Friede nicht ohne Gerechtigkeit

­Militärbischof Franz-­Josef Overbeck sowie der „pax christi“-­Präsident Peter Kohlgraf über menschliche Abgründe und den Sinn pazifistischer Positionen.

Frieden und Gerechtigkeit
veröffentlicht am 27.02.2023
Lesezeit: ungefähr 6 Minuten

Vor knapp einem Jahr überfiel Russland die Ukraine. Der Friede scheint in weiter Sicht. Der katholische ­Militärbischof Franz-­Josef Overbeck sowie der „pax christi“-­Präsident und Mainzer Bischof Peter Kohlgraf sprechen im Interview über menschliche Abgründe, den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. und den Sinn pazifistischer Positionen.

Bischof Overbeck, Bischof Kohlgraf, hat dieser von Russland mit äußerster Brutalität geführte Krieg, in dem Zivilisten gezielt beschossen und getötet werden, Ihr Menschenbild verändert?

Overbeck: „Nicht nur dieser Krieg zeigt, dass es die Realität des Bösen gibt. Ich bin bald zwölf Jahre Militärbischof, in dieser Zeit gab es schreckliche kriegerische Konflikte in Afgha­nistan, in Syrien, im Irak, aber auch in Mali sowie bürgerkriegsähnliche Zustände in manchen Ländern Lateinamerikas. Diese Vielschichtigkeit der Realität des Bösen bringt mich dazu, alles in meiner Macht stehende zu tun, um auf gerechten Frieden hinzuwirken. Das Volk der Ukrai­ne muss angesichts des brutalen russischen Überfalls die Möglichkeit haben, sich zu verteidigen. Ethisch ist das ein Dilemma, denn die Verteidigung schließt die Anwendung von Gewalt mit ein.“

Kohlgraf: „Ich bin nach fast einem Jahr Ukraine-­Krieg realistischer geworden. Wir sind heute konfrontiert mit der ganzen Macht des Bösen. Die Frage von Waffenlieferungen wird bei „pax christi“ intensiv diskutiert, da Waffen töten und wir damit Schuld auf uns laden. Ich meine: Die Ukrai­ne hat grundsätzlich das Recht zur Selbstverteidigung, auch militärisch. Wir sollten die christlichen Antworten auf brutale Gewalt und auf das Böse, aber auch auf Sünde und Schuld stärker in den Blick rücken. Die Bibel ist dabei erheblich realistischer als wir manchmal meinen. Und dennoch müssen wir die Botschaft von Frieden und Versöhnung im Bewusstsein halten.“

Sagt die Bibel etwas Grundsätzliches zu Gewalt und Krieg?

Kohlgraf: „Schon im ersten Buch des Alten Testamentes, im Buch Genesis, ist vom Brudermord von Kain an Abel die Rede. Und wenn es um die Sintflut und Noah geht, heißt es: „Der HERR sah, dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war.“ (Gen 6,5) Diese Worte beschreiben nicht nur die frühere Menschheit, sondern auch die Menschheit heute.“

Was folgt daraus für Christen?

Kohlgraf: „Wir dürfen uns die Realität nicht rosarot malen, auch als Christen nicht. Ich glaube, manchmal formulieren wir die christliche Botschaft zu harmlos, nach dem Motto: Gott hat alle lieb, Gott vergibt allen.“

Welche Botschaft sollte die Kirche stattdessen vermitteln?

Kohlgraf: „Vergebung gibt es nur in Verbindung mit Gerechtigkeit. Das Wort der deutschen Bischöfe aus dem Jahr 2000 trägt den Titel ‚Gerechter Friede‘. Das bringt zum Ausdruck, dass Friede mehr ist als Schweigen der Waffen und echter Friede nicht ohne Gerechtigkeit zu erreichen ist. Das heißt auch: Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden und müssen sich ihrer Verantwortung stellen. Aber Hass allein zerstört.“

Bischof Overbeck, Sie haben gesagt, die neue Realität werde geprägt „durch den teuflischen Versuch“ Russlands, die Stärke des Rechts durch das Recht des Stärkeren zu ersetzen. Warum sagten Sie „teuflisch“.

Overbeck: „Der Teufel ist ein altes Bild für das Böse. Ich wollte damit darauf aufmerksam machen, dass es hier nicht einfach nur um eine Methode der Gewaltanwendung geht, sondern um die Abgründigkeit dessen, wozu ein Mensch fähig ist, der das Gute nicht will.“

Bischof Kohlgraf, angesichts eines Aggressors, der offenbar keinen Frieden will, haben da pazifistische Positionen noch eine Bedeutung?

Kohlgraf: „Es wäre schlimm, wenn pazifistische Positionen überhaupt keine Bedeutung mehr hätten. Sie sind vielleicht nicht realpolitisch, aber wir brauchen auch eine Perspektive für die Zukunft, die mehr ist als Rache und Vergeltung, Bedrohung durch Waffen und Säbelrasseln. Insofern denke ich, dass auch pazifistische Positionen, so sehr sie im Moment auch belächelt oder kritisiert werden, für die Gestaltung einer ­Zukunftsordnung unverzichtbar bleiben.“

Ist die Bibel pazifistisch?

Kohlgraf: „Pazifistische Positionen finden sich auch in der Heiligen Schrift. Dabei muss man sehen: Die pazifistischen Positionen in der Bibel sind alle in Kriegszeiten entstanden, sie wurden von Menschen formuliert, die genauso im Dreck saßen wie die Menschen in der Ukrai­ne heute.“

Es gibt allerdings auch Christen, die diesen Krieg rechtfertigen. Das kreml­nahe Oberhaupt der russisch-­orthodoxen Kirche, Kyrill I., hat Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“ und Putin als wahren Christenmenschen bezeichnet.

Kohlgraf: „Ich hätte mir bis vor einem Jahr nicht vorstellen können, dass im Christentum solche Töne noch einmal hochkommen. Es erschreckt mich. Es zeigt aber auch, dass Religion nichts Harmloses ist. Die Position von Kyrill I. halte ich religiös und ethisch für zynisch. Wenn er den Tod russischer Soldaten, die als Kanonenfutter an die Front geschickt werden, als Märtyrertod verklärt, ist das pervers.“

Bischof Overbeck, warum kann Kyrill I. seine aus westlicher Sicht abwegigen Positionen so ungerührt vertreten?

Overbeck: „Freiheit ist ein Gottesgeschenk, dem wir als Christen am besten gerecht werden, wenn wir entschieden für die Würde und das Wohl eines jeden Menschen eintreten. Aber zur Freiheit gehört auch, dass sie in die Abgründigkeit von Schuld und Bösem führen kann. Das erleben wir hier unter einem religiösen Deckmantel und mit der damit verbundenen Autorität.“

Befürchten Sie eine Zunahme des Hasses auf beiden Seiten, je länger dieser Krieg dauert?

Overbeck: „Wer angegriffen wird, Aggression aushalten muss, sich selbst verteidigt, der kann auch in den Abgrund von Schuld und Sünde geraten. Wir müssen daher alles in unserer Macht Stehende tun, dass die Ukrai­ne nicht das nachahmt, was sie gerade erleidet.“

Künftige Kriege werden wohl zunehmend auch als Cyber­wars geführt. Ist die Friedens­ethik darauf vorbereitet?

Overbeck: „Die bisherige Friedens­ethik der Kirchen ist vor allem auf den Gewalteinsatz bei einer konventionellen Kriegsführung bezogen. Bei der digitalen Kriegsführung, bei Cyber­kriegen, stellt sich zum Beispiel die Frage, wer ethisch verantwortlich ist, wenn selbstlernende Algorithmen autonom entscheiden. Das sind ganz neue Fragen.“

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