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04.04.2026
Meditationslehrer Mirco Schanz beim Eisbaden in der Isar in München.
Foto / Quelle: Florian Beier/Marek & Beier Fotografen/KNA

Wie Eisbaden Mensch und Natur verbindet

Mirco Schanz taucht gern in eiskaltes Wasser und begleitet Gruppen zum Eisbaden ins kühle Nass. Was macht das Erlebnis so anziehend?

München

Das Wasser ist eiskalt, aber die Handoberflächen glühen rot vor Wärme. Mirco Schanz steht in der Badehose in leichter Hocke am Ufer der Isar. Er streckt die Arme weit in die Höhe, um sie anschließend locker an der Seite herabfallen zu lassen. „Meine Hände beginnen jetzt zu kribbeln, als würden Ameisen über die Haut krabbeln“, sagt er. Durch die Position werden auch die Oberschenkel stark durchblutet. Gleich geht es los – ab zum Eisbaden.

„Als Kind war ich immer sehr kälteempfindlich“, erzählt der 47-Jährige, während er aus seinem Jutebeutel ein Thermometer herausholt; das Gerät erinnert ein wenig an jene Messgeräte, mit denen man die Kerntemperatur eines Bratens prüft. „2019 habe ich das jedoch als Anlass genommen und mir auf einem Festival in Berlin gesagt: Ich probier‘ das mal aus und überwinde meinen inneren Schweinehund.“

Badehose, Mütze und Handschuhe

Die Anzeige, die Mirco in die Isar hält, zeigt 4,9 Grad. „Unter fünf Grad zählt der Gang ins Wasser offiziell als Eisbaden“, erklärt der Eisbadecoach und Meditationslehrer. Inzwischen hat er bis auf die Badehose, ein paar Handschuhe und eine Mütze alle Kleidungsstücke auf der Uferwiese abgelegt. Da der Körper über den Kopf die meiste Wärme verliert, ist es wichtig, diesen mit einer zusätzlichen Schicht warmzuhalten. Auch die Hände müssen vor der Kälte geschützt werden.

„Eisbaden bietet sowohl für den Körper als auch auf mentaler Ebene große Vorteile“, berichtet Mirco. „Es holt dich zurück in den Moment. Alles andere wird durch den Kälteschock ausgeschaltet – das Grübeln oder übermäßige Nachdenken stoppt sofort.“

Bevor Mirco seinen ersten Fuß ins Wasser setzt, hält er kurz inne: „Man spürt die Kälte besonders in den ersten zwanzig Sekunden. Diese Zeit zu überstehen, erfordert echte Überwindung. Deshalb stelle ich mir vorher genau vor, wieso ich mich dieser Kälte aussetze.“

Mirco Schanz schätzt das Eisbaden als Naturerfahrung.
Foto / Quelle: Florian Beier/Marek & Beier Fotografen/KNA

Mirco nennt das Visualisierung. Das Ziel kann etwa der Abbau von Alltagsstress sein oder das Gefühl, nach dem Bad stolz auf sich zu sein, weil man etwas Neues ausprobiert oder sich erneut überwunden hat. „Wenn es im Wasser anstrengend wird, rufe ich mir dieses Bild wieder vor Augen.“

Dann geht es die Stufen hinunter. Die Strömung ist stark, da es in den letzten Tagen viel geregnet hat. An den Beinen fühlt sich das Wasser aber noch gar nicht so kalt an, sagt Mirco. Er dreht dem Fluss den Rücken zu, sinkt mit dem Oberkörper in die Tiefe und verschränkt die Arme im Nacken.

„Auch ich muss mich jedes Mal aufs Neue überwinden“, gibt er zu. „Dabei nutze ich das Bild einer Mauer: Der erste Schritt ist die erste Mauer. Das Hineingehen die zweite. Die dritte Mauer ist das Hinsetzen und die aufkommende Schnappatmung. Und die vierte Mauer bedeutet schließlich: sitzen bleiben.“ Mirco sitzt nun tief im Wasser und atmet kontrolliert ein und aus. Er lehnt sich gegen die Strömung und behält das Treibgut im Auge. Während er ruhig weiteratmet, fliegen zwei Schneegänse über ihn hinweg.

Tiefe Naturerfahrung

München zeigt sich nach dem langen Winter an diesem Tag sonnig; an der Promenade flanieren Familien, Jogger ziehen an den Bäumen vorbei. Für Mirco ist das Eisbaden auch eine tiefe Naturerfahrung, die ihn wieder mit seiner Umgebung verbindet. Nach zwei Minuten steht er langsam auf. Seine Haut an Beinen und Oberkörper ist leuchtend rot. Im Storchengang stakst er zurück an Land und wirft sich sofort einen Stoffponcho über: „Geschafft!“

Bevor er sich wieder anzieht, geht er in die Knie und hebt die Arme wie beim Yoga-Sonnengruß. Es sei wichtig, den Körper nach der Kälteerfahrung mit statischen Übungen aufzuwärmen, da die obersten Hautschichten stark abgekühlt sind. Anfängern empfiehlt er, nicht länger als zwei Minuten im Wasser zu bleiben.

Besonders zu Beginn sollte man niemals allein, sondern mit einem erfahrenen Trainer in das eiskalte Nass gehen, betont er. Auch Kinder können laut Mirco eisbaden – natürlich nur unter Aufsicht. In Skandinavien oder Russland werde die Kälte oft bewusst genutzt, um die natürliche Thermoregulation der Kinder zu trainieren. Dort sei es auch nicht ungewöhnlich, Eltern mit Kinderwagen bei hohen Minustemperaturen an der frischen Luft zu sehen.

Inzwischen ist Mirco wieder angezogen und hat die Teekanne gezückt. Er sitzt am Ufer, wärmt sich auf und lässt das Erlebnis nachwirken. „Wann spürt man schon noch so eine Nähe zur Kraft der Natur?“

KNA

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