„Gerade jetzt ist es wichtig“

Interview mit der Präventionsbeauftragten des Erzbistums, Miriam Merschbrock

Das Team der Koordinationsstelle Prävention (v.l.): Referentin Anne Meermeyer-Decking, Referent Stefan Beckmann und die Präventionsbeauftragte Miriam Merschbrock. Foto: Maziqhi
veröffentlicht am 18.02.2021
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Erzbistum. Wer an Kirche denkt, denkt im Augenblick oft auch an sexuellen Missbrauch. Weniger im Blick der Öffentlichkeit ist, dass seit Jahren auf verschiedenen Ebenen eine umfangreiche Präventionsarbeit geleistet wird. Auch im Erzbistum Paderborn gibt es seit 2013 im Generalvikariat einen eigenen Bereich, den zunächst Karl- Heinz Stahl leitete. Ende vergangenen Jahres übernahm Miriam Merschbrock die Aufgabe, Stahl wechselte in die passive Phase der Altersteilzeit. 

Frau Merschbrock, warum macht das Erzbistum Paderborn Prävention?

Na ja, wir erinnern uns alle an das Jahr 2010, als P. Klaus Mertes die Missbrauchsfälle im Berliner Canisius- Kolleg öffentlich und damit die Debatte dazu in der Kirche insgesamt in Gang gebracht hat. Die Bischofskonferenz hat damals sehr schnell reagiert und neben den Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen auch die Rahmen ordnung Prävention in Kraft gesetzt. Ziel der Rahmen ordnung ist es, eine „Kultur der Achtsamkeit“ und systematisch und flächendeckend Strukturen zu schaffen, die es Täterinnen und Tätern weitmöglichst erschweren, in kirchlichen Gruppierungen, Einrichtungen und Diensten sexuellen Missbrauch zu verüben. 

Das heißt, man hat dann erst erkannt, dass es solche Strukturen gibt, dass es also Täter relativ leicht hatten?

Sexualisierte Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und dieses gibt es nicht erst seit 2010. Aber seitdem richten sich die Blicke vor allem auf die katholische Kirche. Es ist lange bekannt, dass es personelle und strukturelle Ursachen für sexuelle Gewalt auch in Einrichtungen gibt. Von daher konnte man relativ schnell, auch mit Unterstützung des Runden Tisches der Bundesregierung, Empfehlungen entwickeln, aus denen dann die Rahmenordnung Prävention und letztlich unsere Präventionsordnung entstanden ist. 

Wenn diese Gewalttat und seine strukturellen Ursachen schon so lange bekannt sind, wie konnte es dann überhaupt dazu kommen und wie konnten sie so lange im Verborgenen bleiben?

Das ist ein grundsätzliches Phänomen. Häufig mangelt(e) es an der Fähigkeit, sensibel Grenzverletzungen wahrzunehmen und zu benennen. Schon in deutlich banaleren Dingen fällt es ja schwer, etwa einem Kollegen zu sagen: „Du hast da was zwischen den Zähnen.“ Hinzu kommt, dass Täterinnen und Täter sehr subtil agieren und mit sehr kleinen Grenzverletzungen anfangen. Und je weiter der sogenannte Grooming- Prozess, also das Vorbereiten eines Missbrauchs, läuft, desto schwieriger wird es, ihn zu unterbrechen. In den letzten Jahren ist die Gesellschaft sprachfähiger und sensi bler geworden, es gibt auch ein größeres Bewusstsein für individuelle Grenzen. Wenn unsere Großeltern über Erziehungsmethoden in der Schule sprechen, dann reden sie von Gewalt und Gehorsam. So werden die Kinder von heute später wohl nicht mehr reden. Jedoch kommen heutzutage viele andere Risikomomente hinzu. Hier nur der kurze Hinweis auf Gefahren der digitalen Medien, die von Täterinnen und Tätern gezielt genutzt werden, um Kontakte zu Kindern und Jugendlichen aufzubauen.

Sie haben gerade die Täterinnen und Täter angesprochen. Was sind das für Menschen?

Täter und Täterinnen nutzen immer ein vorhandenes Macht- und Abhängigkeitsverhältnis aus und befriedigen ihre (sexuellen) Bedürfnisse auf Kosten von Betroffenen. Häufig sind Betroffene Menschen, die in irgendeiner Form eine Bedürftigkeit haben, deren Selbstwert gekränkt ist oder die ein Bedürfnis nach Nähe, Kontakt und Aufmerksamkeit haben und genau da sind Täter sehr sensibel. Sie suchen gezielt den Kontakt, erfüllen Bedürfnisse und bauen eine Beziehung auf. Deswegen ist sexualisierte Gewalt oftmals eine Beziehungstat.

Das ganze Interview gibt es im Dom Nr. 7/2021

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Info 

Seit 2011 werden im Erzbistum Paderborn Fortbildungen zur Prävention sexualisierter Gewalt durchgeführt, die für alle haupt-, neben- und ehrenamtlich Tätigen, die Kontakt zu Minderjährigen haben, verpflichtend sind und regelmäßig alle fünf Jahre vertieft werden sollen. In der Zeit von 2012 bis 2019 wurden im Erzbistum Paderborn sowohl die pädagogische als auch die institutionelle Prävention konzipiert und rund 60 000 Personen geschult. 

Das Team der Koordinationsstelle Prävention im Erzbischöflichen Generalvikariat berät, unterstützt und vernetzt kirchliche Rechtsträger bei der Umsetzung der Maßnahmen, wie sie in der von Erzbischof Hans- Josef Becker im Jahr 2014 in Kraft gesetzten Präventionsordnung beschrieben sind. Diese wird momentan entsprechend der „Rahmen ordnung – Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ aktualisiert. Zu den Aufgaben gehören die konzeptionelle Weiterentwicklung der Präventionsarbeit sowie die Qualifizierung und fachliche Begleitung der Präventionsfachkräfte und der Schulungsreferentinnen und Schulungsreferenten. Weitere Schwerpunkte sind die Netzwerkarbeit mit inner- und außerkirchlichen Fachstellen sowie die Fachberatung bei der Planung und Durchführung von Präventionsprojekten. 

Kontakt: 

Miriam Merschbrock

Erzbischöfliches Generalvikariat

Domplatz 3

33098 Paderborn

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