Dortmunder Nordstadt – Wo Kirche auf das Leben trifft

Mit Kopftuch, Kind und Nike-Rucksack: Wer die Situation im „Stadtbezirk Nord“ nur durch die Klischee-­Brille betrachtet, wird ihr nicht gerecht. (Fotos: Patrick Kleibold)

Nachrichten aus der Dortmunder Nordstadt sind selten gut, Kriminalität, Drogen und Armut die vorherrschenden Themen. Der Stadtteil gilt als sozialer Brennpunkt oder „No-go-­Area“. Ist das die Realität oder ein Klischee? Und: Wie positioniert sich die katholische Kirche in diesem Umfeld?

Dortmund. Auf den ersten Blick überall das gleiche Bild: Illegal entsorgter Müll, Graffitis, runtergekommene Häuser, türkische oder arabische Läden und Imbisse, Internetcafés, Spielhallen. An den Straßenrändern reiht sich Auto an Auto, viele davon mit rumänischen oder bulgarischen Kennzeichen. Dazwischen die ein oder andere protzige Limousine mit Stern auf der Haube – gerne in Schwarz und mit breiten „Schlappen“. Immer mal wieder ist ein Martinshorn zu hören. „Nazis raus“-­Aufkleber machen auf ein weiteres Pro­blem aufmerksam: Rechtsradikale mischen hier fleißig mit. Wer sich von der Gesellschaft verraten fühlt, ist anfällig für ihre Parolen.

Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der Stadtbezirk „Innenstadt-­Nord“, wie die korrekte Bezeichnung lautet, hat die höchste Arbeitslosenquote in Dortmund, der Anteil der Bewohner mit Migrationshintergrund liegt bei über 75 Prozent. Viele Menschen sind arm, das Bildungsniveau ist niedrig. Auf der Internetseite der Stadt Dortmund ist von einem „Stadtteil mit hohem Handlungsbedarf“ die Rede. Gleichzeitig wird da­rauf hingewiesen, wie sehr sich die Nordstadt zu einem Quartier mit vielen kreativen jungen Menschen entwickelt hat. Innovative „Start-­ups“ gibt es genauso wie Drogenhandel und Prostitution. Rund 60 000 Menschen mit etwa 140 Nationalitäten wohnen hier.

Ein kurzer Streifzug durch das Viertel scheint alle gängigen Vorurteile zu bestätigen: Hier leben die „Abgehängten“ – die, die keine bessere Wohnung finden oder sie sich einfach nicht leisten können. Wer die Meldungen über diesen Teil Dortmunds verfolgt, gewinnt schnell den Eindruck, dass Gewalt zum täglichen Leben gehört und man abends seine Wohnung besser nicht mehr verlässt. Und wenn man hier nicht wohnt, geht man am besten auch nicht hin.

„Ich bleibe hier!“

Fast wie eine Beschwörung wirkt dagegen das, was großflächig mit akkuraten weißen Buchstaben auf eine Hausfassade geschrieben ist. Eine Aufzählung positiv besetzter Begriffe – von Vielfalt und Lebendigkeit über Kultur und Chancen bis Offenheit und Perspektive. Das Resümee auf dieser Fassade lautet: „Ich bleibe hier!“ Klingt angesichts des ersten Augenscheins wie ein Wunschtraum. Sollte es wirklich noch andere Gründe außer Geldmangel geben, die Menschen weiter in diesem Quartier leben lassen?

Der Tag ist grau und kalt, trotzdem ist auf dem zentralen Platz vor der St.-Josephs-­Kirche an der Heroldstraße eine Menge los. Und das nicht nur, weil immer wieder Dutzende Tauben einfallen, die sich um Brotkrümel und Essensreste streiten. Das Leben spielt sich hier zu einem Gutteil auf der Straße ab, auch in den Wintermonaten. Viele Frauen tragen Kopftücher, einige sind verschleiert. Auf den Bänken rund um den Platz sitzen Männer, diskutieren, rauchen. Manche haben eine Flasche Bier in der Hand.

„NachbarBude“

Der Bauwagen rechts vor dem Kirchturm passt nicht so recht ins Bild. Zu renovieren gäbe es rundum zwar eine ganze Menge, doch das typisch graue Gefährt hat einen anderen Zweck, wie ein Schild und ein großer Aufsteller erklären: Hier steht die „­NachbarBude“, eine „Bude für alle“. Das Projekt des katholischen Sozialdienstes SKM Dortmund gibt es seit ­April vergangenen Jahres. Silvia Kos­lowski ist die Koordinatorin: „Zu uns kann jeder kommen, der ein Problem hat, Hilfe braucht oder einfach nur mal mit jemandem reden möchte.“ Zwar wird an dieser Bude nichts verkauft, aber Kaffee, Tee oder Wasser gibt es trotzdem – und darüber hinaus jede Menge Informationen und tatkräftige Unterstützung. Silvia Kos­lowski: „Das reicht von Infos zu kostenlosen Kulturangeboten bis hin zur Nachbarschaftshilfe beim Einkaufen oder kleinen handwerklichen Arbeiten.“ Das übernehmen Ehrenamtliche. Zwar, so die Projektkoordinatorin, gebe es im Sozialbereich viele Angebote und Hilfen: „Aber für viele hier im Viertel ist es ein Problem, sich da zurechtzufinden.“ So ein „Buden“-­Treffpunkt sei gerade für diese Menschen die ideale Anlaufstelle: „Denn sie müssen im wahrsten Sinne des Wortes keine Schwellenangst überwinden.“

Das Pfarrhaus gleich um die Ecke

Am Pfarrhaus gleich um die Ecke sind wir mit Pfarrer Ansgar Schocke verabredet. Der 60-­Jährige ist Leiter der Pfarrei Heilige Drei Könige und schon seit Jahren Seelsorger in Dortmund. Die Pfarrei reicht vom Hafen bis zum Borsigplatz, im Süden wird sie durch die Bahnlinie von der Innenstadt getrennt, im Norden grenzt sie an Eving. Knapp 8.000 Katholiken gehören dazu.

Schocke ist Realist, was die Situation in seinem Viertel betrifft: „Natürlich gibt es jede Menge Probleme. Man muss offen da­rüber reden. Die Zustände zu romantisieren ist genauso wenig hilfreich, wie sie zu dramatisieren.“ Seinen pastoralen Ansatz fasst er so zusammen: „Die Frage, wozu wir als Kirche da sind, muss in diesem Umfeld immer wieder neu auf die Tagesordnung.“ Mit ihrem traditionellen Programm werde die katholische Kirche in der Nordstadt kaum noch wahrgenommen: „Wir müssen uns der Realität stellen und entsprechend handeln und Angebote machen.“ Und dabei dürfe man eines nicht vergessen: „Wir sind hier ein Akteur von vielen – nicht besser und nicht schlechter als die anderen.“

Höchste Geburtenrate

Wie Kirche hier sichtbar und für Menschen relevant ist, will uns der Seelsorger am Beispiel von zwei Projekten zeigen. Zu Fuß machen wir uns auf den Weg. Äußerlich ist Schocke nicht als Geistlicher zu erkennen. „Das wäre hier nicht hilfreich!“ Trotzdem kennen ihn viele. Er grüßt, die Menschen erwidern diesen Gruß, nicken ihm zu.

Die Kirche St. Antonius von Padua an der Holsteiner Straße ist ein beeindruckendes Bauwerk. Das ganze Ensemble mit Pfarrheim und -haus steht unter Denkmalschutz. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als gerade aus Polen viele Arbeitskräfte für die damals florierende Stahl- und Kohleindustrie nach Dortmund kamen, wurden zahlreiche neue Kirchen gebaut und Gemeinden errichtet. „Zuwanderung hat diesen Stadtteil immer geprägt“, sagt Pfarrer Schocke.

Als wir ankommen, biegt gerade eine Gruppe Kinder um die Ecke. Sie haben das gleiche Ziel wie wir. „Essen und Lernen“ heißt das Projekt, das 2012 von Pallotinermönch Maiko Seibert – einem ausgebildeten Koch – ins Leben gerufen wurde. 2017 übernahm die Jugendhilfe St. Elisabeth die Federführung. Kinder und Jugendliche erhalten hier ein frisch gekochtes Mittagessen sowie Unterstützung beim Lernen und den Hausaufgaben. Auch Kinder im Vorschulalter werden betreut. Fast alle kommen aus zugewanderten Familien.

Mangel an Kindergarten- und Schulplätzen

Barbara Herrmann leitet aktuell das Projekt: „Die Nordstadt ist der Stadtteil mit der höchsten Geburtenrate und es gibt einen Mangel an Kindergarten- und Schulplätzen.“ Das gelte auch für den Anspruch auf Ganztagsbetreuung. Hinzu komme ein großer individueller Förderbedarf: „Die Kinder und Jugendlichen lernen hier nicht nur für die Schule, es geht auch um das soziale Lernen.“ Viele Ehrenamtliche engagieren sich in dem Projekt. Doch weitere Unterstützung ist jederzeit willkommen, denn die Familien hier haben oft mit so vielen Problemen zu kämpfen, dass die Kinder schlicht zu kurz kommen. Hinzu kommt, dass die gesamte Infrastruktur für Kinder und Jugendliche in der Nordstadt mangelhaft ist. Das beginnt bei den Kinderspielplätzen und zieht sich durch bis hin zur schlechten medizinischen Versorgung, weil es zum Beispiel an Kinderärzten fehlt.

Den Menschen trotz zum Teil katastrophaler Umstände eine Perspektive vermitteln – da­rum geht es auch im „Raum vor Ort“ an der Missundestraße. Nora ­Oertel ­Ribeiro leitet diese Außenstelle der „Katholischen Erwachsenen- und Familienbildung im Erzbistum Paderborn“ (­kefb). Seit 2014 findet hier „sozialraumbezogene Bildungsarbeit“ statt. Konkret heißt das, dass unmittelbar Hilfe geleistet wird und gleichzeitig die Idee dahintersteht, Kompetenzen zu fördern und zu stärken – ähnlich wie bei „Essen und Lernen“.

„Helfen ist mein Gebet“

Nora ­Oertel ­Ribeiro: „Wir haben hier manchmal Familien vor der Tür stehen, die zu Hause in Bulgarien ihre einzige Kuh verkauft haben, um das Geld für den Weg nach Deutschland zu haben.“ Diese Menschen müsse man erst einmal „ins System“ bringen, ihnen das Ankommen möglich machen. Auf der anderen Seite engagieren sich viele Frauen mit Migrationshintergrund auf Honorarbasis im „Raum vor Ort“, um selbst Kurse zu leiten. Gerade findet in einem Raum nebenan ein Treffen statt, bei dem es da­rum geht, dass Kinder Geduld lernen. Die gesamte Palette reicht von Deutsch- oder Nähkursen bis zum Thema „Ankommen in Deutschland“.

„Die Menschen kommen zu uns, das ist eine Tatsache“, sagt die Leiterin der Einrichtung, „sie haben diese Sehnsucht nach einem besseren Leben.“ Es sei nicht nur ein Gebot der Nächstenliebe, sich zu kümmern, fügt Nora ­Oertel ­Ribeiro hinzu: „Wir stehen in Konkurrenz zu Grauen Wölfen, Islamisten und Nazis. Nichts zu tun ist keine Option!“ Sie habe einmal den Satz gelesen „Helfen ist mein Gebet“: „Das habe ich mir gemerkt!“

„Wir dürfen hier den Menschen das Evangelium nicht um die Ohren schlagen, sondern müssen es leben – gemeinsam mit ihnen; sonst werden wir ihnen nicht gerecht.“ Pfarrer Schocke ist ein Freund klarer Worte und bringt es auf diese Formel. Und was man nicht ­unterschätzen dürfe: Durch solche Angebote werde Kirche als zuverlässiger Partner wahrgenommen.

„Den Menschen das Evangelium nicht um die Ohren schlagen!“ ­Ansgar Schocke ist Pfarrer in der Nordstadt. (Foto: Patrick Kleibold)
„Den Menschen das Evangelium nicht um die Ohren schlagen!“ ­Ansgar Schocke ist Pfarrer in der Nordstadt. (Foto: Patrick Kleibold)

Die ganze Palette der Ausbeuter

Mit dem Elend der Menschen ist viel zu verdienen. Die Palette der Ausbeuter reicht von den Schleppern und „Vermittlern“ über diejenigen, die illegale Arbeitskräfte zu Hungerlöhnen beschäftigen, bis zu denen, die Zimmer oder Schlafplätze in ihren Schrottimmobilien für horrende Preise vermieten. Doch es gibt auch positive Gegenbeispiele, wie Pfarrer Schocke unterwegs zeigt: Ein großes mehrstöckiges Gebäude sticht durch seinen gepflegten Zustand hervor. Im Erdgeschoss hat ein Hilfsprojekt für Sinti und Roma seinen Sitz, darüber sind unter anderem Wohnungen, die in Kooperation mit den Von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel an Menschen mit psychischen Erkrankungen vermietet werden. Eigentümer ist eine Familie aus dem Münsterland, die eine Reihe von Immobilien in der Nordstadt besitzt und diese nachhaltig nutzen möchte.

Die letzte Station der Nordstadt-­Runde führt wieder zurück in den Schatten der Josephs-­Kirche. Im Gemeindehaus hat heute das „Café Lichtblick“ geöffnet. Auch dieses Bild gehört zur Nordstadt: In großer Runde sitzen Seniorinnen und Senioren – die Frauen eindeutig in der Mehrheit – zusammen. Es gibt Kaffee, Kuchen und belegte Brötchen. Es wird geredet und gelacht. Gerade haben Paula Giesen und eine Kollegin vom SKM für die „­NachbarBude“ geworben und dabei ein Foto-­Projekt vorgestellt.

„Ungeliebtes Kind“

Doris Lohmann ist in der Nordstadt geboren und aufgewachsen – und lebt immer noch hier. Das Viertel sei schon immer ein „ungeliebtes Kind“ gewesen, meint sie: „Das war bereits so, als ich noch klein war!“ Damals hätten in erster Linie Arbeiter und Handwerker, Angestellte und Beamte in dem Viertel gewohnt. In den Sechzigerjahren kam die erste Generation der damals sogenannten „Gastarbeiter“: Portugiesen, Italiener, Spanier und Türken. Dann wurde es immer internationaler. Doris Lohmann hat 35 Jahre als Schulsekretärin an der Nordmarkt-­Grundschule gearbeitet. Auch dort hat sie bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand den Wandel zum „Problem­viertel“ miterlebt. Sie selbst will diesen Begriff nicht verwenden: „Der wird den Menschen hier nicht gerecht!“ Natürlich gebe es im ­Zusammenleben Probleme, aber eben auch ­positive Beispiele, die aber meistens unter den Tisch fielen.

Wegziehen sei für sie nie infrage gekommen, erklärt die resolute Frau: „Dafür hält mich hier zu viel.“ Als wichtigen Grund zu bleiben, nennt sie ihre Verbindung zur Kirchengemeinde: „Seit meiner Erstkommunion bin ich aktiv.“ Lange war sie Pfarrgemeinderatsmitglied, jetzt organisiert sie die regelmäßigen Treffen hier im „Lichtblick“. „Das gibt man doch nicht auf!“ Doris Lohmann fasst die Diskussionen um das Viertel in einem kurzen Satz zusammen: „Die, die hier nicht wohnen, wissen am besten Bescheid!“

„Ich wollte nie weg“

Worte, bei denen ihre Sitznachbarin Annemarie Bauch zustimmend nickt. Auch sie werde von Bekannten immer mal wieder gefragt, wie sie „da“ noch leben könne, erzählt sie. Sie ist mit Doris Lohmann zur Schule gegangen und wohnt seit 50 Jahren in der Nähe vom Nordmarkt, einem Platz, der einen besonders schlechten Ruf hat. Trotzdem sagt sie: „Ich wollte nie hier weg!“ Natürlich sei das Zusammenleben nicht immer einfach, aber sie hat auch ein aktuelles Gegenbeispiel. Gerade erst habe ihr ein anderer Hausbewohner aus Bulgarien Hilfe angeboten mit dem Satz: „Wenn Sie Pro­bleme haben, musst du bei uns schellen!“

Die Dortmunder Nordstadt – ein Viertel mit ganz unterschiedlichen Seiten. Viele sehen nur die, die sie sehen wollen. Wer genauer hinschaut, entdeckt einiges, was bei einem flüchtigen Blick zu kurz kommt.

Text: Andreas Wiedenhaus
Fotos: Patrick Kleibold

Schauen Sie doch mal in die aktuelle DOM-Ausgabe rein. Dort finden Sie eine Vielzahl an Berichten zur katholischen Kirche im Erzbistum Paderborn, deutschlandweit und auch weltweit. Es lohnt sich bestimmt.

0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anschauen