondere in den monotheistischen Religionen parallele Motive in den Vorstellungen der Eigenschaften Gottes: Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Güte, Schöpferkraft, auch eine letzte Unerkennbarkeit Gottes. Wie diese Motive theologisch verstanden und wie sie zu unterschiedlichen Zeiten gewichtet werden, variiert allerdings. So erscheint es praktisch unmöglich, einen gemeinsamen, alle Religionen verbindenden theologischen Kern zu identifizieren.
Gibt es auf der anderen Seite so etwas wie unüberbrückbare Gegensätze oder Unterschiede?
Auch hier gilt: Stellt man sich die Religionen als abstrakte Gebilde vor, die sich als ganze bewerten ließen, wird man der Vielfalt der unterschiedlichen theologischen Ausdrucksformen nicht gerecht. Will man also über Gemeinsamkeiten und Unterschiede sprechen, muss man sich aus der Abstraktion ins Konkrete bewegen. Ein Beispielfall kann das Offenbarungsverständnis sein: Wie hat Gott zu den Menschen gesprochen und mit den Menschen kommuniziert? Wenn Sie jetzt die Frage stellen: „Ist das muslimische Offenbarungsverständnis kompatibel mit dem christlichen Verständnis?“, dann wird man keine befriedigende Antwort finden, weil es das muslimische Offenbarungsverständnis ebenso wenig gibt wie das christliche. Fragt man hingegen: „Gibt es konkrete islamische Offenbarungsverständnisse, die Berührungspunkte mit dem eigenen Verständnis der Kommunikation Gottes mit den Menschen hat?“, wird man das sicher bejahen können.
Sehen Sie denn konkrete Unterscheidungen des Offenbarungsverständnisses?
Was eint – zumindest christlich-islamisch – ist zunächst die Vorstellung, dass es eine Offenbarung Gottes gibt. Dann tauchen aber doch in der Regel recht schnell Differenzen auf. Die im Katholizismus maßgebliche Idee, dass Gott sich selbst geoffenbart hat, wird islamisch-theologisch so meist nicht akzeptiert. Ob das aber an der Sache selbst oder nochmals am Verständnis der Selbstmitteilung liegt, ist wieder umstritten.
Was bedeutet das für den interreligiösen Dialog?
Wenn man sich ganz ehrlich macht, ist ein interreligiöser Dialog, der wirklich um ein tieferes Verstehen des eigenen Glaubens im Angesicht des anderen bemüht ist, ein langer Prozess, der Kommunikation mit ganz vielen Menschen und Texten verschiedener religiöser Traditionen nötig macht. Zu denken, dass man religiöse Vorurteile haben muss, damit man den eigenen Glauben sichern kann, halte ich für falsch.
Ist Abgrenzung nicht wichtig in einer Zeit, in der sich viele Menschen ihre eigene Religion aus verschiedenen Traditionen zusammenbasteln?
Christen haben zum Beispiel gelernt, viel vom Judentum zu lernen, obwohl das lange unvorstellbar war. Da hat sich auch die Lehre der Kirche im Blick auf die Person Jesu als Jude gewandelt. Wenn wir anderen religiösen Traditionen begegnen, stellt sich grundsätzlich die Frage, ob Identität darin besteht, dass wir das Fremde zurückweisen, oder aber man sagt: Identität gewinne ich gerade durch die Auseinandersetzung mit dem anderen. Es erscheint mir auch kommunikationstheoretisch deutlich plausibler, dass Identität auch aus dem Dialog mit anderen religiösen Traditionen gewonnen werden kann.
Droht eine Religion beliebig zu werden, wenn ich Ideen von anderen Religionen übernehme?
Der Begriff der „Übernahme“ aus anderen religiösen Traditionen kann ja sehr vielschichtig sein – das reicht von kleinen Sprüchen oder Gebetstexten bis zur Faszination liturgischer Praktiken oder sogar religiöser Lehren. Natürlich ist hier zu beachten, dass bspw. der katholische Glaube in sich eine bestimmte Kohärenz hat, die durch unbedachten Import aus anderen Religionen empfindlich gestört werden kann. Daher spreche ich lieber von einer interreligiösen Lernbewegung. Einerseits lerne ich im interreligiösen Dialog den anderen und seine Überzeugungen besser kennen und zugleich lerne ich dadurch meinen eigenen Glauben tiefer zu verstehen.
Gibt es einen Text, auf den Sie Ihre Ansichten stützen?
Für mich maßgeblich ist der Text des Zweiten Vatikanischen Konzils „Nostra Aetate“. Dort beschreibt die Kirche in ihrer Selbstreflexion: Sie, die Kirche, muss Christus verkündigen als Weg, Wahrheit und Leben. Das ist unerlässlich, da kann keine Beliebigkeit rein, das ist der Grund der Kirche. Dann folgt der Satz: „Deshalb mahnt sie ihre Söhne, daß sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.“ Aus dem Bekenntnis zu Christus folgt nicht die Abschottung, sondern der Dialog.
Wie muss man den christlichen Missionsauftrag im Dialog berücksichtigen?
Ich halte gerade das für einen Ausdruck einer missionarischen Kirche, dass sie den Dialog sucht. Wenn ich schaue, dass die Christen nach 1 Petr 3,15 aufgefordert sind, jederzeit Rede und Antwort zu stehen für die Hoffnung, die sie bewegt, dann würde ich gerade den interreligiösen Dialog als Bewährungsort dieser Aufforderung sehen – vielleicht noch mehr als im Dialog mit der säkularen Welt.
Letztlich geht es um die Frage, wie man Mission definiert?
In unserer individualisierten westlichen Gesellschaft geht es dabei um Glaubwürdigkeit, Authentizität und Überzeugungskraft. Diesen Anspruch haben auch muslimische Communitys, wenn sie die Relevanz ihres Glaubens deutlich machen wollen. Dabei darf man die Bedeutung von Social Media nicht übersehen, jenseits der institutionalisierten Religion: Menschen unterschiedlicher Religionen haben große Followerzahlen, von denen amtliche religiöse Strukturen nur träumen können. Mission als zwanghafte Unterwerfung ist sicher nicht vollständig aus der Welt verschwunden, spielt aber für das dominierende katholisch-theologische Verständnis keine Rolle mehr.
Kann man diesen Wandel auch auf den interreligiösen Dialog übertragen?
Das steht für die katholische Kirche heute außer Frage. In „Magnifica Humanitas“ finden wir das starke Bekenntnis des Papstes zu Menschen- und Personenrechten, zu Würde und Freiheit. Die Verurteilung von ungerechter Gewalt ist nicht mehr strittig. Ich verstehe die Bedeutung des Glaubens für die Menschen heute so, dass er die Freiheit des Individuums einschließt. Glaube kann nur dann Bedeutsamkeit entfalten, wenn Individuen diesen Glauben für sich in ihrem Leben übernehmen. Das gilt auch für den interreligiösen Diskurs: Ich lege Rechenschaft ab von meinem Glauben in einer Offenheit, in der ich nicht weiß, ob mein Gegenüber versteht, was ich sage. Wenn wir als Christen den Koran lesen, tun wir das nicht aus einer muslimischen Tradition heraus, uns fehlen bestimmte hermeneutische Voraussetzungen. Das gilt genauso, wenn Muslime die Bibel lesen. Deshalb muss es im interreligiösen Dialog darum gehen, unsere Voraussetzungen offenzulegen, Traditionen zu erklären und lernoffen um Verständnis zu werben.
Inwieweit können oder sollen religiöse Überzeugungen in einer individualisierten und säkularisierten Gesellschaft wie der unseren das Leben mitgestalten?
Meiner Ansicht nach müssen religiöse Überzeugungen im öffentlichen Raum artikuliert werden können als Begründung von gesellschaftlichen Prozessen. Der Punkt ist allerdings, dass alle Gruppen die Begründungen, die sie selbst akzeptieren, in andere Systeme hinein übersetzen können müssen. Wenn ich zum Beispiel bioethische Überzeugungen aus einer katholischen Sicht habe, dann reicht es in einer liberalen Gesellschaft nicht, diese einfach nur zu behaupten, sondern ich muss um ihrer praktischen Geltung willen versuchen, sie auch außerhalb meines eigenen Bezugsystems begründen zu können. Der Philosoph Charles Taylor hat das aus meiner Sicht gut dargelegt: Er zeigt, dass liberale Gesellschaften, die sich von öffentlicher Religion distanzieren, selbst Überzeugungen zugrunde legen, die sie sich nicht bewusst machen, sondern sie einfach voraussetzen. Da haben wir als religiöse Menschen oft den Eindruck, dass wir diesen gesellschaftlichen Dogmen argumentativ entgegenkommen müssen, ohne dass das auch andersherum geschieht. Wir sind aber darauf angewiesen, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Systeme aufeinander zugehen und ihre verschiedenen Denkvoraussetzungen miteinander kommunizieren. Und da halte ich es für vollkommen legitim, dass religiöse Gründe genauso einen Anspruch auf die Gestaltung von Gesellschaft haben wie säkulare Weltanschauungen.
Allerdings muss akzeptiert werden, dass religiöse Begründungen auch nicht akzeptiert werden?
Selbstverständlich! Das gilt allerdings auch umgekehrt. Man muss sich also von der Vorstellung lösen, säkulares Denken sei der Normalfall und religiöse Überzeugungen begründungspflichtige Abweichungen von dieser Norm. Von dieser Basis aus müssen im Zweifelsfall gesellschaftliche Kompromisse ausgehandelt werden. Es ist aber ja auch gar nicht ausgeschlossen, dass man zum Beispiel bei Fragen des Sozialstaats aus säkularen, christlichen und muslimischen Perspektiven zu gemeinsamen Ergebnissen kommt. Ein gemeinsames Handeln kann auch aus unterschiedlichen Grundlagen gewonnen werden. Wenn es aber dann gelingt, nicht nur Parallelen bestehen zu lassen, sondern um wechselseitiges Verstehen zu werben, können gelingende Dialogprozesse entstehen, die der sich vollziehenden gesellschaftlichen Zersplitterung entgegenwirken – interreligiös wie säkular.