„Irgendwann muss man Flagge zeigen“

Der Paderborner Pfarrer Thomas Stolz bezieht Postion - mit guten Gründen

Dank für die Solidarität, die sie in Deutschland erlebt haben: Junge Teilnehmer der "Paderbunt"-Kundgebung. Foto: Flüter

 

Paderborn. Der Paderborner Pfarrer Thomas Stolz hat der Partei „Alternative für Deutschland“ die Nutzung eines Kirchengeländes für eine Kundgebung untersagt, die am vergangenen Freitag vor der Herz-Jesu-Kirche stattfand.

Nichts geht mehr rund am Westerntor, dem Verkehrsknotenpunkt in der Paderborner Innenstadt. Drei Demonstrationszüge und zwei große Kundgebungen blockieren ausgerechnet am Freitag den Feierabendverkehr. 800 Zuhörer sind zur Kundgebung der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) gekommen, nur ein paar Meter weiter sind 3 000 Menschen in zwei Demonstrationszügen durch die Innenstadt bis zu einem nahen Parkplatz gezogen, um auf Einladung der Initiative „Paderbunt“ gegen die AfD-Veranstaltung zu protestieren.

Beide Gruppen sind nur einen Steinwurf voneinander entfernt, wäre da nicht die Herz-Jesu-Kirche zwischen ihnen. Der Hausherr der Kirche ist an diesem Abend auch vertreten. Pfarrer Thomas Stolz, Leiter des Paderborner Pastoralverbundes „Paderborn Nord-Ost-West“ steht neben der „Paderbunt“-Bühne und schaut ein wenig skeptisch auf das bunte Durcheinander vor ihm: Fahnen, Sprüche, Trillerpfeifen.

„Das hier ist eigentlich nicht mein Ding“, sagt der Pfarrer, „aber irgendwann muss man Flagge zeigen.“ Kurz darauf steigt er auf die Bühne, um die Gegendemonstranten zu begrüßen. Die empfangen ihn mit viel Beifall. In den Tagen zuvor war bekannt geworden, dass Thomas Stolz der AfD verboten hat, das kirchliche Grundstück vorm Portal der Herz-Jesu-Kirche zu betreten. Das ist immerhin eine Fläche, die zehn Meter in den Platz hineinreicht.

„Ich möchte nicht viele Worte machen“, sagt Thomas Stolz in das Mikrofon und blickt auf das Publikum. Direkt vor der Bühne schwenkt die Kolpinggruppe aus seinem Pastoralverbund ihre Fahne, an einer anderen Stelle steht die KAB. „Ich möchte an alle appellieren, egal welche Anschauung oder Weltsicht sie vertreten, den Frieden und die Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft und in unserer Stadt zu wahren.“

In Tonfall und Formulierung unterscheidet sich der Pfarrer von den anderen Rednern vor ihm und nach ihm, die wesentlich kämpferischer und provokanter auftreten.

Thomas Stolz setzt auf Verständigung, nicht auf Abgrenzung, auch nicht der Bürger, die zur AfD gehen. Wer für Gewaltlosigkeit, Solidarität mit den Armen und Versöhnung eintrete, müsse alle Menschen „mitnehmen“ und auch mit „denen sprechen, die in Angst und Sorge sind, die sich überfordert sehen“, betont er. Diese versöhnlichen Worte passen nicht so richtig zur aufgeheizten Stimmung auf dem Platz, dennoch ist der Applaus herzlich.

Auch wenn er verbindlich im Ton ist, in der Sache bleibt Thomas Stolz klar. Die AfD sei eine legale politische Partei, betont er, aber wie die Vertreter der „Alternative für Deutschland“auftreten, passt ihm nicht. Die AfD hetze gegen andere und verteufele fremde Menschen, sagt er: „Da sträubt sich alles in mir, das widerspricht meinem Bild vom vernünftigen Umgang der Menschen miteinander.“

Thomas Stolz hat erlebt, wohin es führen kann, wenn Menschen einander nicht respektieren. Von 2001 bis 2007 wurde er immer wieder als Militärpfarrer in Afghanistan eingesetzt – als Begleiter der Spezialeinheit KSK, die im Süden des Landes zusammen mit den Amerikanern gefährliche Einsätze durchführte.

Der Pfarrer hat schwer verwundete und verstümmelte Soldaten betreut. Er hat gesehen, unter welchen miserablen Bedingungen die afghanische Zivilbevölkerung leben muss: Verkrüppelte Kinder, Menschen, die aus Angst seit Jahren kaum noch schlafen. „Ich kann jeden verstehen, der versucht, aus diesem Land hinauszukommen“, sagt er.

Diese Erfahrungen haben ihn geprägt. Deshalb haben seine Sätze auf der „Paderbunt“-Kundgebung so großes Gewicht: „Jesus Christus verstand unter der größten Gerechtigkeit ein solidarisches Handeln, das sich in der Feindesliebe erfüllt.“

Zur selben Zeit beweisen die Sprecher der AfD-Kundgebung, dass ihnen genau an diesen Werten wenig liegt. Mit heiserer, hasserfüllter Stimme fordert der Redner: „Abschieben!“, „Grenzen zu“, „Widerstand“ oder die Abschaffung der „Lügenpresse“. Ein harter Block junger Zuhörer johlt lautstark und skandiert immer wieder „Merkel muss weg“. Gegendemonstranten auf der Straße gegenüber wird eine Schlägerei angeboten. Es ist eine merkwürdige, zwischen Trotz und Wut pendelnde Stimmung.

Wie zur Beruhigung hängt an der Fassade der Herz-Jesu-Kirche direkt hinter der Rednertribüne ein großes Transparent mit einem Zitat aus der Bibel. „Paderbunt“ hat es mit Erlaubnis des Pastoralverbundes dort angebracht. Die AfD-Anhänger, die sich immer rühmen, das „christliche Abendland“ schützen zu wollen, werden da mit den Worten aus dem Buch Mose ermahnt: „Der Fremde soll Euch wie ein Einheimischer gelten.“

Karl-Martin Flüter

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