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08.05.2026
Gebannt verfolgen Jungen und Mädchen dem Bilderbuchkino im Medienzentrum im Erzbistum Paderborn.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Bibliotheken verzeichnen steigende Beliebtheit

In den Katholischen öffentlichen Büchereien im Erzbistum sorgen etwa 1 700 Ehrenamtliche für ein attraktives Medienangebot.

Von Karl-Martin Flüter und Wolfgang Maas
Paderborn / Bad Lippspringe

Emma hat keine Lust. Auf dem Boden liegen zwar einladend bunte Sitzkissen. Doch die Vorschülerin möchte lieber neben ihrer Mama sitzen – auf dem Stuhl für die Großen. Noch hat Emma etwas Zeit, es sich anders zu überlegen. Denn das Bilderbuchkino im Medienzentrum im Erzbistum Paderborn geht ja erst gleich los. Der Raum füllt sich. Kinder toben noch etwas herum, einige Eltern kennen sich bereits, umarmen sich, unterhalten sich kurz. Emma konnte der Versuchung doch nicht widerstehen und hat sich ein Sitzkissen geschnappt.

Charlotte ist Auszubildende beim Medienzentrum. Heute übernimmt sie zum ersten Mal die Leitung. Das Konzept ist immer das Gleiche. Bilder aus einem Buch werden an die Wand projiziert. Diesmal ist es „Die neue Häschenschule“ von Anke Engelke. Schnell wird den Mädchen und Jungen klar: Der neue Schüler in der Häschenschule ist gar kein Hase – sondern ein Fuchs! Das Arbeiten mit Text und Bildern hat begonnen. „Was essen Füchse eigentlich?“, fragt Moderatorin Charlotte ganz beiläufig. „Hasen“, kommt die Antwort prompt aus mehreren Mündern. Obwohl es schon 16 Uhr ist und ein Tag in der Kita hinter ihnen liegt, verfolgen die 15 Kinder das Geschehen ganz genau. Zum Abschluss dürfen sie selbst dann noch einen Fuchs basteln.

Entgegen aller Pro­gnosen sind Bücher bei Kindern und ­Jugendlichen immer noch beliebt.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Christoph Quasten, der Leiter des Medienzentrums im Erzbistum Paderborn, steht in der Tür und schaut zu. Das Bilderbuchkino läuft sehr gut, sagt er. „Man muss sich früh um Karten bemühen, sonst geht man leer aus“, sagt Quasten. Wer viele Nutzerinnen und Nutzer haben wolle, der müsse viel investieren und innovativ agieren.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Bad Lippspringe. Die dortige Katholische öffentliche Bücherei stand kurz vor dem Aus. Mittlerweile hat sich die Zahl der Besucher verdoppelt. Der Erfolg zeigt, wie gut geführte öffentliche Bibliotheken eine große Leserschaft gewinnen – und wie wichtig sie für die Städte und Dörfer sind. In Bad Lippspringe drängen sich an einem Samstagnachmittag Kinder in bunten Kostümen im Pfarrzentrum St. Martin. Mit ihren Eltern sind sie zum Märchentag der Katholischen öffentlichen Bücherei gekommen. Eine Königin geht umher, im Pfarrsaal können die Mädchen und Jungen Märchen erraten, Märchenszenen ausschneiden oder basteln.

„Bali liest“

Wirklich überraschend ist die große Nachfrage nicht. Es hat sich herumgesprochen, dass die Lesungen, Vorträge und Kindernachmittage der Katholischen öffentlichen Bücherei in Bad Lippspringe gut vorbereitet sind. Die Bücherei hat 2025 durchschnittlich jede zweite Woche zu einer Veranstaltung eingeladen, in diesem Jahr werden es eher mehr Termine sein – Lesungen und Vorlesetreffen wie „Bali liest“, zu dem die Bücherei und AWO gemeinsam einladen, oder Bastelnachmittage für Kinder. Regelmäßig besuchen Büchereimitarbeitende das Bad Lippspringer Altenheim St. Josef und lesen dort vor.

Nach dem Bilderbuchkino konnten die Kinder die Inhalte kreativ weiterentwickeln.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Angesichts der vielen Aktivitäten ist es kaum vorstellbar, dass die Katholische öffentliche Bücherei in dem Kurort noch vor wenig mehr als zwei Jahren vor dem Aus stand. Als Pfarrer Georg Kersting Ende 2023 zu einem Gespräch über die Zukunft der Bücherei einlud, nahmen nur noch vier ehrenamtliche Mitarbeitende an dem Termin teil. Die Bibliothek hatte während der Corona-­Pandemie viele Besucher und ehrenamtlich Mitarbeitende verloren und sich von diesem Schwund nicht erholt. Allen war damals klar, so konnte es nicht weitergehen.

Das noch bestehende vierköpfige Rumpfteam hatte nur wenig Erfahrung, das Image der Bücherei war entwicklungsfähig. Vielen Bad Lippspringern war die eigene Bücherei im Ort nicht bekannt, andere fuhren lieber zur katholischen Bibliothek im Nachbarort Marienloh. Die Rettung der Bücherei begann mit einer Öffentlichkeitskampagne. In der Presse warben das Büchereiteam und Pastoraler Raum um neue Mitarbeitende. Flyer und Plakate wurden verteilt, in den Gottesdiensten war die Situation der Bücherei und die Unterstützung, die sie brauchte, ein Thema.

Schon bald meldeten sich Interessenten für die Büchereiarbeit, darunter Leserinnen und Nutzerinnen der Bi­bliothek. Das Team wuchs beständig. Gleichzeitig stiegen die Besucherzahlen. Vor allem Familien kamen immer häufiger. Knapp 3 300 Besucher haben im vergangenen Jahr Medien ausgeliehen, Ende 2023 waren es nur noch 740. Im Januar 2026 drängten sich sonntags, am Hauptausleihtag, bis zu 100 Menschen in der Bücherei. Als die Bücherei Ende März den Kulturpreis der Stadt Bad Lippspringe erhielt, konnte sie zeitgleich das 500. Mitglied verkünden.

Am häufigsten ausgeliehen werden die Hörspielgeschichten der Marke „Tonie“.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Bis Ende 2023 konnten nur sonntags Bücher ausgeliehen werden, aktuell sind die Räume mittwochs, freitags und am Sonntag stundenweise geöffnet. Der Bestand an Medien wurde erneuert und erweitert. „Tonies“ – kleine Hörboxen, auf denen zu Hause Geschichten und Lieder aus der Internet-­Cloud abgerufen werden können – kamen zum Angebot hinzu. Zum ersten Mal wurden Puzzles und Spiele angeboten. Nutzer können die Bücher jetzt auch im Internet vormerken, bestellen oder verlängern. Herbert Cramme und Annelie Franke gehörten Ende 2023 zu den Teilnehmern des Gesprächs beim Pfarrer. Sie sind vor einigen Jahren nach Bad Lippspringe gezogen. Als Neubürgerin habe sie Anschluss gesucht und sei einfach mal in die Bücherei gegangen, erinnert sich Annelie Franke. Es blieb nicht bei dem einen Besuch: Irgendwann überzeugte sie ihren Partner, sie zu begleiten. So wurde das Paar zum Kern des Rumpfteams, das 2024 für den Neuanfang stand. Neben der Ausleihe und der Durchführung von Veranstaltungen übernimmt Annelie Franke die Recherche und den Erwerb von neuen Medien, Herbert Cramme ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Professionelles Arbeitsklima

In den vergangenen zwei Jahren hat das Paar wie die meisten ehrenamtlich Mitarbeitenden Schulungen durchlaufen, die die Büchereifachstelle des Erzbistums Paderborn anbietet. Das Büchereiteam musste nicht nur lernen, wie eine Bücherei geleitet wird, sondern sich auch in das Management von Events, in Öffentlichkeitsarbeit, Technik und Moderation einarbeiten. An einem frühen Abend sind die Mitarbeitenden zum regelmäßigen Planungstreffen zusammengekommen. In der Bücherei haben sie Tische zusammengeschoben. Das Arbeitsklima ist professionell, die Sachthemen werden zügig abgearbeitet. Als es um die Vorbereitung des Märchentages geht, der zu diesem Zeitpunkt noch in einigen Wochen bevorsteht, ist die Organisation schnell erledigt.

Brunhilde Werner, die für die Vorbereitung des Märchentages zuständig ist, gehört zu den älteren Teilnehmerinnen in der Runde. Sie kennt die Bibliotheksarbeit als ehemalige Lehrerin. Im Ruhestand war sie „zehn Jahre abstinent“, bis sie die Bücherei in Bad Lippspringe entdeckte und einfach mal reinging. „Man hat mich so lieb aufgenommen“, erinnert sie sich, „das hat sofort gefunkt.“ Ihre jüngeren Kolleginnen sind oft Mütter, die auf die Bücherei aufmerksam wurden, weil sie sich für ihre Kinder eine gute Bibliothek in Bad Lippspringe wünschten. Eine von ihnen ist Christine Heukamp. Für sie ist ihr Engagement eine Frage der bürgerlichen Verantwortung: „Meine Kinder sollen sehen, dass man etwas für die Gemeinschaft tun kann.“

Die für Kinder faszinierenden Lesenachmittage sind derzeit permanent ausgebucht.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Ende März erhielten die Bücherei und ihre Mitarbeitenden den Kulturpreis der Stadt Bad Lippspringe. Bei dieser Gelegenheit würdigte Pfarrer Georg Kersting die Arbeit des Büchereiteams, die ehrenamtliche Arbeit vermittele Kultur in die Gesellschaft hinein. Tatsächlich ist die Katholische öffentliche Bücherei für den Kurort unverzichtbar, weil sie die einzige Bibliothek im Ort ist. Die Katholischen öffentlichen Büchereien schließen vor allem im ländlichen Bereich eine Versorgungslücke. Der Märchentag im Bad Lippspringer Pfarrzentrum ist wichtige Bildungsarbeit. Jedes Kind, das an diesem Tag gekommen ist, ist eine Leserin, ein Leser von morgen.

Jetzt hoffen die Ehrenamtlichen im Büchereiteam, dass sich der Erfolg nicht als Bumerang erweist. Zwar erhält die Bibliothek Geld von der Pfarrgemeinde St. Martin und von der Stadt, aber das reicht nicht mehr. Mit den steigenden Besucherzahlen hat die Nachfrage zugenommen und damit der Bedarf an neuen Medien. Die Finanzierung der Büchereiarbeit muss verbessert werden. Ein Kulturpreis bedeutet Anerkennung, aber für ihre alltägliche Arbeit braucht die Bücherei in Zahlen messbare, auf Dauer angelegte Unterstützung.

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