"Sie wollen kein Mitleid, sie wollen eine Lösung"
Klaus Dittmer kann sich noch an den Zweiten Weltkrieg in Berlin erinnern. Jetzt schickt er Körperersatzteile in die Ukraine.
Klaus Dittmer, 84 Jahre alt, ist ein beherzter Anpacker. An diesem Wintermorgen in seinem Berliner Wohnzimmer führt er mit geschickten Händen die Beugebewegung eines künstlichen Kniegelenks aus Titan vor. An seinem Sessel lehnen Beinprothesen, vor ihm auf dem Fußboden steht ein Karton mit einzelnen Füßen. „Als der Krieg in der Ukraine damals vor vier Jahren losbrach, saßen wir hier vor dem Fernseher, meine Frau und ich, und haben geweint“, erzählt Dittmer. Er ist ein Kriegskind, Jahrgang 1941; seine Frau wurde auf der Flucht vor der Roten Armee geboren.
Dann, nach dem ersten Schock, erwachte sein Unternehmensgeist: Seit Jahren schon hatte der Orthopädiemeister im Ruhestand Prothesen aller Art gesammelt – für Ausstellungen, zum Beispiel im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Aber auch, weil er nur schwer ertragen konnte, dass gebrauchte Prothesen in Deutschland und der EU nicht recycelt werden können: „Das Medizinproduktegesetz verbietet dies“, erklärt er. Die Ukraine dagegen gehört nicht zur EU – und so nahm Dittmer Kontakt zu einer Berliner Organisation auf, die seit langem eine Städtepartnerschaft mit Charkiw hat und ihm den Kontakt zu dortigen Kliniken und Rehazentren vermittelte.
Prothesen für Unterschenkel, Arme oder Füße
Seit 2022 sammelt er nun Körperersatzteile im Projekt „Hilfe für die Ukraine“ – zum Beispiel Unterarm- oder Oberschenkelprothesen, Füße und Kniegelenke. Er baut sie auseinander, reinigt sie, sortiert die Einzelteile und versendet sie mit Hilfe eines jungen Teams, das den Transport übernimmt. Rund 1.000 Sendungen mit jeweils hunderten Prothesenteilen hat er so bereits ins Kriegsgebiet geschickt. Dafür bekommt er Dankesbriefe von ukrainischen Fachkollegen.
„Prothesen haben mich ein Leben lang begleitet“, erzählt Dittmer, Vater von vier Kindern und Opa. Er kann sich noch gut an die Werkstatt seines eigenen Vaters erinnern, der ab den 1930er Jahren als Bandagistenmeister in Berlin-Mitte Prothesen baute: „Ich war gern da. Dort roch es immer so gut nach Leder und Holz.“ Sein Vater musste auch für NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, der einen Klumpfuß hatte, eine Orthese anfertigen, erinnert er sich: „Er brachte sie in dessen Villa auf Schwanenwerder vorbei und passte sie an.“
Das Hinterzimmer der väterlichen Werkstatt sei auch Zufluchtsort für verfolgte Juden gewesen, wenn sie eine Prothese brauchten, erzählt Dittmer. „Herr Deutsch zum Beispiel – er war von Nazis in Berlin so schwer misshandelt worden, dass sein Bein amputiert werden musste. Dann gelang ihm die Flucht nach Russland – und als er nach dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin zurückkehrte, suchte er die Werkstatt meines Vaters auf und erzählte seine Geschichte.“
Schon als kleiner Junge hörte Dittmer gern den Menschen zu, die in die Werkstatt kamen – viele von ihnen Soldaten, die im Ersten oder Zweiten Weltkrieg ein Bein oder einen Arm verloren hatten. „Sie erzählten ihre Geschichte, die zu Hause oft keiner mehr hören wollte“, sagt Dittmer und setzt hinzu: „Prothesen sind mehr als ein Hilfsmittel. Sie sind wesentlicher Bestandteil des Lebensglücks und eng mit der Biografie eines Menschen verknüpft.“
Es sind auch diese Geschichten, die Dittmer bei seiner Arbeit interessieren; sorgfältig archiviert er alle Informationen in einem Ordner von beachtlichem Umfang. Erst kürzlich kamen wieder ein Brief und ein Paket mit einem künstlichen Bein an: Sein Vater, schrieb der Sohn, habe 1941 bei Stalingrad als junger Mann von 20 Jahren ein Bein verloren. Er starb mit 101 Jahren. Gebrauchen könne er von der mitgeschickten, etwas in die Jahre gekommenen Prothese für die Ukraine zwar nichts – aber für Museen sei sie interessant. Ohnehin komme nicht alles infrage, was er an Ersatzteilen bekomme, sagt Dittmer: „Ein modernes elektronisches Kniegelenk, das ständig mit einer Powerbank aufgeladen werden muss, ist in der momentanen Situation dort mit dem ständigen Stromausfall nicht hilfreich.“
Und noch etwas anderes mache die Versorgung von Amputierten in der Ukraine schwierig, berichtet der Experte: „Die russischen Geschosse haben eine große Brennwirkung. Das heißt, dass die Menschen dort manchmal große Hautverbrennungen haben. Wenn dann keine Hauttransplantation gemacht wird, ist auch die Stumpfeinbettung sehr schwierig.“ Dittmer – blaue Augen, weißes Haar und ein herzliches Lächeln – ist viel in der Welt unterwegs gewesen, hat in jungen Jahren in den USA und in Tunis als Orthopädietechniker gearbeitet und als fertiger Orthopädiemeister in den 1990er Jahren auch gute Kontakte zu Werkstätten in Russland gepflegt.
Amputationen in Deutschland
So hat er damals etwa Fortbildungen von russischen Auszubildenden in der Orthopädietechnik in Berlin organisiert. Direkten Kontakt zu ihnen habe er nicht mehr, bedauert er. Aber er denke oft an sie: „Auf russischer Seite ist die Anzahl der Amputierten ja mindestens die gleiche wie in der Ukraine“, sagt er. Zusammen mit der Hamburger Landesinnung der Orthopädie will er für ukrainische Auszubildende bald eine ähnliche Fortbildung in Deutschland organisieren.
Etwa 60.000 Amputationen gebe es jährlich in Deutschland, sagt Dittmer. Die meisten Menschen hierzulande verlieren ein Körperteil durch eine Krankheit oder einen Unfall. „In diesem Job darf man keine Angst haben, mit dem schmerzhaften Schicksal anderer Menschen konfrontiert zu werden“, betont er. „Die wollen kein Mitleid, die wollen eine Lösung.“
Das sage er auch seinem 22 Jahre alten Enkel, der in vierter Generation anstrebt, Orthopädietechniker zu werden – und der manchmal etwas Zuspruch brauche. Viele der Menschen, die ihm im Laufe seines Lebens als Prothesenbauer begegnet sind, seien einfach froh gewesen, noch am Leben zu sein. „Einer erzählte mir zum Beispiel, dass er im Lazarett seine Frau kennengelernt hatte – er war so glücklich darüber.“
(KNA)