5 Min.
07.01.2026
Die Ausstellung in Wiedenbrück präsentiert Ausstattungsstücke in neuer Umgebung.
Foto / Quelle: Andreas Wiedenhaus

„Was weg ist, kommt nicht wieder“

Gebetsmühlenartig wird im Zusammenhang mit dem Immobilienprozess immer wieder betont: Weniger Gläubige brauchen weniger Gebäude. Doch wie kann man die Erinnerung bewahren? Einige Beispiele aus dem Erzbistum.

Von Wolfgang Maas und Andreas Wiedenhaus
Dortmund/Rheda-Wiedenbrück

„Ach, ­hätten wir doch damals noch Fotos von der alten Kirche gemacht …“ Brigitte und Rolf-­Jürgen Spieker fürchten, dass solche Sätze in Zukunft öfter fallen. Kirchen werden profaniert, vielleicht sogar abgerissen – und dann? „Was weg ist, ist weg und kommt nie wieder“, betont Brigitte Spieker. Deshalb hat die Dortmunder Autorin gemeinsam mit ihrem Mann angefangen, hochwertige Broschüren über profanierte Kirchen zu veröffentlichen.

Dabei können beide von ihrer bisherigen Arbeit profitieren. Zahlreiche Gebäude, Kirchenfenster und Kunstwerke haben beide bereits dokumentiert. Jetzt beschäftigen sie sich gezielt mit den Gotteshäusern, die abgestoßen werden.

Broschüren dokumentieren profanierte Dortmunder Kirchen

„Gegen das Vergessen – Gefährdete Dortmunder Kirchen“ haben die Spiekers ihre Reihe genannt. Der Aufbau ist immer der gleiche. Es gibt ein Vorwort, eine ausführliche Beschreibung mit zahlreichen Fotos sowie eine Übersicht über Kunstgegenstände und sonstige Ausstattung. „Wir wollen so viel wie möglich zeigen“, so Brigitte Spieker – auch wenn das Verschwinden der Kirchen ihr nahegeht.

Das Ehepaar steht in Kontakt mit den Pfarrern. Wenn sie – wie etwa Ansgar Schocke in der Nordstadt – das Projekt unterstützen, werden die Broschüren gedruckt und über die Pfarreien auch verkauft. Derzeit bereiten sie Hefte über Kirchen in Hörde vor. Wer Interesse an einem der Hefte hat, kann sich an den entsprechenden Pfarrer wenden.

Im Pastoralen Raum Dortmund-Ost sind die Planungen bereits konkret, auch in Sachen Erinnerungskultur. Pfarrer Ludger Keite bringt es auf den Punkt: „Es ist ein Schritt, der Wehmut, aber auch Zuversicht mit sich bringt. Wir schaffen zeitgemäße Beiträge, die uns weiterhin verbinden und unser Gemeindeleben stärken werden.“ Das bedeute aber dennoch, dass Gebäude aufgegeben werden und eine Erinnerungskultur geschaffen werden muss.

Mit diesen Heften erinnern Brigitte und Rolf-Jürgen Spieker an Kirchen, die profaniert werden.
Foto / Quelle: Wolfgang Maas

Beispiel St. Konrad am Wickeder Hellweg. „Eine Machbarkeitsstudie soll prüfen, ob auf dem Gelände ein Alten- und Pflegeheim entstehen kann“, schreibt der Pastorale Raum nach intensiven Beratungen. Die Idee dahinter sei, dass ein möglicher Neubau „den Namen St. Konrad behält“, betont Pfarrer Keite. Zudem solle ein Andachtsraum mit Gegenständen aus der alten Kirche eingerichtet werden. So wolle man zeigen: Es geht weiter – nur eben mit anderen Ideen.

In Arnsberg-­Neheim gab es bereits im Jahr 2022 die Umwidmung der evangelischen Pauluskirche, die heute von der Caritas Arnsberg-­Sundern als Tagespflegeeinrichtung genutzt wird. Diese „WG auf Zeit“, wie sie die Organisatoren beschreiben, sorgt weiterhin für Leben in dem ehemaligen Gotteshaus. Zur Einweihung gab es einen feierlichen Wortgottesdienst mit anschließender Segnung – ein Zeichen der Wertschätzung. Diakon Herbert Rautenstrauch beschrieb die neue Nutzung damals so: „Zusammensein, Aktivitäten in Gemeinschaft und die Sorge für alte Menschen ist eine gemeinsame Aufgabe von Kirche und Gesellschaft.“

Aus einer Kirche in der Nordstadt Dortmunds wurde ein Hotel

Auch in der Dortmunder Nordstadt ist eine neue Nutzung entstanden, allerdings ohne den Ursprung des Gebäudes zu verbergen. Die ehemaligen Kirche St. Albertus Magnus sieht rein äußerlich aus wie eine Kirche. Im Inneren wurde es komplett zu einem Hotel umgebaut, das seit 2022 seine Gäste willkommen heißt.

Diese neue Nutzung macht neugierig. Als im Frühjahr 2023 der traditionelle Kreuzweg durch die Nordstadt zieht, ist auch die neu genutzte profanierte Kirche ein Stopp. Es zeigte sich: Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind bereits oft an dem Hotel vorbeigegangen. Jetzt riskieren sie einen Blick – und scheinen versöhnt zu sein mit der neuen Nutzung.

Dabei darf man allerdings nicht vergessen: Zwischen der Schließung aus baulichen Mängeln und der Neueröffnung als Hotel liegen 33 Jahre. Zeit, das hört man bei den Vorstellungen der einzelnen Bilder bezüglich der Immobilienstrategie immer wieder, sei ein wichtiger Faktor. Es brauche Zeit, um eine neue Nutzung zu finden – und eben auch, damit Wunden heilen können.

Denkmalschutz steht fest, doch wie wird das Gebäude weiter genutzt?

„Auch die Marienkirche soll als Identifikations- und Begegnungsort für die Bürgerinnen und Bürger erhalten bleiben.“ So steht es auf der Internetseite der Stadt Rheda-Wiedenbrück. Daran, dass das Bauwerk bleiben wird, besteht kein Zweifel. Dafür sorgt allein schon der Denkmalschutz für die spätgotische Hallenkirche von 1470. Doch was genau soll aus ihr werden? Als Gotteshaus wird sie nicht mehr gebraucht, haben die Verantwortlichen im Pastoralverbund Reckenberg entschieden.

Kletterkirche, Markthalle, Veranstaltungsort – aktuell läuft der Prozess, in dem geklärt werden soll, wie es konkret mit dem Gebäude weitergehen soll. Dafür gibt es enge Grenzen, denn auch viele Ausstattungsgegenstände im Inneren dürfen weder entfernt noch verändert werden. Das Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes, zu der seit Jahrhunderten viele Wallfahrer pilgerten, wurde bereits in die benachbarte Pfarrkirche St. Aegidius übertragen.

„Bevor Maria auszog“: Ausstellung im Museum zeigt, was aufgegeben wird

Wer sich eingehender mit dem Thema befassen möchte, hat es ebenfalls nicht weit: Im nur wenige Meter entfernten Stadt- und Kunstmuseum „Wiedenbrücker Schule“ ist noch bis zum 1. März 2026 die Ausstellung „555 Jahre Paterskirche – Bevor Maria auszog“ zu sehen. Sie ist eine gute Gelegenheit, sich einmal zu vergegenwärtigen, was alles verloren geht, wenn diese Kirche nicht mehr Kirche ist.

Ordensgründer Franziskus begegnet den Besuchern der Ausstellung gleich mehrfach.
Foto / Quelle: Andreas Wiedenhaus

Museumsleiterin Christiane Hoffmann hat die Ausstellung konzipiert und dafür viele Exponate zusammengetragen und arrangiert. Darunter eine ganze Reihe von Stücken, die selbst denjenigen Wiedenbrückern, die sich selbst als „paterskatholisch“ bezeichneten, neu sein dürften. Denn die Kirche ist untrennbar mit dem benachbarten Kloster verbunden. Mit einer Unterbrechung während des Kulturkampfes lebten dort zwischen 1644 und 2020 Franziskanerpatres und leisteten einen wichtigen Beitrag zur Seelsorge in der Stadt. So steht ihr Wirken ebenso im Fokus der Ausstellung wie die Baugeschichte der Kirche, an der „die Menschen hier in der Stadt wirklich hängen“, wie Christiane Hoffmann sagt. Sie sieht die Ausstellung aber nicht nur als Rückblick auf Vergangenes, auf einen Zeitraum, der nun nach 555 Jahren seinem Ende entgegengeht. Konzipiert sei sie auch als Diskussionsbeitrag im laufenden Entscheidungsprozess über die Zukunft des Bauwerkes, macht die Kunsthistorikerin deutlich. „Man merkt, was man aufgibt!“ Dieser Satz der Museumsleiterin dürfte jedem Besucher der Ausstellung im Gedächtnis bleiben.

Hintergrund

Die Ausstellung zur Marienkirche in Wiedenbrück ist mittwochs von 15.00 bis 18.00 Uhr sowie donnerstags, samstags und sonntags von 15.00 bis 17.00 Uhr geöffnet: Wiedenbrücker Schule, Museum für Kunst- und Stadtgeschichte, Hoetger Gasse 1 / Rietberger Str. 6, 33378 Rheda-­Wiedenbrück, www.wiedenbruecker-­schule.de

Lohnend ist zudem die Wanderausstellung „Kirchen als vierte Orte – Perspektiven des Wandels“, die der Verein Baukultur NRW zusammengestellt hat. Zu sehen sind Fotos aus profanierten Kirchen, die inzwischen neu genutzt werden, etwa als Fahrradladen. Zuletzt war sie in Düsseldorf zu sehen, neue Termine und weitere Informationen gibt es im Netz unter: https://www.­baukultur.nrw

0 Kommentare
Älteste
Neuste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anschauen