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29.01.2026
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Wie ein zweiter Geburtstag

Als der Unternehmer Maik Menke Hilfsgüter in die Ukraine brachte, erlebte er schwere Drohnenangriffe. In Lwiw, wo er sich gerade befand, fürchtete er um sein Leben. Seine Hilfsaktionen will er dennoch nicht aufgeben.

Von Patrick Kleibold und Wolfgang Maas

„Das ist wie ein zweiter Geburtstag für mich.“ Maik Menke hält sein Handy hoch, zeigt ein Video. Man hört Schüsse, nicht vereinzelt, sondern lange Salven – immer und immer wieder. Dann sind matte Lichter am Himmel zu erkennen. „Die Drohnen tanzten über uns“, sagt Menke. Der Paderborner – groß, breite Schultern, einer, der anpackt – ist den Tränen nahe.

Es ist die Nacht vom 5. auf den 6. Oktober 2025 – für Menke „die schlimmste meines Lebens“. Der 41-Jährige erlebte in Lwiw in der Ukraine die intensivsten russischen Angriffe auf die Stadt. Ein Aufschrei ging damals durch die Medien und die Öffentlichkeit, auch hier in Deutschland. Allein knapp 500 Drohnen waren in nur fünfeinhalb Stunden im Einsatz.

Menke war zuvor in Kiew, wollte dann nach Lwiw weiterfahren und zurück nach Paderborn. Kiew erschien ihm als zu unsicher – eine Fehleinschätzung. Denn in Lwiw erlebte er die Hölle. „Der Schutzraum war irgendwann überfüllt, nur noch Frauen, Kinder und Babys drängten sich hinein. Bei jeder Detonation schrien viele vor Angst. Ich half, so viele Kinder und Frauen wie möglich während kurzer Kampfruhen – oft nur fünf Minuten – in Sicherheit zu bringen. Als kein Platz mehr im Schutzraum war, legte ich mich schließlich im Treppenhaus nieder, und als auch dort kein Raum mehr blieb, suchte ich neben einem Lichtschacht auf dem Bürgersteig Schutz, in der Hoffnung, dass er mich wenigstens etwas vor den Einschlägen bewahrte“, erzählt Menke, der eigentlich in die Ukraine gereist war, um Hilfsgüter zu liefern.

„Ich gebe jedem mit: Uns geht es hier doch gut. “

Dort, im Lichtschacht, harrt der Paderborner aus. Im Laufe der Nacht wird ein Gedanke immer lauter: „Was ist, wenn ich das hier nicht überlebe?“ Menke beginnt, seine Gedanken auszusprechen und ins Telefon zu diktieren. „Wenn das Handy jemand findet, kann ich letzte Worte an meine Kinder richten. Ich hatte keine Wahl, konnte nur warten und hoffen, dass die Drohnen mich nicht bombardieren.“

Das Engagement für die Ukraine begann, als Menke und sein Team nach der Überschwemmungskatastrophe im Ahrtal ehrenamtlich arbeiteten. Dort gab es palettenweise medizinische Produkte. „Mir war sofort klar: Das gehört nicht hierhin. Das gehört in Kriegsgebiete.“ Im Ahrtal dagegen waren Baumaterialien wichtig. Als Russland dann die Ukraine überfiel, wurden diese Produkte gebraucht. Menke, der sich auch für den Wärmebus in Paderborn engagiert, wurde aktiv, gewann Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Diese zupackende und mitreißende Art gefällt allerdings nicht jedem. „Es gibt Anfeindungen: ‚Warum hilfst du in der Ukraine und nicht hier?‘“ Der Firmenchef kennt solche Sprüche, die auch schon öffentlich ausgesprochen wurden. Dennoch bleibt er seiner Linie treu, auch wenn der Mensch Maik Menke – das gibt er selbst zu – dabei oft zu kurz komme.

Ob Menke noch einmal in die Ukraine fahren will? Der Paderborner ringt mit sich. Da ist das Pflichtbewusstsein den ukrainischen Partnern und den Menschen gegenüber, aber auch die Angst. „Wenn ich heute enge Räume sehe, dann schwitzen meine Finger.“ Und auch so etwas Alltägliches wie ein Schwarm Vögel ist ein Auslöser für Angstgefühle. Denn in Lwiw wurden sie durch die Angriffe aufgescheucht. „Wenn ich viele Vögel auf einmal sehe, bin ich sofort wieder da drin.“ Natürlich sei es auf der anderen Seite bereits 18 Mal gut gegangen. „Wenn ich das noch mal mache, fahre ich hin und am selben Tag wieder zurück“, sagt Menke heute.

Wann er sich wieder auf den Weg macht, könne er noch nicht sagen. Schließlich lebte seine Familie in Ostwestfalen und auch seine Firmengruppe müsse laufen. Deshalb nutzt Menke Feier- und Brückentage. Die könne man im Unternehmen, das sich mit Abwassertechnik und Notfällen beschäftigt, kompensieren.

Was für ihn aber feststeht: Die Menschen brauchen vor allem im Gesundheitsbereich weiterhin Unterstützung. „Die Versorgung von Kranken war bereits vor dem Krieg schlecht.“ So mussten Eltern stundenlange Fahrten in Kauf nehmen, um mit kranken Säuglingen in ein Krankenhaus zu fahren. „Deshalb haben wir einen komplett ausgestatteten Notfallwagen gespendet.“ Menke sieht es als seine Pflicht an, regelmäßig vor Ort zu überprüfen, ob das Fahrzeug noch läuft. Das sei er den Spenderinnen und Spendern schuldig.

„Warum lässt Gott dieses Leid zu?“

Auch Dialysegeräte oder Einwegspritzen haben die Konvois ins Land gebracht. Die Einfuhr werde aber komplizierter, sagt Menke: „Da kann es sein, dass man an der Grenze fünf Stunden wartet, obwohl nur drei Autos vor einem stehen.“ Ausgiebige Kontrollen, bei denen etwa Schmuggelware gesucht wird, erschweren die Planung. „Mal eben noch etwas mitnehmen funktioniert auch nicht“, betont Menke. Alles müsse im Voraus genau angegeben werden, was manche Spenderinnen und Spender nicht verstehen.

Auch seine Sicht auf die Heimat hat sich verändert. Klar, in Deutschland laufe nicht alles perfekt, Kritik sei häufig angebracht. „Ich gebe jedem, den ich treffe, mit: Uns geht es hier doch gut. Wir müssen nicht mit der Bedrohung von Krieg und Terror ins Bett gehen und wieder wach werden.“ Vor dem Hintergrund der Erlebnisse im Krieg, der nur 13 Autostunden entfernt tobt, kann Menke die Kleinkariertheit mancher Landsleute nicht mehr nachvollziehen. „Wir unterhalten uns hier darüber, ob jemand bei Gelb fährt oder der Handwerker einen Fleck hinterlassen hat.“ Viel besser sei es doch, andere freundlich zu grüßen oder Hilfe anzubieten. Das schätze er so an den Ukrainerinnen und Ukrainern. „Die Menschen dort sind leidensfähig, fleißig und sehr christlich.“ Das erkenne man unter anderem daran, wie sauber und gepflegt die Kapellen seien.

Für Menke sind sie – im ganzen Land verteilt – wichtige Ankerpunkte. „Ich halte dort für fünf Minuten an. Das sind fünf Minuten für mich.“ Auch an Gottesdiensten nahm er teil, er setzte sich einfach dazu. Gerade nach der Horrornacht Anfang Oktober habe ihm das Gebet Kraft gegeben. Das seien die Momente, sagt der gläubige Katholik, in denen er die Nähe Gottes ganz direkt spüre. Dennoch bleibe die Frage: „Warum lässt Gott dieses Leid zu?“

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