Gott macht den Anfang

Auslegung der ersten Lesung der Osternacht

Licht und Wasser sind die Symbole der Osternacht. Foto: Pixabay

 

In der Osternacht entfaltet die Kirche den ganzen Reichtum ihrer Liturgie. Allein schon die sieben Lesungen aus dem Alten Testament zeigen nicht nur die Größe der biblischen Botschaft vom rettenden Gott. Sie können auch verwirren oder sogar verstören: „Was ist von einem Gott zu halten, der von Abraham fordert, den Sohn zu opfern, und die ägyptische Armee im Meer versenkt?“ In einer siebenteiligen Artikelserie legen die Bibelwissenschaftler Georg Steins und Egbert Ballhorn die alttestamentlichen Lesungen aus und eröffnen neue Perspektiven auf die Feier der Osternacht.

von Georg Steins

Licht und Wasser, die ansprechenden Zeichen der Osternachtfeier, spielen auch in der Lesung eine wichtige Rolle– so schlägt der Bibeltext gewissermaßen eine Brücke zwischen dem Beginn der Feier am Osterfeuer und der Tauffeier, die auf den Reigen der biblischen Texte folgt. Die Lesung spricht nicht nur vom Aufbau der Welt, sie schließt uns eine „sehr gute“ Welt auf, die auf Gottes Worten und Taten gegen die Todesmächte gründet.

Wie sieht diese Welt aus? Wer sich aufmerksam hörend und die aufkommenden Bilder zulassend dem Gefüge des Textes aussetzt, wird als erstes den Eindruck gewinnen, dass es im ersten Kapitel der Bibel um Ordnung geht: Das erzählte Geschehen ist gegliedert, fast möchte ich sagen „gut sortiert“– und zwar durch die Abfolge der Tage, aber auch durch den sich wiederholenden inneren Aufbau der einzelnen Abschnitte und die ständige Wiederkehr einiger Formulierungen. Die Welt erscheint als ein geordnetes Ganzes, als gut gefügtes Lebenshaus für alles Lebendige. Nichts darin ist deplatziert, störend, bedrohlich. Eine Welt ganz nach dem Willen Gottes also. Das ist nicht die Welt, in der wir leben, sondern die Welt der Sehnsucht und der Hoffnung, oder in der Sprache der Bibel: das Reich Gottes.

Allein diese Einsicht führt schon über die fast naive Annahme hinaus, der Bibeltext wolle in einer Art primitiver Naturwissenschaft über das Werden unserer Welt informieren. Es lohnt sich, weiter genau zu hören: Dann fällt auf, dass das dominierende Ordnungsmuster nicht der Raum ist, sondern die Zeit: Schöpfung wird zuallererst vorgestellt als eine Ordnung der Zeit. Das Thema „Zeit“ findet sich am Anfang (am ersten Tag wird die grundlegende Zeiteinheit „Tag“ geschaffen), in der Mitte (am vierten Tag werden die Größen Sonne und Mond für die Zeitmessung nach Monaten und Jahren und für die Festtage des Jahres geschaffen) und am Ende des Textes (von den sechs „Werk-Tagen“ wird der siebte Tag als etwas Besonderes abgehoben). Leben braucht stabile Rhythmen, und auch den einen Tag der Woche, der befreit ist von Mühsal und Machen.

Überraschungen warten

Der Text wartet mit weiteren Überraschungen auf: Die Erzählung führt uns an einen „Anfang“, an dem es die Welt, in der Leben geordnet möglich ist, noch nicht gab. Sie setzt stattdessen mit drei starken Todesbildern ein: unheimliche Wüste, Finsternis und Chaoswasser– in allem das Gegenteil von Leben. Im Folgenden überwindet Gott diese Todesmächte und fügt sie in die Ordnung des Weltganzen: Der todbringenden Finsternis setzt Gott das Leben schaffende Licht entgegen. Die Chaoswasser werden gebändigt und zurückgedrängt, sodass sie Lebensräume freigeben. Die Erde erhält ein grünes Kleid, die Pflanzen und Fruchtbäume zur Versorgung von Vieh und Mensch.

In diesem Lebenshaus der Schöpfung bekommt der Mensch eine Sonderrolle. Der Mensch ist Stellvertreter des sich um das Leben sorgenden Gottes in dessen Schöpfung. Er wird als lebendige Statue Gottes, als Gottesbild, geschaffen und mit königlicher Würde ausgestattet. Er ist zum hoheitlichen Walten beauftragt, damit alle in diesem Lebenshaus leben können. Dieser sogenannte „Herrschaftsauftrag“ ist eigentlich ein Hüteauftrag; er darf nicht egoistisch vom Menschen als Erlaubnis zur Zerstörung des Lebenszusammenhangs missbraucht werden. Gen1 redet noch nicht von Mann und Frau, dieses Thema wird erst im folgenden Kapitel der Bibel entwickelt, sondern vom „männlichen und weiblichen Menschen“. Der Text betont damit das beiden Geschlechtern gemeinsame Menschsein und die gleiche Verantwortung.

Licht und Wasser und die Betonung der Würde des Menschen: Mit der ersten Lesung wird eine breite Spur gelegt, die in die Tauffeier der Osternacht mündet. Gott hat Großes mit dem Menschen vor! Der Tod ist für ihn kein Hindernis. Die Taufe ist der Schritt in diese Wirklichkeit eines österlich-befreiten Lebens, das nur als Wunder, als überwältigendes Geschenk angenommen und gefeiert und in Würde ausgeübt werden kann.

So zeigt sich: Bereits die erste Lesung der Osternacht verkündet das „Evangelium“, die beglückende Botschaft von Gott, der von Anfang an nichts anderes will als das Leben für alle seine Geschöpfe.

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