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06.04.2026
Helmut Seitle an seinem Grab auf dem Friedhof in Karlshuld.
Foto / Quelle: Christopher Beschnitt/KNA

Zweitwohnsitz Friedhof

Warum ein Mann seit einem Vierteljahrhundert sein eigenes Grab pflegt.

Karlshuld

Beinahe hätte er sein Grab schon als Baby gebraucht. „Der Arzt hatte mich aufgegeben“, sagt Helmut Seitle. „Zu schwach.“ Doch die Oma habe das nicht hingenommen. „Sie hat mir Kuhmilch verdünnt.“ Heute ist Helmut Seitle 80 Jahre alt. Und pflegt seit einem Vierteljahrhundert seine eigene Begräbnisstätte bei sich daheim auf dem Friedhof im oberbayerischen Karlshuld.

Nichts deutet darauf hin, dass Seitle bald dort „einziehen“ könnte. Er nimmt behände die Treppe hoch zu seiner Wohnung im ersten Stock, drinnen liegt ein vor Terminen überquellender Kalender auf dem Tisch. Seitle ist gefragter Musiker, seit Jahrzehnten spielt er in verschiedenen Bands. Als „singender Schlagzeuger“ ist er in seiner Heimat eine Bühnengröße, Auftritte führten ihn bis nach Malaysia, Los Angeles und ins ZDF. Bekannt wurde er mit den „Blauen Jungs“, heute spielt er etwa mit den „Weißwurschtis“.

Bei diesem Namen muss Helmut Seitle schmunzeln. Überhaupt lächelt und lacht er viel beim Erzählen und klopft dem Zuhörer bei Scherzen gern mal auf die Schulter. Ein Mann von Lebensfreude also, ein Mann, der zupackt. Der längst nicht so scheint, als gäbe er bald die Löffel ab, schon gar nicht die Drumsticks, die Trommelstöcke fürs Schlagzeug. Warum hat so jemand seit Jahrzehnten schon ein Grab für sich parat?

Zwei Scheidungen

„Ich hab im Leben alles doppelt gemacht“, holt Seitle aus. Zwei Berufe ausgeübt; erst Metzger, dann Versicherungskaufmann. Zwei Häuser gebaut. Zwei Söhne bekommen. Zwei Hochzeiten gehabt und auch zwei Scheidungen. Danach dachte er: „Jetzt leb ich allein. Es sollte alles geregelt sein.“ Alles heißt in dem Fall: das eigene Grab. Auch da gilt: Doppelt hält besser.

Die erste Liegestätte sei ihm zu weit vom Familiengrab entfernt gewesen, erzählt Seitle. Dann habe er eine andere bekommen können, dichter an Eltern, Großeltern und dem als Kind gestorbenen Geschwisterchen. Diese Stätte übernehme einmal sein großer Bruder, die sei also voll, sagt Seitle nun auf dem Friedhof. Daher habe er für sich und seine Söhne ein eigenes Grab in der Nähe erworben.

Es ist von schlichter Eleganz und pflegeleicht: Den Boden bedecken Kiesel, da muss Helmut Seitle nur ab und zu ein paar hingewehte Blätter und Zweige aufheben. Auf einem schwarzen Stein steht in Goldbuchstaben sein Name, daneben prangt ein Bild des Seniors und zudem ein Kreuz samt Rose und Inschrift IHS, der griechischen Abkürzung für Jesus. Seitle ist Katholik. Er betet oft und gern das Vaterunser. „Aus Dank und auch für andere.“ Jesus nennt er den „Freund, der auf mich aufpasst“.

Das ist in der Tat schon nötig gewesen – natürlich zweifach: Einmal hat Seitle einen Herzinfarkt überlebt, einmal einen Schlaganfall. Ausgerechnet er, der Schlagzeuger. Ob das Instrument nicht auch auf dem Grabstein verewigt werden sollte, hätten Freunde ihn gefragt, erzählt Seitle. „Naa – wir tun net übertreiben!“

Macht’s ihm denn gar nichts aus, zu Lebzeiten schon ständig zu sehen, wo er einst für immer liegen wird? „Naa.“ Manche Leute hätten aber schon gefragt: „Ja, spinnst denn du?“ Und eine Bekannte habe sein Bild auf dem Stein gesehen und dann gesagt: „Du, Helmut, ich bin erschrocken!“

Konzert mit den Engeln

Wie schaut’s eigentlich mit dem Geld aus? So ein Grab kostet ja. „Aber weniger als das Fitnessstudio“, wehrt Seitle ab. Das besucht er regelmäßig. „Eine Stunde Geräte, dann Sauna und Duschen – ich komm heim wie runderneuert!“

Dennoch: Im Mai wird Helmut Seitle 81. Ob das Grab noch einmal 25 Jahre warten wird? Wann der Schlussakkord erklingt, das weiß der Musiker auf der Bühne mit Gewissheit. Nicht so im Leben. Selbiges jedenfalls will Seitle längst noch nicht aufgeben: „Ich hab eine Bekannte, die ist 102!“ Der Friedhof bleibt erst mal ungenutzter Zweitwohnsitz.

Und ohnehin: Der letzte Soundcheck auf Erden wird kommen, klar – aber für ihn als Christen wartet dann ja sozusagen der Backstagebereich des Lebens. „‚Der spielt im Himmel noch‘, sagen meine Freunde“, erzählt Seitle. „Ja, dann spiel ich mit den Engeln. Die sollen auch ihre Freud haben!“

KNA

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