15.01.2021

Liebe und Selbstliebe

Sorge für dich selbst, schallt es einem oft entgegen. Aber was bedeutet das? Foto: blueland/Pixabay

Wenn ich heutzutage die sozialen Netzwerke besuche, stoße ich immer wieder auf das Wort „Selfcare“. „Sorge für dich selbst!“ ist der große Appell, der mir entgegentritt. Erst einmal klingt das sehr plausibel. Aber was bedeutet das denn genau? Der Brief an die Gemeinde in Korinth gibt mir dafür einen wichtigen Anhaltspunkt.

Macht über mich

Bevor Paulus die Worte schreibt, die wir in der heutigen Lesung gehört haben, nennt er die Grundlage, mit der wir besser verstehen können, warum er diese Vorschriften nennt: „Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt – aber nichts soll Macht haben über mich.“ (1 Kor 6,12) Gott hat uns die Freiheit gegeben, aber wie gehe ich damit um? Naheliegend wäre zu denken, dass wir tun und lassen könnten, was wir wollen. So meint Paulus es sicher nicht. Um zu erklären, was er meint, wählt er das Bild des Leibes.

Er unterscheidet einmal den Leib, der der Nahrungsaufnahme dient. Dieser ist aber vergänglich und für das Jenseits irrelevant („Die Speisen sind für den Bauch da und der Bauch für die Speisen; Gott wird beide vernichten.“, 1 Kor 6,13). Die Lesung beginnt mit dem anderen Leibverständnis, bei dem man meinen könnte, Sexualität habe immer etwas mit Gott zu tun. Paulus kritisiert eindeutig die Unzucht und bezeichnet die Leiber als Glieder Christi und als „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6,19). 

Tempel des heiligen Geistes

Der Leib dient also dazu, mit Gott in Kontakt treten zu können. Aber kann Paulus dann grundlos sagen, dass die Unzucht schlecht ist? Ich überlegte und mir fiel dann eine entscheidende Sache auf. Bereits mit der Taufe wird die Orientierung auf Christus zum Grundbaustein unseres Lebens und zwar in uns als Ganzes: seelisch, geistig und leiblich. Wir Menschen möchten mit Gott in Beziehung treten. Und Gott selbst tut es auch – in der deutlichsten Weise mit seiner Menschwerdung. Jesus starb am Kreuz für uns Menschen und zwar ganz. Deshalb sollen wir uns ganz auf ihn hin orientieren (1 Kor 6,20). 

Sexualität ist für Paulus nicht nur etwas Körperliches, sondern vor allem hat es für ihn einen sehr großen Beziehungsaspekt. Das Gebot der Nächstenliebe greift Paulus auf und spezifiziert es in seinen Briefen. So ermahnt er beispielsweise in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus die Männer, dass sie ihre Frauen so lieben sollen wie ihren eigenen Leib. Denn nur „wer seine Frau liebt, liebt sich selbst“ (Eph 5,28). Paulus will daher in der heutigen Lesung darauf hinweisen, dass sich echte Liebe weder exklusiv auf den eigenen Leib noch auf eine andere Person richten kann. 

Echte Liebe

Echte Liebe ist ein wechselseitiges Schenken und beschenkt werden. Vor diesem Hintergrund scheint es nur folgerichtig, dass Paulus die Unzucht als Beziehung zu einer Prostituierten ablehnt. Diese Art der Beziehung ist eben gerade kein wechselseitiges Schenken von Liebe. Gerade die Christen und Christinnen, die bereits erkannt haben, dass Gott die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,16) und somit die „Vollform“ von Beziehung erlebt haben oder erwarten, sollen sich nicht mit weniger als echter Liebe zufriedengeben. 

Vielleicht kann gerade das ein Impuls für den Appell „Selfcare“ sein – sich auch um sich selbst zu kümmern, aber sich immer auch von Beziehungen echter Liebe tragen zu lassen.

Info

Unzucht

Unzucht ist ein sehr wertender Begriff, der nicht eindeutig definiert werden kann, sondern kulturabhängig ist. Je nach Bibelübersetzung wird der Begriff unterschiedlich oft gebraucht und es wird für verschiedene hebräische Wörter das Wort „Unzucht“ übersetzt. Meist kommt der Begriff in Themen der unerwünschten sexuellen Praktiken vor, wie zum Beispiel Prostitution oder Ehebruch. Dagegen werden Bereiche mittels der Übersetzungen nicht umfasst, obwohl sie inhaltlich traditionell unter Unzucht stehen und in der Bibel in irgendeiner Form erwähnt werden, wie zum Beispiel der Missbrauch Minderjähriger. In Lev18 und Lev20 finden sich die längsten Listen nicht erwünschter sexueller Handlungs- und Verhaltensweisen.

Zur Autorin

Charleen Horoba studiert Caritaswissenschaften und Ethik in Freiburg.

0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anschauen