Zu früh gefreut?

Gedanken zu Mt 21, 1-11

Foto: Rainer Sturm / pixelio

 

Die Freude des Osterfestes strahlt bereits in die Feier von Leiden und Sterben Jesu.

von Georg Kersting

„Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir!“

Beim Lesen dieser Schriftstelle kommen mir Fragen: Jesus weiß, was kommt. Er hat gesehen, er hat gewusst, dass im benachbarten Dorf eine Eselin für seinen Einzug nach Jerusalem bereitsteht. Hat er nicht geahnt, was weiter dort geschehen wird? Schon bald droht ihm Gefahr. Ist Jesus unwissend und naiv aufgebrochen?

Offensichtlich geht er dem Höhepunkt seiner Sendung entgegen. So wie Jesus diesen Weg gestaltet, ist es der Einzug des Messias in seine Heilige Stadt. Jetzt wird deutlich, wer er wirklich ist: der Friedenskönig, demütig auf einem Esel. Hat er sich getäuscht? Haben sich seine Begleiter zu früh gefreut, als sie riefen „Hosanna dem Sohn Davids“? Oder hat er wirklich gewusst, was ihn erwartet? Dann ist er volles Risiko eingegangen. Aber wenn das stimmt: Warum hat er sich darauf eingelassen und ist ihm nicht ausgewichen? Warum ist er nicht geflohen und hat sich in Sicherheit gebracht? Vielleicht will er dem Volk noch eine letzte Chance geben, wie der Gärtner im Gleichnis, der für den Feigenbaum, der keine Früchte trägt, noch einmal das Erdreich lockert, damit er vielleicht doch noch Früchte hervorbringt (Lk 13,6–9)!

Mit seinem Einzug in Jerusalem und später bei der Tempelreinigung (Mt 21,12–17), seinen Streitgesprächen mit den Hohenpriestern und Ältesten (Mt 21,23–23.39) und der Ankündigung der Zerstörung des Tempels (Mt 24,1–2) treibt Jesus die Auseinandersetzung auf die Spitze. Er will eine Entscheidung herbeiführen. Und dies geschieht. Aber anders als gewünscht: Er wird verraten, verhaftet, verurteilt, ans Kreuz geschlagen und getötet.

Haben sich die Jubelnden an Palmsonntag zu früh gefreut? Ist Jesus doch nicht der Messias, der endzeitliche Friedensbote? Doch, er ist es! Aber anders als gedacht. Sein Weg ist mit dem Palmsonntag nicht zu Ende. Durch Leid, Schmerz und Tod geht er hindurch zur Auferstehung. Aber welche Bedeutung kommt dann dem Palmsonntag zu? Vom Ende her betrachtet, nicht vom Karfreitag her, sondern aus der Perspektive von Ostern, ist der Palmsonntag kein Irrtum, keine verfrühte Freude. Vielmehr nimmt Jesus am Palmsonntag mit seinem Aufsehen erregenden Einzug in Jerusalem Ostern vorweg. Er feiert das, was kommen wird. Was aber die Umstehenden in seiner Tiefe noch nicht richtig verstehen: Jesus, der Geschlagene, der Geschundene ist gerade in seiner Einfachheit und Wehrlosigkeit ein König, der Friedenskönig.

Und wir? In Kürze begehen wir das Osterfest: den Sieg des Lebens über Leid, Gewalt, Sünde und Tod. Ist es mit dieser Freude nicht auch so wie mit dem Palmsonntag: verfrühte Freude? Ist diese Welt nicht immer noch und immer wieder voll von Gewalt, Terror, Hass und Krieg? Ja, das stimmt, das stimmt leider nur zu genau. Aber wie Jesus am Palmsonntag dürfen wir in diesen Feiern schon vorwegnehmen, was einmal ganz am Ende geschehen wird: Das Leben ist stärker, die Liebe, die Freude, die Vergebung werden siegen!

Wir wissen nicht, was uns noch bevorsteht. Vielleicht erwartet uns persönlich als Einzelne, als Gemeinde und Kirche, als Volk, Land und Welt noch einiges Schlimmes, was wir fürchten müssten. Doch in den Feiern der kommenden Tage dürfen wir schon zeichenhaft vorwegnehmen, was am Ende sein wird: der Sieg Christi, Leben und Auferstehung. Dies gebe uns Kraft für das, was uns, wenn es denn Gottes Wille ist, noch bevorstehen mag.

Der Autor Georg Kersting ist Pfarrer und Leiter des Pastoralen Raumes An Egge und Lippe.

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