Zwiebeln sind erstmals Spitzenreiter im Gemüseanbau
Superknolle werden auch gesundheitliche Wirkungen zugeschrieben.
Sie ist ein unscheinbares Allerweltsgemüse – und doch eine Superknolle. In fast allen Mahlzeiten, die in Deutschland zubereitet werden, finden sich Zwiebeln als Geschmacksträger. Kein Wunder, dass Speisezwiebeln nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom Donnerstag im Jahr 2025 erstmals seit 1990 die Gemüseart mit der größten Erntemenge in Deutschland waren – noch vor Möhren oder Karotten.
Nach Angaben der Statistiker wurden 903.300 Tonnen der Speiseknolle geerntet – 21,4 Prozent mehr als 2024. Auch bei der Anbaufläche ist die Zwiebel Spitzenreiter: Sie kam 2025 auf 19.770 Hektar im Freiland. Vor allem die Niedersachsen setzten auf den Anbau der Knolle. Es folgen Bayern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verzehr von mehr als zehn Kilogramm liegen Speisezwiebeln nach Angaben des Thünen-Instituts dem Verbrauch nach auf Rang drei beim Gemüse – hinter Möhren und Tomaten.
Beißende Schärfe
Zwiebeln haben auch Eingang in den deutschen Sprachschatz und in Redewendungen gefunden: „Das Leben ist wie eine Zwiebel: Man schält sie Schicht für Schicht, und manchmal weint man“, heißt es beispielsweise. Ihre beißende Schärfe führt zum umgangssprachlichen Ausdruck, dass man jemanden zwiebelt – also schikaniert und quält.
Glaubt man Zwiebelexperten, so zählt die Knolle zu den ältesten Gemüsen der Menschheit. Bereits vor 4.000 Jahren wurde sie in den Steppen Zentral- und Westasiens angebaut und eroberte sich von dort als Gemüse, Gewürz- und Heilkraut ein weltweites Anbaugebiet.
Im Alten Ägypten verzehrten die Bauarbeiter der großen Grabanlagen das bis zu 50 Prozent Zucker enthaltende Gemüse in großer Menge, schreibt der Fachverband Deutsche Speisezwiebel. Zugleich halfen die antiseptischen Wirkstoffe der Zwiebel, Infektionen unter den Arbeitern einzudämmen. Beigabenreste im Grab Tutanchamuns zeugen davon, dass man den Toten für die Reise ins Jenseits Zwiebeln als „Wegzehrung“ mitgab.
Obwohl die Zwiebel auch in Palästina/Israel ein beliebtes Gemüse war, wie die rabbinischen Schriften belegen, erwähnt die Bibel sie nur an einer Stelle – im 4. Buch Mose: Auf der Wanderung in der Wüste begehrten die Israeliten gegen die eintönige Mannaspeise auf und sehnten sich nach den würzigen Gerichten Ägyptens zurück: „Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst zu essen bekamen, an die Gurken und Melonen, an den Lauch, an die Zwiebeln und an den Knoblauch. Doch jetzt vertrocknet uns die Kehle, nichts bekommen wir zu sehen als immer nur Manna.“
Griechen und Römer pflanzten die Zwiebeln in besonderen Abteilungen des Gemüsegartens an und erreichten durch gezielte Auslese leistungsfähige Sorten. Erwähnung findet die Zwiebel in den Werken griechischer und römischer Schriftsteller, etwa bei Homer, Herodot und Theophrast sowie Plinius und Juvenal. Mit den römischen Soldaten überquerte die Zwiebel auch die Alpen.
In Mitteleuropa fand die Küchenzwiebel allerdings erst im Mittelalter größere Verbreitung. Ihr Anbau ist beispielsweise in den Pflanzenlisten Karls des Großen und im berühmten Kräutergarten-Plan des Klosters St. Gallen verzeichnet. Mit dem Auftreten der Pest im 14. Jahrhundert wurde die Zwiebel wegen ihrer desinfizierenden Wirkungen in der Medizin genutzt.
Zur Wollust und als Arzney
Beschreibungen und Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert zeigen nach Angaben der Zwiebelproduzenten, dass die Knolle hochgeschätzt war und dass es bereits eine Vielzahl von Zwiebeltypen gab. Im Kräuterbuch des Botanikers Hieronymus Bock (1497/98-1554) ist den Zwiebeln eine ausführliche Abhandlung gewidmet; ihre Vielseitigkeit wird gerühmt. „Niemand will der Zwiebel entraten“, schreibt Bock. „Etliche brauchen sie zur Wollust, die anderen zur Arzney.“ Gepflanzt wurden Zwiebeln früher am 21. März, am Tag des heiligen Benedikt. Dabei mussten die Worte gesprochen werden: „Benedikt, mach die Zwiebeln dick.“
Auch heutzutage wird die Zwiebel, die 2015 zur Heilpflanze des Jahres gekürt wurde, als Hausmittel bei gesundheitlichen Problemen eingesetzt: etwa bei Insektenstichen, Erkältungen, Fieber oder Ohrenschmerzen. Sie gelten als entzündungshemmend, antibakteriell und antiallergisch. Auch soll der regelmäßige Verzehr zur Senkung des Blutdrucks beitragen.
KNA