Jesus hat gelacht!

Interview mit Professorin Angelika Strotmann

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Foto: twinlilli / pixelio
veröffentlicht am 22.07.2016
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Es wird gefeiert im Lande, trotz allem und nach allen Regeln der Kunst: essen, trinken, lachen. Obwohl viele Feste einen kirchlichen Ursprung haben, kann man sich einen lachenden Jesus nur schwer vorstellen. Wir sprachen darüber mit Angelika Strotmann, Professorin für Neues Testament an der Uni Paderborn.

Frau Professorin Strotmann, hat Jesus gelacht?

Ja, er hat gelacht. Das kann ich mir gar nicht anders vorstellen. Jesu Kennzeichen waren seine offenen Mahlgemeinschaften mit allen, die mit ihm und seinen Jüngern und Jüngerinnen Essen wollten: dazu gehörten gut situierte Leute, die Jesus in ihre Häuser einluden, Fromme wie einzelne Pharisäer (Lk 7,36-50; 14.1-6) und weniger Fromme wie Steuer- und Abgabeneintreiber, die wegen ihrer betrügerischen und undurchsichtigen Praktiken äußerst unbeliebt waren (vgl. z.B. Zachäus in Lk 19,1-10). Dazu gehörten aber besonders Menschen, die am Existenzminimum lebten, Hungernde, Weinende, Behinderte (Blinde, Lahme, Krüppel), geheilte Aussätzige, Männer und Frauen, Kinder … Die Jesustradition ist voll von Geschichten, die vom gemeinsamen Essen und Trinken handeln, vom Sattwerden in Fülle, Geschichten, in denen das gemeinsame Essen Symbol für das Königreich Gottes wird. Jesus ist nicht von ungefähr als Fresser und Weinsäufer abqualifiziert worden (Lk 7,34). Es erscheint mir sehr unwahrscheinlich, dass bei diesen Mählern nicht gelacht und gescherzt wurde, oder dass nur die anderen Mahlteilnehmer gelacht haben, Jesus aber keinen Mundwinkel verzogen haben soll.

Auf der anderen Seite ist Lachen nicht nur positiv, sondern drückt sehr oft auch negative Emotionen aus: Menschen lachen über andere, machen sich lustig über sie, reißen Witze auf Kosten von anderen, machen sie lächerlich und nicht selten auch sich selbst. Auch die Bibel kennt ein Lachen, das andere Menschen herabsetzt, klein macht, beschämt. Ein solches Lachen traue ich Jesus nicht zu, im Gegenteil. Lachen auf Kosten anderer hätte er sicher nicht geduldet.

Und warum schreibt die Bibel nichts darüber?

Die Evangelien interessieren sich nicht dafür, wie Jesus sich im Alltag verhalten hat, ob er getanzt oder gesungen hat, ob er schlecht oder gut geschlafen hat, ob er mal Kopfweh oder Magenbeschwerden hatte, ob er häufig angespannt oder eher locker war. Überhaupt lesen wir nur sehr wenig von Emotionen. Das entspricht der damals üblichen Darstellung einer bedeutenden Person, ihres Lebens und ihres Werkes. Diese Darstellung konzentriert sich auf das Wesentliche, das was diese Person auszeichnet und besonders macht, und ob und wenn ja, warum sie als Vorbild taugt. Die frühen Christen haben in Jesus sogar mehr als ein Vorbild gesehen. Sie zeichnen ihn als einen Menschen, in denen die Menschenfreundlichkeit Gottes Gestalt angenommen hat, in dessen Handeln und Reden das Königreich Gottes schon gegenwärtig und leibhaftig erfahrbar wurde, und der schließlich sogar den gewaltsamen Tod als Konsequenz seines Handelns auf sich nahm.

Dennoch ist ein lachender Jesus irgendwie schwer vorstellbar.

Gerade letzteres, der fürchterliche Tod Jesu am Kreuz könnte dazu beigetragen haben, dass wir Christen uns nur einen ernsten Jesus vorstellen können. Hinzu kommt in der christlichen Tradition die Deutung dieses Todes als Erlösung von den Sünden, wobei häufig weniger die Erlösung im Zentrum stand, als dass umgekehrt jeder Mensch/Christ persönlich haftbar gemacht wurde für den Tod des Gottessohnes. Und schließlich gibt es eine sehr alte, schon vorchristliche Tradition, wonach weise Menschen sich emotional nicht gehen lassen. Ihr Verhalten ist souverän und in allen, noch so schwierigen Situationen durch die Beherrschung ihrer Triebe gekennzeichnet. Wenn das schon für einen Weisen gilt, um wieviel mehr gilt das dann für den Gottessohn Jesus. Der Jesus der gemeinsamen Mähler mit den unterschiedlichsten Menschen, der als Fresser und Weinsäufer diskreditiert wurde, dieser Jesus ist darin nur noch schwer zu erkennen.

Interview: Claudia Auffenberg

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