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30.01.2026
Foto / Quelle: Julia Steinbrecht/KNA

Das "Irrenhaus" zumindest bunt anmalen - Feiern in Krisenzeiten

Bunte Kostüme und Feierlaune inmitten von Krieg und Klimachaos? Fachleute und Karnevalisten sind sich einig: Musik und Humor sind in schwierigen Zeiten besonders wichtig – und schließen sorgenvolle Momente nicht aus.

Bonn

Der Saal hat sich schon leicht geleert, es ist spät, unter der Woche. Die verbleibenden Gäste feiern den krönenden Abschluss um so mehr: Kasalla, die derzeit vielleicht erfolgreichste Kölschband, ihre mal abgedrehten, mal tiefgründigen Texte zu rockigen Melodien. Karneval at its best. Sänger Bastian Campmann strahlt, als er der Menge zuruft: „Die Welt wird immer mehr zum Irrenhaus – lasst es uns wenigstens bunt anmalen!“

Bunt, laut und heiter – so werden sich Köln, Mainz und andere närrische Hochburgen spätestens ab dem 12. Februar wieder zeigen. Dabei ist Krieg in Europa, täglich kommen neue Krisenmeldungen, der Klimakollaps dräut als dauerhaftes Horrorszenario. Trotzdem feiern: Darf man das?

Die Frage ist alt. In der Corona-Zeit fiel karnevalistisches Treiben ebenso massenhaft flach wie andere Veranstaltungen; 1991 sagte das Kölner Festkomitee den Rosenmontagszug wegen des Golfkriegs ab. Manche Lieder greifen dieses Dilemma direkt auf: „How do we dance when our Earth is turning? How do we sleep when our beds are burning?“ Die australische Band Midnight Oil prangerte mit diesen Fragen die Ausbeutung und Unterdrückung der Aborigines an.

Gemeinschaft stärkt Widerstandskraft

Tanzen, während die Welt brennt? Gemeinschaft sei etwas, das tragen könne, sagt die Psychologin Anne-Lena Leidenberger. Wichtig sei, dass jeder Mensch für sich eine passende Form von Selbstfürsorge findet, erklärt sie im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): „Für manche ist es Meditation, für andere Sport, ein kreatives Hobby oder etwas ganz anderes. Entscheidend ist, sich selbst gut zu kennen und sich zu erlauben, dass Selbstfürsorge bei jedem anders aussieht – und dass sie Zeit und Raum bekommen darf.“

Das sei sinnvoller als das Bemühen um einen „perfekten“ Umgang mit schwierigen Zeiten. „Es ist normal, unterschiedliche Gefühle gleichzeitig zu haben: Hilflosigkeit, Wut, das Bedürfnis, den Fernseher auszuschalten und sich zu schützen – und gleichzeitig das Wissen, dass völlige Abwendung oft auch keine Lösung ist.“ Leidenberger betont: „Die Welt ist nicht schwarz-weiß.“ Daher dürfe es Tage zum Abschalten geben – und andere, an denen man sich bewusst informiere und aktiv werde.

Pfarrer: Freude nicht verdrängen

Das sehen Kirchenvertreter ähnlich. Es sei ein Missverständnis, dass die Kirche „wieder einmal der große Spielverderber sein will“, wenn am Aschermittwoch die tollen Tage enden, sagte Pfarrer Bernd Kemmerling kürzlich dem Bonner „General-Anzeiger“. Dieser Tag lade vielmehr dazu ein, sich auf Ostern vorzubereiten, die Freude am Leben also nicht zu verdrängen, sondern zu vertiefen.

Im Karneval lasse sich „schmecken und verkosten“, was im christlichen Glauben zentral sei: dass Jesus Christus alle Grenzen überwinde, Menschen zusammenführe und zu Geschwistern mache. Das „Kölsche Grundgesetz“ – mit Weisheiten wie „Es ist noch immer gut gegangen“ – knüpfe an die biblischen zehn Gebote an, so der Pfarrer, der selbst Mundartmessen organisiert. Beide gäben Orientierung und machten zugleich deutlich, „dass Gott keine Perfektion von dir verlangt“.

Integration in Liedform

Dass Partystimmung und nachdenkliche Töne einander keineswegs ausschließen, zeigen indes viele Karnevalslieder: Manche handeln von verstorbenen Wegbegleitern, viele von Zusammenhalt. Sogar Hits wie in diesem Jahr „fastelovnDJ“ der Band Lupo umfasst mehr als den Refrain: Die dort geschmetterten Silben „hey hey, bum-bum, schalala, täterä“ beziehen sich darauf, wie Menschen sich Songs wünschen, wenn sie weder Titel noch Interpret kennen. Und mitsingen kann man sofort – ohne Deutschkenntnisse, ohne Chorerfahrung, ohne Barrieren.

Geschichten in Liedform – denn die Weltlage treibt auch viele Musiker um. Er habe zu Beginn des Ukraine-Kriegs gedacht, „dass es das gewesen ist mit Musik“, verriet etwa Stephan Brings dem Portal Stadtgeflüster-Interview. „Blöde Sprüche“ wie „die Menschen dürfen auch mal feiern“ brauche niemand. Doch wenn Leute auf Konzerte gingen, bedeute das nicht, „dass ihnen der Krieg am Arsch vorbeigeht“, fügte der Bassist und Sänger der Band Brings hinzu: „Da muss man schon sehr differenzieren.“

KNA
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