Von Marktschreiern und dem Blick eines Rinds
Die Grüne Woche in Berlin gilt als Europas größte Agrarmesse. Noch bis Sonntag hat sie ihre Pforten für Besucher geöffnet.
Ergonomische Stühle, eine Sauna für den heimischen Garten oder hitzebeständige Keramik aus Estland: Auf der Grünen Woche in Berlin gibt es nichts, was es nicht gibt. Ende letzter Woche eröffnet, tummeln sich unzählige Besucher auf der größten Landwirtschaftsmesse Europas. Dabei geht es um weit mehr als nur um Agrar – ein Rundgang vorbei an Marktschreiern, Kulinarik und Protesten fürs Tierwohl.
Auf der Messe angekommen gilt aber zunächst einmal: Akklimatisieren und Orientieren. Die knapp 119.000 Quadratmeter Fläche mit etwa 1.600 Ausstellern sind gut gefüllt; Menschen wuseln umher, bleiben stehen, schauen sich um. „Gott, wäre man doch nur ein paar Meter größer“, sagt eine ältere Dame auf der Suche nach dem nächsten Stand. Kein fließender Verkehr auf der A1, sondern stockender Gang zwischen Halle vier und sieben.
Kaffee aus Kolumbien, Datteln aus Marokko
Großen Raum auf der Messe, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert, nimmt die sogenannte World Tour ein. Verschiedenste Nationen aus aller Welt präsentieren landestypische Speisen und Getränke, sei es Kaffee aus Kolumbien, Käse aus den Niederlanden, Datteln aus Marokko oder, natürlich, Pizza aus Italien. Schweden bietet eine Elch-Bratwurst – lautstark beworben durch eine Art Marktschreier, dessen Stimme im akustischen Gewühl aus den Gesprächen der Besucher und dem Live-Auftritt einer litauischen Volksmusikgruppe die Oberhand gewinnt.
Die Grüne Woche ist ein Mikrokosmos, eine Welt für sich, in der neben den angebotenen Speisen auch ein angelegter Blumengarten, ein irischer Pub und eine virtuelle Landwirtschafts-Simulation am Stand des Freistaats Thüringen zu finden sind. Der Ursprung dieser Messe reicht dabei weit zurück: bis ins Ende des 19. Jahrhunderts.
Damals zog Jahr für Jahr eine Heerschar von Landwirten und Jägern in langen, grünen Lodenmänteln quer durch Berlin, um die durch die Stadt verteilten Stände der Wintertagungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft zu besuchen. Im Jahr 1926 wollte man schließlich eine zentrale Veranstaltung schaffen – die Grüne Woche, deren Name wohl von eben jenen Lodenmänteln stammt, war geboren.
Mit der Zeit bestimmten neben dem Verkauf von Lebensmitteln und Handwerkskunst auch immer stärker gesellschaftliche Themen die Messe. So schlägt die Grüne Woche auch ernstere Töne an. Beim Besuch der Halle 7.2c fallen die Stände der Hilfsorganisationen Brot für die Welt und Misereor ins Auge. „Es ist wichtig, dass die Themen Menschenrecht auf Nahrung und Hungerbekämpfung auf einer bedeutenden Ernährungs- und Landwirtschaftsmesse wie der Grünen Woche ihren Platz haben“, sagt Johanna Entrup, Landwirtschaftsexpertin bei Misereor, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Es müsse sichtbar werden, „wie eng unser Ernährungssystem mit globalen Handelsstrukturen verknüpft ist – und welchen Einfluss diese auf die Landwirtschaft sowie Lebens- und Arbeitsrealitäten von Menschen im Globalen Süden haben“. Auch das Entwicklungsministerium ist vertreten. Zum Auftakt der Messe hatte Ministerin Reem Alabali Radovan (SPD) ein neues internationales Hilfsprogramm unterzeichnet. Der Bund unterstützt ein Projekt, das weltweit Kindern Zugang zu gesundem Schulessen ermöglichen soll, mit 25 Millionen Euro.
VR-Brillen simulieren Sicht von Tieren
Auch das Tierwohl ist Messe-Thema. Am Stand des Netzwerk Fokus Tierwohl kann man durch eine VR-Brille seine Umgebung durch die Augen eines Rinds sehen. Die Tiere können die Farben Grün, Gelb und Blau gut wahrnehmen, sehen Rot dagegen als Grauton. Dazu ist zwar das Sichtfeld wesentlich größer. Der Bereich hingegen, den Rinder als scharf wahrnehmen, ist kleiner.
„Es ist wichtig, dass wir wissen, dass Tiere anders sehen als wir“, sagt Susanne Gäckler von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, die am Stand Auskunft gibt. So hätten Rinder eine höhere Bildrate als Menschen. „Licht, das wir als fließend empfinden, können Rinder flackernd wahrnehmen.“ Aus diesen Erkenntnissen ließen sich Handlungsempfehlungen ableiten – Stalllampen sollten demnach mindestens 120 Hertz besitzen.
Nicht nur in den Hallen, sondern auch vor dem Eingang geht es um die Lage der Tiere. Vor dem Messegelände hat Greenpeace vergangene Woche eine kleine Bühne aufgebaut: mit Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) als Marionette der Fleischindustrie. „Alois Rainer verzögert ein Gesetz zur verpflichtenden Haltungskennzeichnung von Fleisch- und Milchprodukten“, sagt eine Sprecherin. „Verbraucher müssen wissen, wie die Tiere gehalten werden.“
Das alles zeigt, was die Grüne Woche ist: eine Verkaufsshow und eine Weltreise. Zugleich aber ist sie auch ein Ort für Debatten und Kritik.
KNA