Schlag für Schlag bahnt sich Musiker Ralf Sunderdick einen neuen Weg
Vom Intensivbett zurück ans Schlagzeug und Klavier: Musiker und Komponist findet nach einem Schlaganfall mühsam zurück ins Leben.
Seine Drumsticks kann Ralf Sunderdick inzwischen wieder gut halten. In seinem Keller hat sich der Musiker und Komponist seinen Traum von einem elektronischen Schlagzeug erfüllt. Die Musik ist für ihn Leidenschaft – und zugleich eine gute Therapie beim Überwinden seines Schlaganfalls. Am 3. Oktober 2024 sollte sich sein Leben dramatisch verändern.
An das traumatische Erlebnis erinnert sich der 63-Jährige noch genau. Nach einer beruflichen Besprechung am Theater setzte er sich damals zu Hause ans Keyboard – und „meine Hand fiel wie ein nasser Sack auf die Tastatur“. Nach dieser beunruhigenden Erfahrung ging er zu Bett. Später, auf dem Weg ins Badezimmer, kippte der alleinlebende Mann um, spürte seine gesamte linke Körperhälfte nicht mehr. „Ich habe die ganze Nacht versucht aufzustehen, aber meine linke Seite gehorchte einfach nicht.“
Sechs lange Stunden
Kollegen machten sich Sorgen, weil Sunderdick am nächsten Tag nicht zur Arbeit erschien. Sie gingen zu seiner Wohnung, öffneten mit einem Reserveschlüssel die Tür und fanden ihn hilflos im Flur liegend – „sechs Stunden später – für einen Schlaganfall ist das eine halbe Ewigkeit“, weiß der Musiker. Denn bei einem Schlaganfall gilt: „Time is brain (dt. Zeit kostet Hirn) – jede Sekunde zählt“.
Er lag drei Wochen auf der Intensivstation. „Da werden Schäden bleiben“, erinnert sich Sunderdick an die Worte seines Arztes. „Er konnte nicht sagen, ob ich je wieder Schlagzeug oder Klavier spielen kann. ‚Sie haben Glück, dass Sie das überlebt haben'“, habe der Mediziner gesagt. „Aber überlebt wofür?“, fragte sich der Künstler. Musik war schließlich seine Welt.
„Mein Leben war immer bühnengeprägt, ich habe mein Leben auf der Bühne verbracht“, sagt der erfolgreiche Komponist und Toningenieur. In den 1980er Jahren war er als Schlagzeuger mit international bekannten Künstlern wie Ina Deter europaweit auf Tour. Am Theater Aachen hatte er Anfang der 1990er Jahre das Musical „Gaudi“ mitentwickelt, das später jahrelang im Kölner Musical Dome lief. Zuletzt komponierte und produzierte er Musik und erstellte das Sounddesign für ein Bonner Theater.
Wie sollte es also weitergehen? Schließlich hatte er das Gefühl für seine linke Körperhälfte verloren. „Meine Hand war anfangs ein einziger Klumpen, ich konnte sie nicht mehr bewegen – das machte mich komplett verrückt.“ Beidhändig ein Stück am Klavier spielen – undenkbar. Er konnte nicht mehr stehen, laufen, Rad fahren oder schwimmen. Sunderdick realisierte: „Alles, was ich gerne gemacht habe, geht nicht mehr. Womit fülle nun ich mein Leben?“
Eine Frage, die sich zunächst erübrigte. In der zweimonatigen Reha standen andere Dinge im Vordergrund. Er wollte unbedingt wieder gehen können, „ich bin stundenlang am Barren hin- und hergelaufen“. Unzählige weitere alltägliche Bewegungen und Handgriffe musste er sich erst mühsam wieder erarbeiten: Brötchen schneiden, abgepackte Konfitüre öffnen, eine Jacke anziehen.
Man müsse bereit sein, „viele Fehlversuche zu akzeptieren“, sagt er rückblickend. Wie andere Betroffene litt er unter einer Post-Schlaganfalldepression. Diese emotionale Seite sei „heftig“. Noch Monate später hatte er Alpträume über jene Nacht. Nach wie vor freut sich Sunderdick über kleine Erfolgserlebnisse: sich selbst die Zähne putzen und rasieren zu können, der Griff mit links zum Deoroller.
Im Alltag sieht man ihm heute seine Einschränkung kaum an, er spricht normal, läuft aber nicht so schnell und rund wie andere. So unscheinbar viele Bewegungen auch wirken – „es ist alles wahnsinnig anstrengend“, sagt der Bonner.
Noch immer fällt es ihm schwer, sich länger als ein paar Minuten zu konzentrieren. Briefe lesen, Formulare ausfüllen, eine Banküberweisung – für Sunderdick Schwerstarbeit. Grund ist eine neurologische Wahrnehmungsstörung, ein sogenannter Neglect, an der schlaganfall-betroffenen Körperhälfte. Bei Sunderdick führt dies dazu, dass er linkerhand Menschen oder Gegenstände übersieht, wenn er unterwegs ist: „Der Gesichtsausfall ist beängstigend.“
Musik zu machen, ist unter diesen Vorzeichen eine Herausforderung. „Als Schlagzeuger konnte ich früher alle vier Gliedmaßen unabhängig voneinander bewegen“, erinnert sich Sunderdick. Auch das Klavierspielen erfordere eine komplexe Fingerfertigkeit. Gerade deshalb ist Musikmachen Teil seiner Therapie – „man bekommt sofort eine Rückmeldung“.
Ein weiterer Vorteil für ihn: „Ich weiß noch, wie ich es erlernt habe – ich kann wieder bei Null anfangen, ich habe ja jetzt die Zeit“. Momentan bezieht der 63-Jährige eine Erwerbsminderungsrente. Die Hoffnung, eines Tages wieder beim Theater zu arbeiten, hat er noch nicht ganz aufgegeben. Aber er will sich nicht unter Druck setzen – und weiß, dass Ungeduld nur für Frust sorgt.
"Am Ball bleiben"
Inzwischen übt er wieder alte Kompositionen am Klavier. Im Schlafzimmer seiner neuen, barrierefreien Wohnung stehen ein E-Piano und ein Mischpult. Inzwischen kann er wieder vier, fünf Kilometer am Tag spazieren gehen. Auf seiner Terrasse steht ein Ergometer, am Theraband macht er Krafttraining, am Tablet Übungen für Feinmotorik der Hände. „Es ist wichtig, nach einer Therapiestunde auch zu Hause zu üben. Man muss am Ball bleiben und selbstständig daran weiter arbeiten.“
Dennoch ist ihm klar: „Wie früher wird das nicht mehr“. Trotzdem sagt der Bonner, er habe „unglaubliches Glück gehabt“. Er weiß sich unterstützt von einem guten Netzwerk – Ergo- und Physiotherapeuten, einer Neuropsychologin, der Schlaganfallselbsthilfegruppe, seinen Theaterkollegen, seiner Schwester. Sunderdick hadert nicht mit seinem Schicksal: Er könne ein selbstbestimmtes Leben führen. „Ich bin nicht krank, aber ich habe mein Leben umstrukturieren und mich ganz neu sortieren müssen.“
Sein Rat an andere? „Passt auf Euch auf, geht zum Arzt, achtet auf Eure Ernährung, statt tonnenweise Medikamente zu nehmen“, sagt er. „Hört mit dem Rauchen auf, betreibt Prophylaxe – gewisse Dinge kann man beeinflussen.“ Er selbst habe viel gearbeitet, geraucht und hatte Bluthochdruck. Sein Arzt verschrieb ihm Tabletten. Als sich die Werte wieder normalisiert hatten, setzte Sunderdick die Tabletten ab, machte sich keine weiteren Gedanken. Wenig später erlitt er den Schlaganfall. Und der Künstler weiß, dass es auch junge, sportliche Menschen treffen kann.
Er möchte anderen Betroffenen Hoffnung machen – „es ist viel Arbeit, aber es geht“. Die größte Herausforderung für ihn sei es gewesen, „die positive Einstellung im Leben wiederzufinden; ich versuche, was Positives aus der ganzen Misere zu ziehen“. So gehe er heute anders – und notgedrungen weniger gehetzt – durch die Welt. Ihm ist es wichtig, „sich die Wachheit für die schönen Dinge im Leben zu bewahren“.
Auf seinem Elektroschlagzeug müsse er jetzt „ganz von vorne anfangen. Wie ein Kind muss ich üben und immer wiederholen – da bin ich als Musiker im Training“. Sunderdick sagt auch: „Ich muss nicht in einem Jahr alles erlernen“. Und vielleicht könne er bald Nachbarskindern Schlagzeugunterricht geben, überlegt der Bonner. „Ich habe noch Zeit, bis der Deckel zugeht, um schöne Sachen zu machen.“
KNA