Tag des pastoralen Personals – Raus aus dem Selbstmitleid

Unter dem Titel „Endlich wieder Wir – Christsein in der Gesellschaft“ lud das Erzbistum zum Tag des pastoralen Personals in das Dietrich-Keuning-­Haus in der Dortmunder Nordstadt ein.

Tag des pastoralen Personals in Dortmund. (Fotos: Patrick Kleibold)
Tag des pastoralen Personals in Dortmund. (Fotos: Patrick Kleibold)
veröffentlicht am 02.11.2022
Lesezeit: ungefähr 6 Minuten

Unter dem Titel „Endlich wieder Wir – Christsein in der Gesellschaft“ lud das Erzbistum zum Tag des pastoralen Personals in das Dietrich-Keuning-­Haus in der Dortmunder Nordstadt ein. Dabei ­diskutierten zwei Professoren über die katholische Kirche in Zeiten zahlreicher globaler Krisen.

Dortmund/Erzbistum. Einen „Tag der Stärkung“ wünschte Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck den über 300 Anwesenden zu Beginn. Angesichts der allgegenwärtigen Krise der Kirche mahnte er. „Das Schlimmste, was wir tun können, ist zu Stein zu werden, ohne Beziehung zu anderen oder der Umwelt.“ Wie diese Beziehungen aussehen können, darum ging es in Impulsen von zwei Professoren.

„Was bedeutet das Christentum in einer Welt, die zielsicher auf den Abgrund zusteuert?“, fragte die Dom-­Chefredakteurin Claudia Auffenberg, die die Veranstaltung moderierte, Prof. Dr. Jürgen Manemann und ergänzte. „Schonen Sie uns nicht.“ Und das tat der Theologe und Philosoph keinesfalls. Angesichts des Klimawandels stelle sich alleine schon die Frage, ob das Wort „Katastrophe“ die Situation überhaupt noch wiedergebe. Auch sei es falsch abzuwarten. „Wir leben bereits in der Katastrophe“, so Prof. Manemann.

Kirche selbst ignoriert die Bedrohung nicht

Die Kirche selbst ignoriere die Bedrohung nicht. Es gebe zahlreiche Papiere und Predigten, „in denen ‚Laudato si‘ zitiert wird“. Der Wissenschaftler erkannte zudem an, dass es kirchliche Aktionen und auch zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten gebe. „­christians­4­future“ sei so ein Beispiel. Allerdings habe dieses Engagement „keine Taten hervorgebracht, die der Höhe der Herausforderung gerecht werden“. Zwar könne ein Einzelner alleine nicht viel ausrichten, seine Gruppe – zumal weltweit vernetzt – dagegen schon.

Prof. Manemann forderte nichts weniger als eine „Revolution für das Leben“, bei der die katholische Kirche mitmachen müsse. Dabei verstehe er, wie der Theologe in der anschließenden Diskussion verdeutlichte, unter Revolution keinen zerstörerischen Akt, wie man ihn aus der politischen Geschichte kennt. Vielmehr sei nötig, quasi unter jeden Stein zu schauen. Was ist gut, was muss verbessert werden? Die Folge sei, dass etwas Neues entstehen werde – allerdings nicht ohne das Alte. Das verschwinde nicht komplett.

Einer solchen „Revolution für das Leben“ könne sich die In­stitution Kirche aber nur unter einer Voraussetzung anschließen. „Die Kirche muss sich in diese Welt begeben.“ Dies müsse wahrhaftig, in die Tiefe gehend geschehen. Nur einem Trend hinterherlaufen sei zu wenig.

Das führte unweigerlich zu Manemanns Analyse über den aktuellen Zustand der Kirche. Es herrsche „Selbstmitleid über den eigenen Relevanzverlust“ vor. Statt die eigenen Möglichkeiten zu nutzen, habe man sich von Gottes Schöpfung entfremdet. Es fehle ein direktes Erfahren der Natur. Aus der Sentimentalität, dem Selbstmitleid, müsse eine Sensibilität der Umwelt gegenüber werden. Leugnen habe ohnehin keinen Zweck. „Bisher ist der ­worst ­case in der Klimaforschung immer eingetreten.“

„Der Wachstumszwang verschärft die Probleme noch“

Auch die Form des Wirtschaftens sprach Prof. Manemann an. „Der Wachstumszwang verschärft die Probleme noch.“ Hier stimmte er mit dem zweiten Referenten am Tag des pastoralen Personals überein. Dr. Peter Nitschke, selbst kein Theologe sondern Professor für die Wissenschaft von der Politik, sprach sich ebenfalls für Mäßigung aus.

Zunächst räumte der Wissenschaftler ein. „Die Welt ist komplex. Das war sie schon immer.“ Die Bauern in Frankreich auf dem Lande hätten auch erst später von der Revolution in Paris erfahren. Ebenso könnte heute in Südkorea oder Ruanda etwas geschehen, was Auswirkungen auf unser Leben hat. „Vielleicht erfahren wir das aber erst in fünf Jahren.“

Die heutige Komplexität sei ein globaler Vorgang. Dieser verunsichere zahlreiche Menschen, was sogar zu Wut und Hass führen könne, da man Zusammenhänge nicht mehr verstehe. Wichtig sei es, sich klarzumachen, welche Informationsquellen man nutze. „Vielleicht interessiert mich ja auch, was ich nicht lese.“ Die Wirtschaftsseiten der Zeitung muss man nicht immer gleich weglegen.

Eine Politik „Back to the roots“

Stichwort Wirtschaft: „Ressourcen sind immer limitiert“, betonte Prof. Nitschke. Ein ungehemmter Kapitalismus, der auf immer mehr Wachstum setze und bei dem nur Oligarchen und Milliardäre gewinnen, könne bei endlichen Ressourcen nicht funktionieren. Gleichzeitig habe „der Kapitalismus mehr Menschen in Lohn und Brot gebracht als alle anderen Systeme“ – wenn auch häufig auf Kosten von ärmeren Ländern.

Allerdings gebe es auch „die, die es nicht verstehen wollen oder können“. Eine Politik „Back to the roots“, zurück zu welchen Wurzeln auch immer, führe zu Blockaden. Präsident Putin sei so jemand. Auch ­Donald Trumps „Make ­America ­great ­again“ gehöre dazu. „Demokratischer ­common ­sense muss jeden Tag neu erarbeitet werden.“

Was die Zuhörerinnen und Zuhörer, die während der Vorträge ihre Fragen online stellen konnten, vor allem interessierte, war: „Wie stellen Sie sich Kirche vor?“ Prof. Manemann tat sich schwer mit einer Antwort, fand aber dennoch einen zentralen Begriff. „Haltung ist wichtig für die Vertrauensbildung.“ Diese Haltung könne man durch Gelassenheit und die Trennung von dem, was man nicht wolle, erreichen.

Prof. Nitschke sprach sich für „eine Reform im Sinne von Verbesserung“ aus. Dabei dürfe man aber nicht zu lokal denken. „Es reicht nicht aus, das in dem kleinen Deutschland zu machen.“ Man müsse auch im Blick behalten, „was am anderen Ende der Welt passiert“.

Info zum Tag Tag des pastoralen Personals

Tag des pastoralen Personals in Dortmund. (Fotos: Patrick Kleibold)

Der Theologe und Philosoph Jürgen Manemann ist Direktor des Forschungsinstitutes für Philosophie Hannover. Das Institut wurde 1988 durch den damaligen Bischof von Hildesheim, Josef Homeyer, gegründet. Manemanns jüngstes Buch hat den Titel „Revolutionäres Christentum. Ein Plädoyer“.

Tag des pastoralen Personals in Dortmund. (Fotos: Patrick Kleibold)

Peter Nitschke ist Universitätsprofessor für Wissenschaft von der Politik an der Universität Vechta. Seine Forschungsschwerpunkte sind die politische Theorie und Ideengeschichte, Europäische Integration und Regionalisierungsprozesse sowie Politikfeld Innere Sicherheit / Globalisierung.

Wolfgang Maas

Weitere Berichte zur katholischen Kirche im Erzbistum Paderborn finden Sie im aktuellen DOM. Schauen Sie mal rein, es lohnt sich bestimmt!

Diözesanadministrator Michael Bredeck begrüßte zum Tag des pastoralen Personals neben den über 300 Teilnehmern insbesondere Prof. Dr. Rainer Hohmann, Svenja Hoffmann, Stefan Nagels, Henriette Weber, Prälat Thomas Dornseifer, Karola Mikelsons, Prof. Dr. Jürgen Manemann und Peter Nitschke (v. l.). Moderiert wurde die Veranstaltung von der Chefredakteurin des Dom, Claudia Auffenberg.

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