4 Min.
02.07.2026
Mit Regeln beschäftigt sich die neue Ausstellung im Kloster Dalheim.
Foto / Quelle: LWL

Alles geregelt: Vom Hausbau bis zum Christstollen

Noch bis zum 30. Mai 2027 ist die Sonderausstellung „Die Macht der Regeln!“ im Kloster Dalheim des LWL zu sehen.

Von Wolfgang Maas und Patrick Kleibold
Lichtenau-Dalheim

Die Ampel zeigt Rot. Da gibt es nichts zu diskutieren. Oder doch? „Lass uns trotzdem gehen! Was soll denn schon passieren?“ Frizzi Frei sieht das mit den Regeln und Vorschriften halt nicht so eng. Doch ihr Freund Konrad Correcto bleibt vorsichtig: „Sicherheit geht vor.“ Und damit zeigt sich genau das Spannungsfeld, das die neue Ausstellung im Kloster Dalheim thematisiert, denn „Die Macht der Regeln!“ ist groß. Doch wie viele Regeln und Gesetze sind eigentlich notwendig?

Frizzi und Konrad begrüßen die Besucherinnen und Besucher gleich zu Beginn des Rundgangs. Hier steht auch die Ampel, vor der sich die beiden mit künstlicher Intelligenz generierten Figuren und ihre Familien treffen. Sie tauchen während der ganzen Ausstellung immer wieder auf, regen zum Nachdenken und Mitmachen an.

Von Zehn Geboten zu 20 000 Vorschriften

Los geht’s und schnell wird klar: Unglaublich viele ganz unterschiedliche Dinge sind in den Vitrinen ausgestellt. Im Bereich Sport kann man zum Beispiel die Original-Schieds­richterpfeife von John Taylor betrachten. Taylor pfiff 1974 das legendäre WM-­Finale im Olympiastadion in München. Daneben liegen eine gelbe und eine rote Karte, die einst die Bundesligaschiedsrichterin Bibiana Steinhaus bei der Arbeit benutzte. Und so etwas Kurioses wie Basketballschuhe von Dirk Nowitzki sind zu sehen – auch, wenn man die hier bestimmt nicht erwartet hätte.

Natürlich bekommt das Rechtssystem eine eigene Abteilung. Am Anfang dieses Bereichs schaut Moses die Besucherinnen und Besucher mit einem etwas verträumten Blick an. Zehn Gebote  –  mehr brauchte er nicht, denn schließlich kamen diese direkt von Gott. Heute ist das komplizierter, weiß Museumsdirektor Dr. Ingo Grabowski. „Im Bereich Bauen gibt es 20 000 Vorschriften“, nennt er ein Beispiel. Und fügt hinzu: „Vielleicht sind nicht alle nötig.“ Diesen Satz kann man noch des Öfteren während des Rundgangs aussprechen. So etwa vor einem Bildschirm, auf dem eine Führerscheinprüfung aufleuchtet. Würde man den heute, nach Jahren oder Jahrzehnten, überhaupt noch bestehen? Zumindest die Möglichkeit, es zu versuchen, hat man im Kloster Dalheim.

Die Ordensregel des heiligen Benedikt lässt auch Ausnahmen zu.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Auch die Erziehung von Kindern nimmt einen großen Raum ein. Eine Tafel zeigt eine Regel, die sich Grundschülerinnen und -schüler aus Paderborn selbst gegeben haben. „Ich halte meinen Platz und die Klasse sauber“ ist da zu lesen – eine klare und nützliche Regel. Wie sich die Zeiten geändert haben, zeigen zwei weitere Ausstellungsstücke. Da liegt eine Ausgabe des „Struwwelpeter“ neben einem modernen Bestseller mit dem Titel „Mein Kind macht, was es will“. Und auch die Villa Kunterbunt von Pippi Langstrumpf ist zu sehen – ein Beispiel für jemanden, der Regeln neu definiert hat. Solche Beispiele gibt es noch mehrere, etwa aus dem Bereich der bildenden Kunst oder der Musik. Regeln können schließlich bewusst verändert werden, etwa um einen neuen Malstil zu schaffen, gibt der Museumsdirektor zu bedenken.

Im Keller des Klosters geht es dann um die Frage: Gibt es zu viele Regeln in Deutschland und somit zu viel Bürokratie? Am Anfang grinst der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz die Besucherinnen und Besucher von einem Foto an. In der Hand hält er den berühmten Bierdeckel, auf den eine komplette Steuererklärung passen soll. Ein Faksimile ist ausgestellt, allerdings ist nicht zu erkennen, nach wie vielen Pils die Formel niedergeschrieben wurde. Und dann kann man sein eigenes Wissen testen. Gib es ein Vokuhila-­Verbot? Ist die berühmt-­berüchtigte Kultfrisur der 1980er-­Jahre tatsächlich Gegenstand der Justiz? Und darf man ein Schwein Napoleon nennen, ohne Ärger mit der Polizei zu bekommen? Wer sich mit solchen weltbewegenden Problemen beschäftigt, hat schnell den Eindruck: Weniger Regeln können tatsächlich mehr sein.

Und immer wieder gibt es solche kuriosen Dinge wie die Basketballschuhe in Größe 54. Ein fast schon unscheinbarer schwarzer Kasten ist in einer Vitrine ausgestellt. Doch harmlos war der Gegenstand, der vor Jahrzehnten gebaut wurde, absolut nicht. „Das ist eine Höllenmaschine von Kaufhauserpresser Dagobert“, erklärt Dr. Ingo Grabowski.

Nur ein sympathischer Kauz?

Arno Funke, so der richtige Name von „Dagobert“, hielt bis 1994 mit seinen Erpressungen die Polizei in Atem. Dabei schaffte er es, sich ein Image als verschrobener, aber sympathischer Kauz aufzubauen. Der Wahrheit entspreche das nicht, weiß der Museumsdirektor und verweist auf eine ähnlich schillernde Persönlichkeit: Konrad Kujau. „Wir haben auch ein Original-Hitler­tagebuch von 1983 hier“, sagt Grabowski schmunzelnd. Auch wenn der Fälscher Kujau damals als Schlitzohr dargestellt wurde, dürfe man die kriminelle Energie des Mannes nicht unterschätzen.

Dann gibt es noch die Exponate, für die eine Trigger-­Warnung gilt. Zu sehen sind beispielsweise ein Wörterbuch nach der neuen deutschen Rechtschreibung aus den 1990er-­Jahren, Silvesterraketen und Böller sowie Hinweisschilder auf ein Tempolimit auf Autobahnen – Themen also, die polarisieren und starke Emotionen auslösen können. Ist es einfach nur eine Schikane, die Knallerei an Silvester zu verbieten? Werde ich vom Staat bevormundet, wenn ich nur 100 Stundenkilometer auf der A 1 fahren darf? Für eine mögliche Diskussion ist hier der passende Raum.

Öffentliches Zeichen von Strafe: Diese Schandsteine wiegen zusammen 30 Kilogramm.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Die Freis und Correctos tauchen bis zum Ende des Rundgangs, bei dem es auch um Benimmregeln und die korrekten Zutaten für einen Christstollen geht, immer wieder auf. Hinter den digitalen Figuren steckt folgendes Konzept: „Zeitgemäße Museumsarbeit bedeutet, Inhalte nicht nur zu zeigen, sondern emotional erfahrbar zu machen. Die Schau nutzt dafür klassische wie digitale Formate und lädt zur aktiven Auseinandersetzung ein“, begründet das die LWL-­Kulturdezernentin und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Koster Dalheim, Dr. Barbara Rüschoff-­Parzinger.

Zum Schluss des ausgeschilderten Rundgangs darf man sich sogar selbst einer der beiden Familien zuordnen. Dazu können Besucherinnen und Besucher speziell bedruckte Scheiben auf eine Seite einer Waage legen. Nimmt man Regeln ernst oder sogar sehr ernst wie die Familie Correcto oder lässt man Fünfe auch mal gerade sein wie die Freis? Wie würden Sie entscheiden? Das Ergebnis wechselt jedenfalls schnell im Laufe eines Ausstellungstages

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