Unsere Welt be-geistern

Gottes Geist im Leben der Menschen entdecken und wirken lassen, gehört zum Auftrag der Kirche.

Ich lebe und arbeite in einer Großsiedlung, in der vor 50 Jahren die ersten Wohnungen bezogen wurden. In diesen Wochen feiert die Siedlung ihr Jubiläum. Die Kirchengemeinden haben sich in all diesen Jahren sehr bewusst in das Leben dort eingebracht und es durch zahlreiche Aktionen mitgestaltet.

Foto: se.show/photocase

 

Ich lebe und arbeite in einer Großsiedlung, in der vor 50 Jahren die ersten Wohnungen bezogen wurden. In diesen Wochen feiert die Siedlung ihr Jubiläum. Die Kirchengemeinden haben sich in all diesen Jahren sehr bewusst in das Leben dort eingebracht und es durch zahlreiche Aktionen mitgestaltet. Angesichts des runden Geburtstages stellen wir uns die Frage: Was ist eigentlich unser Platz und unser Auftrag an diesem Ort, der für viele zunächst Anonymität ausstrahlt, wo es aber dennoch viele Beziehungen und Netzwerke gibt? Das Sprachengewirr in unserer Fußgängerzone ähnelt wohl dem in Jerusalem, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird: Polnisch und Russisch, Bulgarisch, Arabisch und Kurdisch, und auch Deutsch.

Am Pfingstfest wollen wir als evangelische und katholische Kirchengemeinden uns der Frage aussetzen, was unser Beitrag im Konzert der vielen Akteure im Stadtteil ist. Angeregt werden wir von den Berichten über das Pfingstgeschehen: Darin geschieht Sendung, verstärkt durch die Erfahrung, dass Gottes Geist es ist, der inspiriert und motiviert. Wir nehmen zum Beispiel wahr, dass hier Menschen seit vielen Jahren regelmäßig an einen „Runden Tisch“ laden, wo die Themen der Leute vor Ort behandelt werden. Und die Schüler einer Förderschule betreiben ein Repair-­Café und machen vieles Kaputte wieder heil. Andere kümmern sich um den Naturlehrpfad und lenken den Blick auf die gute Schöpfung Gottes. Die Kirchengemeinde lädt unter dem Motto „Iss Wat“ zum wöchentlichen Mittagstisch für alle, die keine Lust haben, allein zu essen.

Konkrete Beispiele dafür, dass es tatsächlich gelingt, Menschen zusammenzuführen, zu sensibilisieren und konstruktiv statt destruktiv zu handeln. Wir dürfen ihnen sagen: Wer so handelt, ist von Gottes Geist bewegt. Wir sind uns sehr bewusst, dass nicht wir es sind, die den Geist Gottes in die Welt hineintragen. Wir wollen aber helfen, den Gottesgeist im Leben einer Siedlung, einer Stadt oder eines Dorfes zu entdecken.

Das geht aber nicht immer so glatt. Hemmungen, Ängste, Vorbehalte und Bedenken lähmen uns an vielen Stellen. Und da sind wir wieder nah an den Jüngern Jesu, die aus Angst ihre Türen verrammelt hatten. Erst die Wunden des Gekreuzigten und sein lebendiger Atem sorgen dafür, dass sie sich neu orientieren können und sich öffnen.

Wer begeistert, der verhilft den Menschen, ihre Ziele zu entdecken, den Sinn in ihrem Leben zu sehen und im Leben mehr wahrzunehmen als die täglichen kleinen Sorgen. Wer begeistern kann, öffnet die Sinne für die Welt Gottes. Dazu leisten wir einen bescheidenen Beitrag. So können die Einzelnen ihre Berufung entdecken. Manche Konventionen und Gewohnheiten können aber die Fähigkeiten und Charismen eines Menschen verdecken. So mancher entdeckt oft erst spät, welche Kräfte und Sehnsüchte in ihm stecken und wie sehr er sich von den Quellen des Lebens entfernt hat. So bekommt die „Be-Geisterung“ auch eine sehr individuelle Note. Frauen und Männer stehen zu ihren Lebensthemen und hören sehr aufmerksam auf die Botschaft, die Gott ihnen ganz persönlich immer wieder mitteilt. Der Pfingstbericht erzählt anschaulich von der Nähe Gottes durch das Anhauchen und von der Sendung des Betroffenen. Und wenn es – auch innerhalb der Kirche selbst – oft genug Widerstände gibt: Der Geist Gottes drängt nach vorn, nach draußen, zu den Menschen.

von Reinhard Bürger

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