Bekennender Katholik und veganer Spitzenpolitiker
Landesminister und Ministerpräsident war er schon, jetzt wird der Sozialdemokrat Alexander Schweitzer Bundesarbeitsminister.
„Mein Glaube gibt mir vor allem die Kraft, nie die Menschen aus dem Blick zu verlieren – er lehrt mich Nächstenliebe, Solidarität und die Verantwortung für die Schwächsten.“ Das sagte der bekennende Katholik Alexander Schweitzer Ende vergangenen Jahres im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Nun soll der SPD-Politiker Nachfolger seiner wegen eines Trauerfalls zurückgetretenen Parteikollegin Bärbel Bas im Amt des Bundesministers für Arbeit und Soziales werden.
In Rheinland-Pfalz hatte Schweitzer dieses Amt bereits von Mai 2021 bis Juli 2024 inne, bevor er dann bis Mai 2026 als Nachfolger von Malu Dreyer (SPD) Ministerpräsident des Landes wurde. Jetzt wechselt er von der Spitze der SPD-Landtagsfraktion in die Bundesregierung.
Schweitzer ist studierter Jurist, stammt selbst aber aus einer Arbeiterfamilie. Sein Vater war Binnenschiffer und so verbrachte Schweitzer mit seinen Eltern und seiner Schwester die ersten sechs Lebensjahre auf Binnenfrachtern auf dem Rhein. Mit 16 Jahren trat er in die SPD ein, engagierte sich früh bei den Jusos und an der Parteibasis.
Veganer Pragmatiker
Nicht nur aufgrund seiner Körpergröße von 2,06 Meter wird Schweitzer im Kabinett auffallen. Er ist der einzige deutsche Spitzenpolitiker, der sich vegan ernährt – zumindest der einzige, von dem es bekannt ist. Seit 2016 verzichtet er auf tierische Produkte, macht daraus aber keinen Staatsakt. Seine Devise: „Leben und leben lassen“, sagte er mal der Illustrierten „Bunte“. „Ich möchte nicht, dass Tiere für mein Essen sterben. Aber ich gönne jedem seinen Saumagen.“
Auch sonst ist der 53-Jährige eher ein Pragmatiker. Seine Frau ist evangelisch, seine Kinder erzieht das Paar ebenfalls evangelisch. „Kein Problem für mich – Hauptsache christlich“, sagte der Katholik dazu einmal.
In seiner neuen Rolle erwarten Schweitzer mehrere große Aufgaben: CDU und CSU als Koalitionspartner drängten zuletzt Vorgängerin Bas zu Reformen bei der Rente, im Kampf gegen den Missbrauch von Sozialleistungen und mehr Flexibilität im Arbeitsmarkt, wie etwa eine Wochenhöchstarbeitszeit. Diese in der Koalition vereinbarten Vorhaben wird Schweitzer nun zeitnah umzusetzen haben, um die Union zufrieden zu stellen.
Der SPD-Politiker hatte zuletzt deutliche Worte für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) übrig. Der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagte er Ende September, dass Reformen fair sein müssten und jeder seinen Beitrag zu leisten habe. „Für Friedrich Merz bedeuten Reformen, dass Wachstum nur durch Kürzungen beim Sozialstaat entstehen kann.“ Der Kanzler atme den „kalten neoliberalen Geist der Neunzigerjahre“.
Merz befürchte, dass die Reichen das Land verließen, wenn sie einen fairen Beitrag leisten müssten, so Schweitzer. Stattdessen werde von denen noch mehr genommen, die ohnehin schon kämpfen müssten. „Nicht Reformen, sondern dieser empathielose Blick auf das Land führt bei vielen zu Frustration.“
Sozialstaat muss für Menschen da sein
Welche Akzente Schweitzer in seinem neuen Amt setzen wird, wird sich zeigen. Einen Ausblick gibt vielleicht eine Aussage des SPD-Politikers bei der letztjährigen Delegiertenversammlung des Deutschen Caritasverbandes: „Der Sozialstaat muss für die Menschen da sein. Gleichzeitig müssen wir Debatten darüber führen, wie wir den Sozialstaat der Zukunft gemeinsam gestalten wollen. Soziale Sicherheit und Demokratie hängen unabdingbar miteinander zusammen.“ Die Stärkung des Sozialstaats sei daher auch eine Investition in die Demokratie.
„Wir brauchen eine Botschaft der Zukunft“, forderte er beim Martinsempfang der katholischen Kirche in Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr. Die demokratische Mitte müsse ein eigenes emotionales Angebot für die Menschen in Deutschland bereithalten.
Auch die Kirchen sieht der designierte Arbeitsminister als wichtigen Partner. Er wünsche sich, dass diese weiterhin ihre Stimme erheben: „Besonders dort, wo es um den Schutz der Schwächsten, soziale Gerechtigkeit und Zusammenhalt geht“, sagte er der KNA.
Von einer Audienz bei Papst Franziskus Anfang 2025 habe ihn vor allem ein Satz nachhaltig geprägt: „Ein Mensch darf nur dann auf einen anderen herabschauen, wenn er ihm aufhelfen will.“ Nun wird sich Schweitzer messen lassen müssen – an den erwarteten Reformen und daran, wie sehr er dabei die Menschen im Blick behält.