„Echtes Hören wandelt“ – Fragen an Michaela Labudda

Der Papst hat überraschend den weltweiten synodalen Prozess (WSP), den er selbst initiiert hatte, um ein Jahr verlängert. Was bedeutet das für ähnliche Prozesse in Deutschland und im Erzbistum Paderborn? Fragen an Michaela Labudda, die sie schriftlich beantwortet hat.

Weltweiter Synodaler Prozess
veröffentlicht am 28.10.2022
Lesezeit: ungefähr 7 Minuten

Der Papst hat überraschend den weltweiten synodalen Prozess (WSP), den er selbst initiiert hatte, um ein Jahr verlängert. Was bedeutet das für ähnliche Prozesse in Deutschland und im Erzbistum Paderborn? Fragen an Michaela Labudda, die sie schriftlich beantwortet hat.

Was bedeutet aus Ihrer Sicht die Verlängerung des WSP?

Michaela Labudda: „Die Erarbeitung so zahlreicher und differenzierter Rückmeldungen aus zahlreichen Diözesen der Welt braucht offenbar mehr Bearbeitungsenergie, als in dem einen Jahr bis zur Zusammenfassung in der Bischofs­synode möglich wäre. Die meisten Themenfelder ähneln ja denen, die wir beim Syno­dalen Weg in Deutschland besprechen. Der Umgang mit Macht und das Pro­blemfeld des Klerikalismus, der Umgang mit sexualethischen Fragestellungen und vor allem die Forderung nach der Gleichberechtigung der Frauen. Auch die Ausgestaltung des priesterlichen Dienstes ist angefragt. Aus meiner Sicht ist die Verlängerung vernünftig, vor allem mit der Begründung, man wolle sich mehr Zeit zum Hören nehmen. Gerade Partizipation geht nicht im Schnelldurchlauf, es geht um einen Gesinnungswandel. Die meisten Mitglieder der Bischofs­synode müssen dabei viele Jahre des bisherigen Einschätzens auf den Prüfstand stellen. Echtes Hören wandelt, das steckt hinter dem viel beschworenen „Geist der Unterscheidung“, der sich auf die Theorien von Igna­tius von Loyola stützt.

Die Entscheidung des Papstes ist ein Appell an die Verantwortlichen: Nehmt das mit dem Zuhören ernst!“

Im Bericht des Erzbistums zum WSP heißt es, es bestehe ein offenkundiger Bedarf an Entscheidungen. Eine erneute Blockade über mehrere Generationen sei zu vermeiden. Droht jetzt dies nicht genau?

Michaela Labudda: „Ein Jahr ist ja noch keine Generation! Wir merken bei den nun dreijährigen Erarbeitungen des Syno­dalen Weges, wie mühsam manche Prozesse verlaufen. Wenn man Einstellungsänderungen erwirken will, dann läuft dies ja nicht linear und zielgerichtet, sondern in vielfältigen Schleifen mit immer neuen Mustern, die bisher erlernt und manchmal schwer zu überwinden sind.

Die Blockade, von der unser Erzbistum spricht, beginnt ja nicht erst jetzt. Ich erwarte allenfalls Schritte, keine Sprünge. Die Situation der katholischen Kirche bedarf schon lange des Übersetzens ins Heute, der Reformstau ist immens. Ich hoffe, es werden keine Rückschritte sein, die da in Rom eingeleitet werden.

In den sozialen Medien wird oft von „Blasen“ gesprochen, in denen man sich durch die angewendeten Algorhythmen befindet. Innerhalb der eigenen Blase werden nur Nachrichten bewegt, die dem eigenen Empfinden entsprechen und zu dem passen, was bereits besprochen wurde. Irritation innerhalb einer solchen Blase ist nicht vorgesehen. Auch Bischöfe leben wie alle in solchen Blasen und der männerbündische und klerikalistische „Algorhythmus“ der katholischen Kirche ist stark, vor allem da, wo die Blasen sehr dicht besiedelt sind. Syno­dalität versucht dabei, hier durch eine Öffnung und Erweiterung des Resonanzraumes eine Durchlässigkeit herzustellen. Beim Syno­dalen Weg hatte ich manchmal den Eindruck, diese Durchlässigkeit und der Mut zur eigenen Meinung kann befreien und beflügeln. Nach der dritten Syno­dalversammlung gab es so eine Stimmung, die manche als den „Geist von Frankfurt“ bezeichnen.

Die Verlängerung des WSP birgt übrigens eine Chance im Hinblick auf die Umsetzung der Beschlüsse der deutschen Synodal­versammlung. Viele der Handlungstexte bedürfen der Weiterbehandlung in Rom, eben durch eine Bischofssynode oder gar ein Konzil. Denken Sie zum Beispiel an die Gleichberechtigungsforderungen des Grundtextes zum Frauenforum oder das noch zur zweiten Lesung vorzulegende Papier zum verpflichtenden Zölibat aus unserem Forum „Priesterliche Existenz heute“. Da gibt es jetzt durch die Verlängerung auf 2024 eine Option zu einer zeitnahen Umsetzung.“

Der Papst mahnt immer wieder die Einheit der Kirche an, sehr dringend in seiner Predigt zum Konzilsjubiläum. Was kann Einheit in der Welt von heute Ihrer Meinung nach tatsächlich bedeuten?

Michaela Labudda: „Das meist genutzte Zitat aus dieser Rede, den Teufel betreffend, der Spaltung säe, wird ja häufig den reformorientierteren Kräften als Mahnung entgegengehalten. Die identitäre Stärke der katholischen Kirche ist die „Einheit in Vielfalt“. Aber diese Vielfalt muss auch zugelassen werden. Nathalie Bequard, die Unter­sekretärin der Welt­synode, spricht von „viel Kreativität“, die aus den Rückmeldungen zur Weltkirche spricht. Und sie ergänzt den Gedanken der Einheit. „Wir sind alle als eine Kirche zusammen, aber in großer Diversität.“ Das finde ich den richtigen Ansatz. Jede Anfrage an das tradierte Lehramt wird allerdings von manch konservativen Kräften als Angriff auf diese Einheit, gar als Gefahr für das Katholische an sich gesehen. Wenn dies bedeutet, dass sich alle unhinterfragt an den Traditionen und Lehrsätzen festhalten, ohne sie stets neu zu übersetzen, kann ich Einheit nicht als Ideal sehen.

In der Rede des Papstes geht es weiter auch gegen die Polemisierungstendenz. Nehmen Sie die Ereignisse der vierten Syno­dalversammlung und diejenigen Träger der Bischofssperrminorität, die sich zuvor nicht mit den Texten auseinandergesetzt haben. Ignoranz ist ein scharfes Schwert, zumal in den Händen der Macht. Auch solche Angriffe auf die Einheit spalten. Ich glaube, die Gefahr der Spaltung ist real. Aber sie verläuft nicht zwischen bewahrenden, rückwärtsgewandten oder reform­orientierten Kräften. Sie verläuft auch zwischen den krampfhaft Starren und den geschmeidig Ignorie­renden unterschiedlicher Couleur.

Wenn wir nicht rechtzeitig gemeinsam handeln, gibt es vielleicht eine Einheit, aber auf Kosten derer, die aus der römisch-­katholischen Kirche gedrängt werden. In meinen Augen braucht unsere Zeit dringend die Impulse, die der christliche Glaube geben könnte, wenn er schwungvoll und authentisch umgesetzt wird. Wir brauchen angesichts der derzeitigen globalen Krisen viel schöpferische Kraft. Jedenfalls halte ich es mit der ZdK-­Präsidentin Irme Stetter-­Karp, die sagt, wir können uns nicht „auf den Visionen vergangener Jahrzehnte ausruhen“. Schließlich sind wir hier und heute gerufen, unsere Taufberufung, Christus in dieser Welt zu repräsentieren, umzusetzen.“

Worin genau besteht der Unterschied zwischen dem WSP, den der Papst initiiert hat, und dem Synodalen Weg, der offenbar in Rom kritisch gesehen wird?

Michaela Labudda: „Die Struktur ist eine andere und auch der Ausgangspunkt. Die angestrebten Bischofssyno­den für 2023 und 2024 werden durch den WSP flankiert, begleitet und vorbereitet. Die eigentlichen Beratungen und Abstimmungen finden dann im Bischofskreis statt. Dies bewirkt eine größere Verbindlichkeit, aber weniger Abstimmungen im Sinne der angestrebten Partizipation aller Gläubigen, von Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit ganz zu schweigen. Dass in Deutschland das Volk Gottes immerhin als Ganzes diskutiert, dabei die Bischöfe in der Mitte der Diskussion stehen und persönlich in die Verantwortung gebeten werden, löst Irritation aus, in mancher Hinsicht Verletzbarkeiten und Autoritätsängste. Jedes einzelne Mitglied der Diskussion ist in seiner Authentizität gefragt. In den Diskussionen der vierten Syno­dalversammlung ist dabei auch der Gedanke der Stellvertretung deutlich geworden. Jede/r einzelne Syno­dale steht für eine bestimmte Gruppe von Menschen und in deren Verantwortung, auch die Bischöfe.

Zum Ausgangspunkt: Der Syno­dale Weg in Deutschland soll die Strukturbedingungen verändern, die Missbrauch begünstigt haben. Mit diesem Ziel entstehen die Texte, daraus speist sich die gemeinsame Verantwortung. Dass dies auch ein geistlicher Weg ist, der einen befreiteren Zugang zur Botschaft des Evangeliums ermöglichen kann, versteht sich von selbst. Wir antworten auf eine hausgemachte Kirchenkrise. Manches bleibt dabei aber auch auf halbem Wege stehen. Ich habe Sorge, dass wir der Verantwortung den von Missbrauch Betroffenen ­gegenüber durch unsere Beschlüsse nicht gerecht werden. Zu viel wird auf eine Weiterbearbeitung verschoben und dauert zu lange.

Der synodale Prozess der Weltkirche hat einen anderen Ansatzpunkt. Ziel ist ein größeres Verständnis für und ein Ein­üben von Syno­dalität, ein Anliegen, das Papst Franziskus besonders wichtig ist, um dem tiefgreifenden Klerikalismus Einhalt zu gebieten. Dieser sei, so sagte er 2021 zu Beginn des WSP, eine „perverse Versuchung“.

Die Zaudernden und Verweigernden, die inzwischen bei uns in der Minderheit sind, sollen im Rahmen der Weltverantwortung in der Mehrheit sein. Bei dem einen Jahr Verlängerung kann es nicht bleiben. Ich fürchte, es ist noch viel Weg zu gehen, und nicht wenigen geht unterwegs die Luft aus.“

Info

Zur Vorbereitung der Bischofssynode 2023 hatte der Papst 2021 einen weltweiten Prozess gestartet. In mehreren Stufen – Diözesen, Länder, Kontinente und schließlich weltweit – sollen Gläubige beraten, was für die Kirche wichtig ist. Nun hat der Papst für Oktober 2024 eine weitere Bischofssynode angekündigt.

Michaela Labudda ist Dekanatsreferentin im Dekanat Hellweg und eine der Synodalen aus dem Erzbistum Paderborn. (Foto: Andreas Wiedenhaus)

Eine Vielzahl an Berichten und Informationen zur katholischen Kirche und ihre Entwicklung im Erzbistum Paderborn finden Sie hier.

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